Ohne Handy oder Entenschnute

Kirsten Fuchs über die geplante Verfilmung ihres Romans "Mädchenmeute", Rollenbilder und das Erzgebirge

Chemnitz.

Am Samstag startet die "Freie Presse" ihren neuen Fortsetzungsroman. In "Mädchenmeute" erzählt die Autorin und Kolumnistin Kirsten Fuchs von einer Gruppe Schülerinnen, die aus einem Ferienlager ausbricht und in die Wildnis des Erzgebirges flieht. Sarah Hofmann sprach mit der Autorin über Hintergründe des Buches und seine baldige Verfilmung.

Die Idee zu "Mädchenmeute" kam Ihnen angeblich beinahe als Eingebung. Was ist passiert?

Kirsten Fuchs: Ich hatte mal einen sehr intensiven Traum von einer großen Mädchengesellschaft in einer verlassenen Stadt mit Industriebrachen. Sie waren vielleicht acht Jahre alt und total auf sich gestellt. Sie ritten auf Hunden und hatten irgendwelche Feinde, mussten jagen und kämpften um die Rangfolge. Da ist dann natürlich eine ganz andere Geschichte draus geworden, aber dieser Traum war auf jeden Fall der Anfang. Ich wollte dann aber doch eher etwas Realistischeres.

Woher kommt diese Sehnsucht nach dem Leben in der Wildnis?

Ich hatte solche Aussteigersehnsüchte schon immer. Davon handelten auch die Abenteuerbücher und -filme meiner Kindheit. Abhauen, ohne Erwachsene, eine Gruppe von Kindern oder Jugendlichen - sowas habe ich geliebt!

Folgt die Beschreibung dieser Sehnsucht nicht auch einem aktuellen Trend?

Ich weiß nicht, ob das Trend ist. Die Realität, vor der man in die Wälder oder fremde Zivilisation flüchten will, ist ja nur scheinbar schlimmer geworden - sie war schon immer erschreckend für Heranwachsende: dass immer noch Krieg geführt wird, die Gefährlichkeit der Menschen, Skrupellosigkeit. Der Gedanke, all dem den Rücken zuzuwenden, ist ja naheliegend.

Den Mädchen werden gleich am Anfang des Buches die Handys genommen. Kann man Jugendliche denn so erreichen?

Klar, die lesen doch auch gerne Sachen von früher oder aus ganz anderen Welten, ohne Smartphone oder auch mit noch komplizierterer Technik. Ich denke sogar, dass es superwichtig ist, die Erwachsenen als erstes zu entfernen und dann die Geräte: Die sollen sich doch unterhalten und nachdenken, nicht nur das Internet befragen, um Hilfe rufen oder ein Bild rumschicken, wie sie am Abgrund stehen mit Victory-Fingern und Entenschnute. Mich interessiert, wer sie sind, wenn sie sich nicht über Bande helfen oder von außen bewerten lassen.

Die Handlung läuft im Erzgebirge. Hatten Sie da einen bestimmten Ort vor Augen?

Ich war da zweimal zum Recherchieren, am Auberg, in Schwarzenberg, Annaberg-Buchholz und an der Talsperre Sosa. Dann hab ich mir die Wälder, die ich für die Handlung brauchte, zusammengebaut und näher zusammengeholt. Die Stadt ist verfremdet, eine Sage ist erfunden und viele Ortsnamen. Vieles stimmt aber auch. Nach der ersten Recherchereise wusste ich, dass das Erzgebirge eine viel größere Rolle spielen wird, als erst gedacht, weil diese Bergbauhinterlassenschaften so toll waren, die Grenznähe, die Tiefe der Wälder und diese irren Sagen. Der Wald ist wirklich an einigen Stellen sehr wild. Das hatte ich nicht so erwartet, das hat mich sehr begeistert.

Wie wichtig war dabei der Fokus auf eine Gruppe von Mädchen?

Ich wollte, dass es in diesem Buch normal ist, dass Mädchen dasselbe tun wie Jungen. Weil ich hoffe, dass es wirklich so ist! In der DDR hat man behauptet, dass es keine Unterschiede gibt, und man erzählt es bis heute den Kindern. Ich habe das auch geglaubt, aber meine Tochter sagt: "Oh, das Fahrrad ist kaputt, das müssen wir Papa sagen" oder "Das ist Jungskram!" Dabei bin ich Zuhause die, die baut und repariert, und der Mann kocht. Trotzdem hat sie aus den Trickfilmen und Büchern ein Männer- und Frauenbild, gegen das ich ankämpfe. Auch dieses "Jungs ärgern Mädchen und Mädchen sind dann die Klügeren" geht mir total auf den Keks. Ich tue in dem Buch ein bisschen so, als wäre es eben nicht so.

Und herausgekommen ist ein Buch nur für Mädchen?

Ich mag es schon, wenn junge Mädchen das lesen, denn dann denke ich: "Oh, hätte es dieses Buch doch damals gegeben. Ich hätte es geliebt." Aber es lesen auch viele andere Menschen mit irgendwelchen Geschlechtern und in irgendeinem Alter. Es ist für Leute, die Spannung, Literatur, Natur und Witz mögen.

Klingt auch nach einem guten Stoff für eine Verfilmung.

Der Chemnitzer Filmemacher Olaf Held arbeitet am Drehbuch und wird es auch verfilmen. Ich bin darüber sehr froh, weil ich glaube, dass es genau der Richtige macht. Nächstes Jahr sollen angeblich die Dreharbeiten sein. Natürlich im Erzgebirge.

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