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Gucken grimmig, sind es aber nicht: Takao Baba (vorn) und die KompanieE-Motion tanzten humorvoll zwischen deutscher und japanischer Kultur, zwischen "Tatort"-Musik und Gebetshaltung.

Foto: NYP Photography/Theater

Vom Rauen, das nicht abperlt

Das Internationale Tanzfestival in Chemnitz ist am Sonntagabend zu Ende gegangen - mit Grenzerfahrungen und einem Ausrufezeichen für die Zukunft.

Von Katharina Leuoth
erschienen am 20.06.2017

Chemnitz. Sonntagabend, beste "Tatort"-Zeit. Eine Frau steht irritiert in einem Chemnitzer Park. Mit Akzent fragt sie einen Passanten nach dem Schauspielhaus. Da vorn, sagt der Mann, ich will auch dorthin, kommen sie mit. Auf dem Weg erzählt die Frau, dass sie sich das Tanzfestival anschaut, Freitagabend war sie zur Aufführung im Stadtzentrum, das war ein bisschen verrückt, sagt sie und lacht, der Mann hört aufmerksam zu. Was für ein Sinnbild für das Tanzfestival! Die interessierte Fremde und der freundliche Ortskundige, als hätte die Marketingabteilung des Theaters die beiden da hingestellt. War aber echt. Und dann kamen sie am Schauspielhaus an - zur diesjährig letzten Aufführung des Internationalen Festivals für zeitgenössischen Tanz mit dem Titel "Tanz Moderne Tanz". Bereits zum dritten Mal seit 2015 holte das Ballett am Chemnitzer Theater mit dem Festival gastfreundlich das Fremde in die Stadt.

Seit Mittwoch wurden acht Stücke mit Tänzern unter anderem aus der Republik Elfenbeinküste, China, Indien, Frankreich und Finnland gezeigt. Hinzu kamen Workshops für Laien. Insgesamt zählte das Theater rund 1400 Besucher, annähernd so viele wie 2016, im ersten Jahrgang waren es 1800 gewesen.

Sabrina Sadowska, designierte Ballettdirektorin am Chemnitzer Theater und Festivalchefin, möchte, dass die junge Sparte des zeitgenössischen Tanzes hier Fuß fasst. Es ist eine weitere Spielart der Kunst, die uns Emotionen ansprechend zeigt, wie Gesellschaften und Individuen ticken. Dieser Tanz nutzt neue Ausdrucksformen, die meist nichts mehr mit klassischem Ballett zu tun haben. Es geht nicht um glatte und geschmeidige Unterhaltung (die ihre Berechtigung behält), sondern um raue, eckige, ungewohnte Bilder, die nicht einfach abperlen, sondern sich im Betrachter festhaken können. Wenn der Tänzer nicht tanzt, sondern das Publikum mustert, wenn Choreografien zur Abfolge abstrakter Gemälde werden, wenn Themen auftauchen, die schwierig sind. Bilder, die im Kopf präsent bleiben, und sei es mit Fragezeichen, auf denen sich herumdenken lässt.

Das Festival hat eine immense Vielfalt gezeigt. Das sorgfältig, langsam getanzte Solostück des Afrikaners Konaté; die extravaganten Hebefiguren der Chinesen; das mit Hip-Hop-, Breakdance-Elementen und Witz durchdrungene Stück von Takao Baba, der als einer der führenden Hip-Hop-Choreografen Deutschlands gilt, japanische Wurzeln hat und mit der Kompanie E-Motion das Wandeln zwischen japanischer und deutscher Kultur tanzte, zwischen "Tatort"-Musik und Gebetshaltung. Es bleibt in Erinnerung das stolze Lächeln jugendlicher Breakdancer aus Sachsen, die sich nach dieser Aufführung einen Wettstreit im Schauspielhaus liefern durften, von den professionellen Tänzern bewertet. Es bleiben auch Bilder anderer Stücke hängen, die orgastisch zuckenden Leiber der Kompanie Cocoondance, eine Hommage an den Körper; und die "verrückte" - wir erinnern uns an die Dame im Park - Aufführung in der Stadt, bei der die französische Gruppe Nihilo expressiv zwischen Kirche und Rathaus tanzte; auch das Chemnitzer Ballett bewegte sich derart durch die Stadt; es gab indischen Tanz und glückliche Damen, die zuvor an einem Workshop mit indischen Tänzerinnen teilgenommen und mit dem Choreografen Ashley Lobo - in Indien als Juror der Talenteshow "India's Dancing Superstar" bekannt - meditiert hatten. Am Sonntag zeigte die französische Kompanie Samuel Mathieu ein Stück über Grenzerfahrung und Systemwechsel, sie verrückte Tische auf der Bühne, die Menschen festhalten, aber sind die Tische fortgeschoben, steht die Frage, was den Freiraum füllt. Grandios bei allen Stücken das Licht, auf den sparsam ausgestatteten Bühnen ließ es Schatten tanzen, umriss Profile, ließ Tänzer im Dunklen erahnen oder im kalten Licht ohne Verstecke stehen.

Was ebenso bleibt, ist die Erkenntnis, dass dieses Festival zwar sein Publikum, aber auch das Potenzial hat, viel mehr Zuschauer zu begeistern und dazu zu bringen, sich eine Meinung zu bilden - auf Grund der hoch professionellen Tänzer, die dramaturgisch rote Fäden zogen und mit ihren Bildern überraschten. Es bleibt auch das Ausrufezeichen, dass das Festival wie gemacht ist für die Bewerbungsmappe von Chemnitz auf dem Weg zur Kulturhauptstadt. Ein Baustein, der für die "Stadt der Moderne" steht, ohne sich dabei erklären zu müssen.

 
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