Ornament und Versprechen

Die Künstlerin Anett Lau ist auf der Suche nach dem Ur-Ornament, dem die Berlinerin mit Lilie und Lebensbaum - den Mustern zweier vogtländischer Textilschulen - auf die Spur gekommen ist.

Berlin.

Anett Lau sitzt auf dem Fußboden ihres Ateliers in Berlin vor einer Mappe mit großen, bedruckten, be- und gezeichneten Blättern. Seite für Seite deckt sie auf - die Topographie eines langen Arbeits- und Denkprozesses, der für die Künstlerin im Vogtland ihren Anfang nahm. Vielleicht auch viel früher. Und nun führt sie ihr künstlerischer Weg immer weiter zurück - auf der Suche nach dem Ur-Muster, dem Ur-Ornament.

Geboren 1967 in Greifswald, wurde Anett Lau zunächst "Staatlich anerkannte Krippenerzieherin". 1993 schloss sie in Reichenbach im Vogtland ein Studium als Ingenieurin für Textilgestaltung, Spezialisierung Druck, ab. 2001 machte sie ihr Diplom an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee in den Fachrichtungen Textil- und Flächendesign.

In ihrem Zimmer hängen riesige Scherenschnitte, die auf den ersten Blick als solche kaum noch erkennbar sind. Die feinen, unregelmäßigen Muster, florale, ornamentale Motive oft, aus alten Tapeten geschnitten, ordnet Anett Lau kunstvoll zu einer neuen Unregelmäßigkeit, einer neuen Unordnung, die ihrerseits wieder eine Ordnung bildet. Ihr "Held der Arbeit" etwa besteht aus alten Arbeitsbescheinigungen, gefunden im verlassenen Büro einer LPG, die unter einer filigran geschnittenen Tapete sichtbar werden.

Das einst Nützliche wird zum Schönen. Was Bestandteil einer Ordnung war, verliert sich und gewinnt damit im Schöpferischen, Unordentlichen. Diese Dialektik zwischen Chaos und Ordnung, Regeln und Maßlosigkeit, Wissen, Intuition und Zufall machen den Reiz und das Besondere in Anett Laus Arbeiten aus. "Ornament - Muster - Raum sind mein künstlerischer Schwerpunkt", beschreibt sie selbst ihre Intention. Eindrucksvoll verwendet sie für ihre Scherenschnitte die verschiedensten Materialien: alte Papiere, Tapeten, Lohnbescheinigungen und Formulare - Dinge, die eine Geschichte haben, die diese Geschichte erzählen und in Anett Laus künstlerischen Arbeiten eine neue Geschichte bekommen.

Diese Suche, diese Sucht nach Geschichte und Geschichten mag es auch gewesen sein, die die Künstlerin während eins Grafiksymposiums 2013 in Plauen auf zwei typisch vogtländische Motive textiler Gestaltung gebracht hat, denen sie seitdem nachspürt. Da ist einerseits die Lilie, das uralte Symbol der Reinheit und Unschuld, aber auch der Macht, des Reichtums und des Todes.

Anett Lau fand es als Mustervorlage des Plauener Professors Richard Schauer im Stadtarchiv Auerbach/Vogtland. Und dann der Lebensbaum, Symbol der Schöpfung, der Fruchtbarkeit, des Lebens, der Verbindung von Himmel, Erde und Unterwelt, den sie in der Bibliothek des Instituts für Textil- und Ledertechnik in Reichenbach als Mustervorlage von Alfred Merkel für die Reichenbacher Schule entdeckte.

Was das Leben und die vogtländische Textilindustrie streng getrennt hatte, sucht Anett Lau in ihrer künstlerischen Arbeit wieder zu vereinen. Das Vogtland ist eine raue Landschaft - genau genommen nicht einmal eine, sondern viele Landschaften. Vielleicht haben auch deshalb die beiden vogtländischen Textilschulen verschiedene Grundmuster. Manchmal scheint Annett Lau von den Ergebnissen ihrer Recherchen selbst überrascht und überwältigt zu sein. Alles hängt mit allem zusammen - und so wachsen unter ihren Händen Lilie und Lebensbaum wieder ineinander, werden zu einem neuen Ornament, rühren damit an ein Urmuster aller Kunst und allen Lebens und führen zusammen, was die Geschichte getrennt hat.

Das Ornament ist Schmuck, ist Ausdruck einer Sehnsucht nach Ordnung - Symmetrie, Ausgewogenheit - es reagiert auf sein Gegenteil. Das Ornament schlägt Löcher in die Welt, in die Wand, es öffnet und schließt, es ordnete dem Menschen anfangs die Welt. Vielleicht ein Grund dafür, warum der Architekt Adolf Loos das Ornament für ein Verbrechen in und an der modernen Welt hielt, wie er 1908 in seinem Vortrag "Ornament und Verbrechen" sagte. Doch wenn der Künstler, nach Theodor W. Adorno, Chaos in die Ordnung zu bringen habe, so folgt er dieser Aufgabe manchmal auch, indem er das Chaos zum Ornament ordnet - wie Anett Lau, die ihre Ornamente dann aber wieder in ein neues Chaos führt.

Bei ihren Recherchen über die Ursprünge der vogtländischen Ornamentik hat sie in Archiven und Bibliotheken im Vogtland und anderswo geforscht, ist bis auf den Mystiker Jakob Böhme zurückgekommen. Für ihn stand der Baum des Lebens "gar lieblich, süße und wonnereich, gleich (dem) himmlischen Freuden-Reich" gegen die irdische "grimme Qualität, darinnen der Fürst der Finsternis wohnet".

Gern würde Anett Lau weiter forschen auf der Suche nach dem Urmuster, dem Urornament, nach dessen Ursprung und seiner Bedeutung heute. Tief ist sie schon eingedrungen in die künstlerische, philosophische und soziale Geschichte der textilen Ornamente und ihrer Bedeutung für die Menschen, die mit diesen Symbolen leben und arbeiten - bis heute. Doch diese Forschungen brauchen Zeit - und Zeit ist für jeden Künstler Geld, weshalb eine Unterstützung der Arbeit Anett Laus in Form von Ausstellung, Stipendium, Projektförderung durch vogtländische Institutionen gut denkbar wäre. So würde am Ende vielleicht zusammen wachsen, was zusammen gehört, obwohl es die "Mode streng geteilt", wie Schiller schrieb.

Lebensbaum und Lilie: Es entstünde eine Art Tischdecke aus Papier, bedruckt mit dem Lebensbaum als Wurzel, aus dem eine Lilie wächst - gleichsam "unter dem Motto: Leute setzt euch an einen Tisch; wenn ihr das nicht schafft, was habt ihr davon? Der Kaffee wird kalt, der Kuchen alt..." Das aber zielt auf eine Gemeinsamkeit, die als Versprechen einer lebenswerten Welt bis in die Anfänge der Menschheit reicht, und weit über das Vogtland hinaus.

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