Werbung/Ads
Menü

Themen:

Verschiedene Epochen, ähnliche Denkweise - Führerkult und Besinnung auf vermeintliche nationale Größe sind zu Facetten des russischen Alltagsbildes geworden: Kaffeebecher mit Bildern Lenins und Stalins, Wladimir Putins und Ministerpräsident Dmitrij Medwedews sowie des Gründers der Geheimpolizei Tscheka, Feliks Dserschinski (v. r.), an einem Verkaufsstand in Moskau.

Foto: Imago

Russlands starke Männer

Nicht nur Präsident Wladimir Putin gilt den Russen als sakrosankt. 75 Jahre nach der Schlacht von Stalingrad verehrt mancher von ihnen auch Josef Stalin als gottgleichen Helden: Eine makabre Kinokomödie über seinen Tod wurde jetzt in Russland verboten. Im Streit um die historischen Verdienste Stalins fliegen derweil vor laufenden TV-Kameras auch schon mal die Fäuste.

Von Stefan Scholl
erschienen am 09.02.2018

Moskau. Vor einer Moskauer Kneipe stehen ein paar Männer im Schnee. Sie haben einige Halbliter-Gläser geleert, ein gedrungener Enddreißiger umarmt einen Deutschen, den er gerade kennen gelernt hat. "Mann Alter, das ist doch Klasse, dass wir Russen euch Deutschen schlagen!" "Wie schlagen?", fragt der Deutsche verdattert. "Na totschlagen!", der Russen strahlt seinen neuen deutschen Freund an, seine Pranken klopfen friedfertig auf seine Schultern. Russische Herzlichkeit hat manchmal etwas Verstörendes.

Unlängst beging Russland in Wolgograd das 75-jährige Jubiläum der siegreichen Schlacht von Stalingrad. Damals kapitulierten die Reste der deutschen 6. Armee. Die Schlacht mit fast einer Million Toten gilt als Anfang vom Ende Hitlerdeutschlands. Russland feiert sie inzwischen als Mutter aller Siege. Außerdem herrscht Präsidentschaftswahlkampf.

Kurz zuvor hatte Russlands Kulturministerium die Kino-Lizenz für die britisch-französische Filmkomödie "Der Tod Stalins" annulliert. Josef Stalin, Stalingrad und die Sowjetunion sind in Russland viel lebendiger, als man im Westen annimmt. Der vor schwarzem Humor triefende Film überschreite die sittliche Grenze zur Geschichtsverhöhnung, erklärte Kulturminister Wladimir Medinski. Wer zeige, wie der tote Stalin in einer Urinlache liege, der missachte auch die Opfer der stalinschen Repressionen, schimpfte der Kino-Regisseur und Generaldirektor der Mosfilm-Studios, Karen Schachnasarow. Und Pawel Grudinin, der für die Kommunistische Partei der Russischen Föderation als parteiloser Kandidat zur Präsidentschaftswahl 2018 antritt, verglich den "Tod Stalins" mit einer Comedy über "die Kreuzigung Jesu Christi".

Eine heftige Stalin-Debatte ist entbrannt. Sie gipfelte jüngst vorerst im Studio von Radio Komsomolskaja Prawda: Dort schickte der Publizist Maxim Schewtschenko seinen Kollegen Michail Swanidse vor laufenden Kameras mit mehreren Faustschlägen zu Boden, nachdem der dem Kontrahenten seinerseits Schläge angeboten hatte: Swanidse hatte zuvor lautstark und unter heftigem Widerspruch Schewtschenkos Stalins Verdienste am Sieg über Deutschland im "Großen Vaterländischen Krieg" bestritten. Dieser habe bei den "Säuberungsaktionen" der Zeit vor dem Überfall der Wehrmacht auf die UdSSR 1941 fast die gesamte Führungsriege der Roten Armee ausgelöscht und Warnungen vor dem drohenden Krieg ignoriert.

Stalin spaltet die Intellegenzija Russlands, ebenso wie das öffentliche Bewusstsein im Land. Nach einer Umfrage des Lewada-Meinungsforschungszentrums wertet zwar nur jeder vierte Russe die Stalinschen Repressionen als historisch gerechtfertigte Notwendigkeit. Aber laut Lewada-Zentrum halten 38 Prozent der Bevölkerung Stalin für die herausragendste Persönlichkeit der Weltgeschichte, gefolgt von Wladimir Putin und dem Dichter Alexander Puschkin mit je 34 Prozent.

Offenbar mögen die Russen Gedichte. Aber noch mehr mögen sie starke Männer. Auch wenn die nicht zimperlich mit dem eigenen Volk umspringen.

Von Demokratie halten die Russen indes weniger. Nach knapp 70Jahren UdSSR lernte das Land in den 90er-Jahren einen Kapitalismus kennen, der stark dessen Parodien in der sowjetischen Satirezeitschrift "Krokodil" ähnelte: Banditen gingen über Leichen, Ersparnisse einfacher Leute lösten sich in Luft auf. Korrupte Reformminister schoben Gaunern riesige Ölfelder zu, und der Staatschef war ein Alkoholiker. Ein Großteil der Russen geht davon aus, dass Marktwirtschaft und Pluralismus auch im Westen gefälscht sind, nur raffinierter. Die Freiheit der Jelzin-Ära aber erlebte die Masse von ihnen als Kampf ums nackte wirtschaftliche Überleben.

Dann kam mit der Jahrtausendwende Wladimir Putin, erklärte, man müsse die tschetschenischen Terroristen im Klo ersäufen. Ein populistischer Staatschef, noch dazu einer mit Fortune: Der kletternde Ölpreis zog das Bruttosozialprodukt mit sich. Millionen Russen erlebten unter Putin, dass man sich plötzlich Ikea-Möbel, Audi-Limousinen oder Pauschalurlaub in der Türkei leisten konnte, auch wenn der einzige oppositionelle TV-Sender gleichgeschaltet wurde.

Die Mehrheit der Russen hatte nichts gegen die politische Rückkehr in den spätsowjetischen Nachtwächterstaat. Einen heroischen Nachtwächterstaat zumal. Putin attestiert seinen Landsleuten ein "Sieger-Gen", Kinofilme, TV-Serien und Geschichtsbücher feiern die Überlegenheit russischer Krieger von Alexander Newski bis zum sowjetischen Eishockeynationalteam. Aber der Höhepunkt allen Heldentums ist der siegreiche Kampf gegen Nazideutschland. Inzwischen betrachtet man sich als einzig wirklichen Gegner Hitlers. Die Russen, die in fast jeder Familie Kriegstote zu beklagen haben, glauben das gern. So wie sie an den Generalissimus glauben, der Hitler überlistete, die UdSSR zur Atommacht machte, vor der auch die USA zitterten. Stalins Mythos gerät zusehends zur historischen Rückverlängerung des Kults um Wladimir Putin. Um den schart sich heute ja ebenfalls das Volk, um der feindlichen Welt zu trotzen. Und dazu braucht er nicht mal Massenterror. Dass ihre Vorfahren vor Stalin zitterten, interessiert nur eine Minderheit. Im patriarchalischen Russland gilt es als unziemlich, unschöne biografische Details eines nationalen Führers unter die Lupe zu nehmen. So schwebt Stalin als Pfeife rauchende Ikone überm Pulverdampf der Vergangenheit. Und über Ikonen machen Russen keine Witze.

Aber die penetrante, schmeichelhafte Propaganda vom russischen Heldenvolk kommt an. Die Russen lachen über neue Witze: "Merkel sagt zu Putin: ,Ich finde es nicht gut, dass Ihr Eure Parade zum Tag des Sieges dieses Jahr in Sewastopol (Stadt auf der 2014 von Russland annektierten ukrainischen Halbinsel Krim, d. Red.) veranstaltet.' Putin antwortet: ,Gut, nächstes Jahr findet sie in Berlin statt.'" - Deftig-dominanter Humor. In russischen Whatsapp-Gruppen kursiert das Video von einem blau gekleideten Väterchen Frost (der sowjetischen Version des Weihnachtsmannes), der einem kleinen amerikanischen Jungen auf russisch erklärt, er müsse ein Gedicht aufsagen. Daneben sitzt gefesselt und geknebelt ein roter, westlicher, Nikolaus. Und wer in Moskau oft Taxi fährt, gerät bisweilen an einen Fahrer, der ihn belehrt: "Das russische Volk ist entschlossen, in seiner tausendjährigen Zukunft das Weiße Haus zu zerstören..."

Doch die meisten Russen sind keine Freaks. Sie horchen zwar auf, wenn sie eine westeuropäische Sprache hören, Ausländer sind hier noch immer selten. Aber dann lächeln sie, freuen sich. Auch die Nachfahren der "deutsch-faschistischen Besatzer" rufen meist Euphorie hervor. Manchmal hört man seltsame Komplimente über Hitlers Leistungen als Straßenbauer und Feldherr. Russen haben eben ein Faible für starke Männer. Noch öfter aber erinnern sie sich an Erzählungen ihrer Großmütter, wie die deutschen Soldaten sich im Krieg aufgeführt haben. Wobei Anekdoten von geschenkter deutscher Schokolade oder glimpflich endenden Schlägereien zwischen Landsern und Dorfjugendlichen das offizielle Geschichtsbild oft konterkarieren. Die staatliche Krieger- und Siegerpropaganda ist ziemlich lückenlos, aber sie liegt nur als dünner Film über viel tiefere Bewusstseinsströmen.

In dutzenden Städten stehen wieder Stalin-Denkmäler. Aber außer Kriegsgefallener gedenkt man privat auch Angehöriger, die im Gulag umkamen. Man verhöhnt Europa angesichts dort wachsender Akzeptanz für Homosexualität als "Gayropa". Aber "Euro-Renovierung" gilt als Gütesiegel für handwerklich-innenarchitektonische Qualität. Man misstraut dem Westen und kauft ihm doch immer wieder alles ab. Und durch das weit offene Internet holt man sich alle möglichen Ideen, Trends und Moden aus dem Westen. Wehrpflichtige tanzen vor Denkmal-Panzern den Modetanz Twerk. Moral- und Bewusstseinsebenen kollidieren. Man feiert die Überlegenheit der "traditionellen, christlich-russischen Moral" - und zugleich ist die Mordrate in Russland neunmal höher als in Deutschland.

"Die Soziologen nennen den Zustand unserer Gesellschaft Anomie", sagt der Historiker Wladimir Ryschkow, bis 2007 einer der letzten Oppositionellen in der Staatsduma. "Es gibt keine allgemein gültigen Normen und moralischen Grundsätze mehr. Wir sind gleichzeitig für und gegen Stalin, beschwören die Stärke der russischen Familie und haben dabei horrende Abtreibungsraten." Russland sei ähnlich orientierungslos wie Deutschland in der Weimarer Republik.

Um diesem Wirrwarr zu entkommen, setzt Russland - wie unter Stalin - auf überlebensgroßes Führungspersonal. "Das ist der Erdball", sagt die Zweitklässlerin Darja, sie dreht einen Luftballon um die eigene Achse und grinst. "Und wenn Putin sagt, er soll sich in die andere Richtung drehen, dann dreht sie sich in die andere Richtung."

Auch Russlands Grundschullehrer sehnen sich nach Helden im XXXL-Format. (mit tk)

 
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
0
Kommentare
0
Kommentieren (für Digital- und Printabonnenten)

Lesen Sie auch

Bildergalerien
  • 24.02.2018
Bernd Thissen
Bilder des Tages (24.02.2018)

Winterwetter, Nur für Enten!, Neuer Name, Auf der Jagd, Eiskalt, Fahrerflucht, Wie geht das? ... ... Galerie anschauen

 
  • 23.02.2018
Hendrik Schmidt
Biathleten holen Staffel-Bronze: «Hauptsache eine Medaille»

Pyeongchang (dpa) - Der Traum von Olympia-Gold erfüllte sich zwar nicht, trotzdem hüpften die deutschen Biathleten nach dem dramatischen Staffelrennen freudig auf das Podest. zum Artikel ... Galerie anschauen

 
  • 23.02.2018
Antonio Calanni
Bilder des Tages (23.02.2018)

Kraftpakete, Catwalk, Nestbau, Winter-Golf, Sonne am Haken, Vor der Tafel, Lama-Liebe ... ... Galerie anschauen

 
  • 22.02.2018
Jörg Carstensen
Michael Schulte gewinnt ESC-Vorentscheid in Berlin

Berlin (dpa) - Am Ende passte beim deutschen ESC-Vorentscheid dann alles zusammen: Ein sauber inszenierter Popsong mit rührender Geschichte. Ein eindeutiges Ergebnis. Und ein entspannter Sieger, der die Wahl auf Nachfrage sofort annimmt. Letzteres ist seit dem Skandal um Andreas Kümmert im Jahr 2015 ja keine Selbstverständlichkeit mehr. zum Artike ... Galerie anschauen


 
 
 
 
 
am meisten ...
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Onkel-Max-Frage
Warum lecken sich Kühe ständig über Maul und Nase?
Onkel Max
Tomicek

Mein Enkel Arthur (5) ist sehr wissbegierig. Er wollte von mir wissen, warum sich die Kühe, die wir auf der Koppel beobachteten, immer mit der Zunge "übers Maul fahren" und dabei bis in die Nasenlöcher gelangen. Da ich noch nie darüber nachgedacht habe, konnte ich ihm darauf leider keine Antwort geben. (Das schreibt Irmgard Geisler aus Chemnitz.)

Antwort lesen
 
 
 
 
 
 
 
 
 
|||||
mmmmm