Kampfparolen ums Tierwohl auf der Grünen Woche in Berlin

Auf der Grünen Woche wird über die künftige Ausrichtung der Landwirtschaft gestritten. Im Fokus steht der Tierschutz. Und die Sorge von Verbrauchern, ob das, was sie auf dem Teller haben, aus einer Tierfabrik kommen könnte.

Berlin.

Rebecca und Rabea pflegen Müßiggang, stehen scheinbar gelangweilt in ihrer mit Stroh ausgelegten Box. Die schwarzen Welsh-Black-Kühe, die ein Betrieb aus Niedersachsen auf die Grüne Woche gebracht hat, lassen sich von den Besuchern, die hier ihre Köpfe über den Elektrozaun stecken, nicht aus der Ruhe bringen. Schräg gegenüber geht es geschäftiger zu. Im Schweinemobil tummeln sich sieben Ferkel. Stroh gibt es hier keines, die Tiere stehen auf Spaltenbodenplatten - die Regel in vielen Schweineanlagen. An Ketten hängen Plastikteile, an denen die Tiere lutschen können.

Gut 60 Aussteller der Agrarbranche präsentieren auf der Grünen Woche in Berlin in Halle 3.2 den Erlebnis-Bauernhof. Hier findet man alles, was zu einer industriell geprägten Landwirtschaft gehört: Lebensmittel, Pflanzen, Tiere, Maschinen. Mit Hilfe digitaler Technik können Besucher diesmal zudem virtuell in einen modernen Kuhstall und ein Gewächshaus eintauchen. Eine Gelegenheit, um den romantisch verklärten Blick auf die Landwirtschaft zu korrigieren? Vielleicht.

Doch Landwirtschaft ist nicht gleich Landwirtschaft. Wer etwa sehen will, wie man Schweine auch halten kann, muss nur ein paar Meter laufen. In Halle 25 hat die Bauernvereinigung Neuland ihre Stallbuchten aufgestellt. Auf reichlich Stroh können sich die Schweine hier suhlen. Was nach Romantik aussieht, ist der Standard bei den Neuland-Bauern. Hier liegt auch der frisch geborene Nachwuchs direkt neben der Mutter. Auf die Idee, die Sau in einen Kastenstand zu zwängen, damit sie ihre Jungen nicht quetscht, käme hier niemand. Es passiert einfach nicht, wenn genug Platz da ist. Plasteteile zur Beschäftigung? Hier gibt's Stroh.

"Wir waren die ersten, die gezeigt haben, wie tiergerechte Haltung aussieht", meint Neuland-Sprecher Jochen Dettmer. Seit 30 Jahren gibt den Verein, dem zwar bundesweit gerade einmal 200 Höfe angehören, der aber immer vorn dabei ist, wenn es um das Thema geht. Kein Wunder also, dass sich auch Neuland-Bauern in den Protestzug am Samstag in Berlin einreihten. Unter dem Motto "Wir haben es satt" waren über 30.000 Teilnehmer durch die Stadt gezogen. Die Demo hat sich mittlerweile zur einer eindrucksvollen Großveranstaltung entwickelt. Auf Transparenten stand: "Kein Schwein braucht Tierfabriken", "Stroh macht mich froh", "Wir haben's glyphosatt", oder "Ohne Bienen ist kein Staat zu machen".

Es sind die Themen, die auch auf der weltgrößten Agrarschau im Fokus stehen. Die Debatte über die Ausrichtung der Landwirtschaft, hier wird sie geführt - hinter den Kulissen, auf Konferenzen, aber auch auf den Bühnen in den Hallen. So kann man auch als Besucher eintauchen in die Diskussionen. Beim Thema Tierwohl füllen sich die Bankreihen vor der Bühne in Halle 4.2 schnell. Lässt sich mit Labeln die Tierhaltung verbessern oder stiften sie nur Verwirrung bei den Verbrauchern?, lautet die Fragestellung. Das Podium ist am Ende uneins. Klaus Müller, Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbands, legt den Finger in die Wunde: Eine Umfrage der Verbraucherschützer ergab, dass 80 Prozent der Konsumenten kein einziges Tierschutzlabel kennen. "Deshalb brauchen wir ein staatliches Label", fordert er. Eines, das höhere Standards in der Tierhaltung garantiert, zum Beispiel mit mehr Platz für Schweine im Stall und Stroh als Beschäftigungsmaterial.

Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt hatte zwar vor einem Jahr seine Pläne für ein solches staatliches Siegel vorgestellt. Doch Details sind bis heute nicht bekannt. Nur so viel: Es wird zwei Stufen geben, eine Eingangs- und eine Premiumstufe. Und es soll freiwillig für Landwirte sein, die ihre Investitionen entsprechend honoriert bekommen. "Der Gesetzentwurf dafür liegt in der Schublade. Wenn die neue Bundesregierung da ist, geht's los", versicherte der CSU-Politiker zu Messebeginn. Wie lange es aber dann noch dauern wird, bis die ersten Produkte mit dem Siegel in der Kühltheke liegen? Ministeriumsmitarbeiterin Tanja Thiele setzt auf 2019. Doch sicher ist sie nicht: "Wir hoffen, dass wir das noch schaffen."

Andere sind längst weiter. Der Deutsche Tierschutzbund feiert auf der Grünen Woche das fünfjährige Bestehen seines zweistufigen Labels. "Wir sind gut vorangekommen", sagt Präsident Thomas Schröder. Doch er muss eingestehen: "Wir sind noch nicht dort, wo wir eigentlich sein wollten - in der Breite." Zahlen, wie viele Tiere profitieren, hat Schröder nicht parat. Es gebe jedoch mindestens ein Produkt in bundesweit jedem Geschäft, das ein Siegel des Tierschutzbundes trage, versichert er.

Schröder kämpft seit Jahren für das Thema, treibt es voran. Auch große Handelsketten packen es an. Vor allem mit den Discountern Aldi und Lidl arbeiten die Tierschützer seit Jahren zusammen. Lidl vermarktet seit Januar in Bayern Frischmilch mit dem Premiumsiegel der Tierschützer. Aldi hat gerade angekündigt, unter der neuen Marke "Fair & Gut" Geflügelfleischprodukte mit dem Einstiegsstufenlabel anzubieten, wenn auch vorerst nur in einzelnen Regionen. Doch Schröder ist sich sicher: Das wird auch bundesweit kommen. "Wir beobachten eine steigende Nachfrage für Produkte aus tiergerechter Haltung sowie den Wunsch nach Transparenz über die Herkunft", sagt Aldi-Manager Rayk Mende. Am Ende müssen aber wohl die Verbraucher mitspielen, denn sie finanzieren Mehrarbeit und Investitionen beim Landwirt.

Auch die Initiative Tierwohl - ein Branchenbündnis aus Land- und Fleischwirtschaft sowie Vertretern des Einzelhandels - schlägt auf der Grünen Woche die Werbetrommel. Seit drei Jahren ist die Initiative am Markt. Die Anforderungen an die Landwirte, die sich beteiligen, liegen jedoch weit unter denen der Tierschützer. Zehn Prozent mehr Platz als der Gesetzgeber verlangt, müssen die Bauern für die Tiere schaffen. Bei einem mittleren Schwein sind das 0,82 Quadratmeter. Dafür bekommen die Landwirte ein Entgelt pro Tier. Mehr als 6000 Betriebe seien nun dabei, erklärt Pressesprecher Patrick Klein. 23 Prozent aller geschlachteten Schweine hierzulande werden damit nach den Vorgaben der Initiative gehalten, bei Geflügel sind es 60 Prozent. Der Handel zahlt dafür 135 Millionen Euro im Jahr.

Die Kritik, dass die Vorgaben für die Bauern zu gering sind, schmettert Klein ab. "Es bringt nichts, wenn man beim Tierschutz höchste Standards ansetzt. Uns ist wichtig, die ganze Branche ein Stück weit mitzunehmen", meint er. Ab April soll das auch für die Verbraucher sichtbar werden - Geflügelteile sollen dann im Handel ein Siegel tragen. Für Schweine soll es später folgen.

Tierschützer Schröder hält davon nichts. Hier offenbare sich vielmehr, worum es der Schweine- und Geflügelbranche bei dem Konstrukt ging: "Den Gesetzgeber so einseifen, dass sich am viel zu niedrigen gesetzlichen Standard nichts ändert. Und das, obwohl die Mehrheit der Gesellschaft erkennbar mehr Tierschutz im Stall will." Kampfparolen auf der Grünen Woche. Doch an den Tierschützern kommt auch hier inzwischen niemand mehr vorbei - ein Zeichen dafür, dass das Thema in der Gesellschaft angekommen ist.

Als Carolin und Hans-Joachim Belzner auf der Bühne stehen und berichten, wie sie die Umstellung auf das Tierschutzlabel geschafft haben, gibt es Applaus. Vater und Tochter führen im fränkischen Schnelldorf einen Betrieb mit 33.000 Hähnchen. Sie verkleinerten den Bestand um mehr als ein Drittel, stellten auf eine langsam wachsendere Rasse um, bauten einen Wintergarten. 170.000 Euro mussten investiert werden. Vom Abnehmer Wiesenhof erhalten sie nun ein bis zwei Euro je Kilo mehr. Der Tierarzt habe kaum noch etwas zu tun, sagt Hans-Joachim Belzner. "Es ist schön zu sehen, welchen Gaudi die Tiere haben, wenn wir den Wintergarten öffnen", ergänzt Tochter Carolin. Es funktioniert. Hans-Joachim Belzner drückt es so aus: "Wir müssen in der Lage sein, Respekt gegenüber den Tieren zu zeigen. Das muss die Grundlage jeder Nutztierhaltung sein."

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