Bach unter dem Kreuz

Die Matthäus-Passion wurde am Karfreitag weltweit hunderte Male aufgeführt. In Chemnitz gibt es keinen besseren Ort dafür als die Kreuzkirche.

Während die Menschen in der gut besetzten Kreuzkirche der ergreifenden musikalischen Schilderung der Leidensgeschichte Christi bis zum Tod lauschen, sind ihre Augen drei Stunden lang gefangen von dem 4,80 Meter hohen Holzkreuz, das den Altarraum über Musikern und Sängern beherrscht. Elly-Viola Nahmmacher hat es 1954 geschaffen - es zeigt zugleich den gekreuzigten und auferstandenen Christus.

Karfreitag und Ostern gehören für die Christen zusammen. Auch für Johann Sebastian Bach. Und für Steffen Walther, den Kantor. Der Kreuzestod als Erlösung und Auferstehungshoffnung für alle, die an ein Leben nach dem Tod glauben. Das sind, selbst unter den Christen, gerade noch die Hälfte, wie jüngste Umfragen zeigen.

Bach konnte sich darauf verlassen, dass seine Hörer die Verse seines "Librettisten" Matthäus kannten. Aus dem 26. und 27. Kapitel von dessen um 70 nach Christus geschriebenen und von Luther übersetzten Evangelium stammen die Zeilen, die vor allem dem Evangelisten und Christus in den Mund gelegt sind. Der Bach-Freund Christian Friedrich Henrici, genannt Picander, der sein Geld auch mit pikanten Gedichten verdiente, schrieb die heute eher süßlich anmutenden Texte für die Gegenwart - die Bachsche und die heutige.

Die Verbindung zwischen (Kirchen-)Geschichte und Gegenwart schuf Bach dadurch, dass er zwei Orchester und zwei Chöre agieren lässt. Für das Dresdner Barock-Orchester kein Problem. Die Profis mit ihren nachgebauten Originalinstrumenten begleiteten genauso perfekt, wie sie Naturgewalten und mystische Verzückung ausmalten. Herausragend die Solistinnen, vor allem die Geigerinnen Claudia Mende und Ulrike Titze, die Konzertmeisterin. Einer Kollegin mussten allerdings beide den Vortritt lassen: Katharina Holzey, die Gambe und Cello spielte. Sebastian Schilling, Kantor der Trinitatis- und Markus-Kirche, war begeistert: "Katharina hat für die beiden Arien das Instrument gewechselt. Das ist eine krasse Leistung. Machen wenige Gambisten. Diese beiden schweren Arien spielen und dabei die ganze Zeit zwischendurch Cello spielen müssen."

Steffen Walther hatte auch hoch qualifizierte Gesangssolisten verpflichtet. Für die "biblischen" Rollen an erster Stelle den großartigen Tenor Falk Hoffmann als Evangelisten. Der epische Erzähler treibt das Melodram der Leidensgeschichte voran. Voll dramatischem Impetus, in den Höhen ebenso sicher wie in tieferen Lagen. Er sang die Geschichte spannend erlebbar, empathisch, da war man jede Sekunde dabei. Christus starb als junger Mensch, gerade mal über 30. Aber er ist auch Gott. Da verlangt Bach eine mächtige Bassstimme. Die hat Georg Streuber. Den Pilatus, den Petrus, den Pontifex "spielte" höchst zuverlässig Hinrich Horn. Mit seinen Bass-Arien gehörte er auch zu den "Zeitgenossen" wie die Kolleginnen Julia Kirchner mit ihrem flexiblen Sopran und Dorothea Zimmermann, die die süßen Stellen genauso einfühlend meisterte wie herzzerreißende.

Nicht die Choräle ("O Haupt, voll Blut und Wunden") zeichnen die Chöre in der Matthäuspassion aus. Sondern, wie sie es schaffen, etwa vom biblischen Volkeswillen ("Kreuzige ihn") umzuschwenken in die reuige Haltung des heutigen Christenmenschen, der um seinen Christus trauert. Wie präzise die kurzen, bisweilen einsilbigen Einwürfe kommen, wie Blitz und Donner zwischen den beiden Chören zischen und rumpeln (musikalisch höchst schwierig), das war perfekt. Das machen Profis nicht besser.

Steffen Walther, seit mehr als 30 Jahren Kantor der Kreuzkirche, hat einen qualitativ herausragenden Chor geformt, der deswegen auch keine Nachwuchsprobleme hat. Was ihn bei dieser Matthäus-Passion besonders auszeichnete, ist sein gläubiges und dramaturgisches Gespür. Er lässt es krachen, wo es sein muss. Aber er macht aus der Leidensgeschichte keine triste Moll-Tragödie. Zu Karfreitag gehört Ostern. Zur Kreuzigung die Auferstehung. Und so erklingt "Buß und Reu knirscht Sünderherz entzwei" in tänzerischem Dreivierteltakt. Bei Bach. Und bei Steffen Walther.

Lauter Beifall war nicht gewünscht. Stattdessen baten die Verantwortlichen der Kreuz-Kirchenmusik als Anerkennung für die Ausführenden um "einen Moment der Stille". Er dauerte sehr lange.

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