App schickt Nutzer auf Spuren der Industriegeschichte

Für Touristen, Chemnitzer und Schüler gibt es jetzt Stadtrundgänge per Smartphone. Es ist nicht das einzige interaktive Angebot dieser Art.

Zentrum.

Den Anstoß zur Idee gab ein Brief. Absender war das Sächsische Industriemuseum, Adressat die Philosophische Fakultät der Technischen Universität. In dem Schreiben wurden die Empfänger gebeten, ein Exponat für die neu gestaltete Dauerausstellung des Museums zur Verfügung zu stellen. Aber Geisteswissenschaftler haben keine Motoren oder Bohrkerne, sagte gestern Birgit Glorius, Juniorprofessorin für Humangeografie Ostmitteleuropas. Sie habe trotzdem etwas liefern wollen, ein interaktives Exponat.

Das ist seit gestern öffentlich und kostenlos verfügbar. Es handelt sich um die App "Industriegeschichte erleben". Sie bietet dem Nutzer acht verschiedene Rundgänge durch die Stadt an. An ausgewählten Punkten erfährt er Wissenswertes zum Ort, sieht historische und aktuelle Fotos und hört Interviews mit Passanten. Entstanden ist die App in zwei Jahren Arbeit, von 2014 bis 2016, gefördert von der Robert-Bosch-Stiftung. Die Arbeit war verbunden mit einem Projekt, an dem Schüler des Chemnitzer Schulmodells und der Freien Waldorfschule mitwirkten. Sie recherchierten in Archiven, drehten Videos und nahmen Stimmen von Passanten auf. Glorius leitete das Vorhaben, unterstützt von Katja Manz. Auch sie ist Humangeografin. 2013 hatte sie einen interaktiven Stadtrundgang für den Sonnenberg entwickelt. Dieser ist jetzt eine der acht Touren der App. Eine andere mit Audio-Beiträgen zeigt die Stadt durch die Augen der Bewohner. Eine weitere wandelt auf den Spuren der Fabrikarbeiter und zeigt, wo sie sich abseits des Arbeitsplatzes aufgehalten haben. Eine vierte Tour ist den Spuren Richard Hartmanns in Chemnitz gewidmet, eine fünfte Tour konzentriert sich auf die Umgestaltung von Chemnitz zur sozialistischen Musterstadt nach 1949.

Die Inhalte der App kann sich nur ansehen, wer auch das Haus verlässt. Nur am Rechner sitzend, geht das nicht. Zuerst lädt man die App herunter. Sie ist für IOS- und Android-Handys erhältlich. Dann müssen die Rundgänge noch einmal separat heruntergeladen werden. Sie finden sich im Menü der Anwendung. Das Programm besteht im Wesentlichen aus einem Stadtplan. In diesem sind die einzelnen Punkte, für die Informationen hinterlegt sind, zu sehen.

Sobald sich der Spaziergänger in der Nähe eines solchen Punktes befindet, ertönt ein Signal und die entsprechenden Informationen erscheinen. Das kann je nach Verbindung auch ein paar Minuten dauern, hat ein Testlauf gestern ergeben. Die Informationen können allerdings vor Ort gespeichert werden und später, zum Beispiel zu Hause auf dem Sofa, wieder abgerufen werden. Um sie zu bekommen, muss man eben erst einmal das Haus verlassen.

Eine ähnliche kostenlose App, aber mit anderen Schwerpunkten gibt es bereits. Sie heißt "Chemnitz to go", initiiert von der Chemnitzer Wirtschaftsförderungs- und Entwicklungsgesellschaft CWE. Darüber hinaus bieten die Gästeführer Rundgänge zur Industriekultur an, bei denen auch mit interaktiven Informationen gearbeitet wird. "Wir sind in Kontakt mit der CWE", sagte Manz, um die Angebote vielleicht einmal zusammenzuführen.

Auch das Industriemuseum arbeitete an der App mit. Und es sei geplant, in der Dauerausstellung darauf aufmerksam zu machen, so Glorius.


Drei Beispiele, welche Orte die App enthält und welche Informationen sie dazu bietet

Aktienspinnerei: "Ein Nachfolgebetrieb der Aktienspinnerei war der Fabrikationsbetrieb Otto Hoffmanns, welcher Wohnungseinrichtungen herstellte. Die Firma besaß ein Zeichenatelier, in dem für die Kundschaft Maßanfertigungen aufs Papier gebracht wurden. (...) Zudem wurde die Fabrik (...) als Unterkunft für Zwangsarbeiter genutzt. Zu DDR-Zeiten erfolgte eine Nutzung als Verwaltungs-, Verkaufs- und Kultureinrichtung."

Minna-Simon-Straße: "Am 17. Juni 1883 legten in der Aktienspinnerei rund 1000 Beschäftigte ihre Arbeit nieder. Davon 70 Prozent Frauen, um gegen die menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen zu protestieren. Angeführt von der Arbeiterin Minna Simon forderten sie Menschenrechte, humanere Arbeitsbedingungen und die Absetzung des Direktors. (...) Minna Simon gilt als erste Frau, die in Deutschland einen Streik anführte."

Omnibusbahnhof: "Er wurde 1968 (...) als Experimentalbau der Deutschen Bauakademie fertiggestellt. Aufgrund seiner Größe und der kühnen Architektur galt die Anlage als modernste in der DDR und zeitweilig auch als modernste Anlage dieser Art in Europa. Im Zuge des Umbaus der Aktienspinnerei zur Zentralbibliothek der TU Chemnitz soll der Omnibusbahnhof abgerissen und an den Hauptbahnhof verlegt werden. (...)"

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