Bewaffneter Mann taucht unter - verzweifelte Mutter: "Komm zurück"

Die Hartmannsdorferin wendet sich mit einem Hilferuf an ihren Sohn. Zuletzt suchte ihn die Polizei mit einem Großaufgebot in der Innenstadt von Limbach-Oberfrohna. Inzwischen gibt es neue Erkenntnisse zum Aufenthaltsort.

Hartmannsdorf/Limbach-O..

Die Mutter ringt mit den Tränen, das Sprechen fällt ihr schwer: "Das ist das Schlimmste, was einer Mutter passieren kann." Seit Tagen wird ihr Sohn gesucht. Nach einem Streit mit der Ex-Freundin und ihrer Familie ist der 29-Jährige auf der Flucht, wahrscheinlich bewaffnet, sagt die Polizei. "Wir sind besorgt, hoffentlich ist ihm nichts passiert", fügt die 60-Jährige hinzu.

Als die Hartmannsdorferin die Nachricht hört, dass ihr Sohn sich nach Informationen der Polizei inzwischen außerhalb von Sachsen aufhält, schüttelt sie mit dem Kopf und sagt: "Ich bin mit meinen Nerven am Ende." Nach Angaben von Polizeisprecherin Jana Ulbricht waren nach einer Öffentlichkeitsfahndung 15 Hinweise eingegangen, die alle überprüft wurden. Dabei stellte sich heraus, dass sich der 29-Jährige in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch nicht mehr in Sachsen aufgehalten hat. Woher die Ermittler dies wissen und wo genau der Gesuchte ist, sagt die Polizei aus taktischen Gründen nicht.

Die Mutter erzählt, dass ihr Sohn immer gewissenhaft ist, er habe sich bisher nichts zu Schulden kommen lassen. Sie kann sich nicht vorstellen, dass von ihm eine Gefahr ausgeht - auch wenn er eine Waffe bei sich habe. Sie berichtet, dass er wahrscheinlich den elektronischen Code für den Waffenschrank des Schützenvereins Steinkuppe, in dem die gesamte Familie Mitglied ist, kannte und eine Waffe entnommen hat. Die Mutter weiß, dass der Verein nur Kurz- und Langwaffen benutzt. Welche ihr Sohn mitgenommen hat, sei ihr nicht bekannt.

Er "ist schlau und belesen. Er hat sich für Waffenkunde interessiert und weitergebildet", sagt die 60-Jährige über ihren Sohn. Die 15 Mitglieder des Schützenvereins vertrauten ihrem Sohn, wählten ihm zum Vorsitzenden, sagt die Mutter, die Schatzmeisterin ist. Regelmäßig habe ihr Sohn wie andere Vereinsfreunde an Wettkämpfen teilgenommen und sei erfolgreich gewesen. Nach der Grundausbildung in der Bundeswehr verlängerte der Hartmannsdorfer seinen Einsatz um zwei Jahre, sammelte Kampferfahrung im Kosovo.

Die Mutter ist von ihrem Arzt krankgeschrieben worden. Ihr Mann arbeitet hingegen nach wie vor, er ist bei einer Spedition beschäftigt. "Das zehrt alles an den Nerven", ergänzt die Frau. Freunde, Nachbarn und Verwandte würden ihr und ihrem Mann helfen, mit der Situation fertig zu werden. "Ich bitte [ihn] inständig zurückzukommen, damit die Ungewissheit ein Ende hat", sagt sie. Er brauche keine Angst haben, dass die Eltern mit ihm brechen. Die Gesundheit sei das Wichtigste, fügt sie hinzu.

Nicht nur die Mutter ist in Sorge, sondern auch eine ganze Stadt. Dieser Eindruck drängt sich bei Gesprächen mit Einwohnern in Limbach-Oberfrohna auf. Die meisten von ihnen hatten am Mittwoch noch nicht erfahren, dass sich der Flüchtige inzwischen außerhalb des Freistaats aufhalten soll. Der Polizeieinsatz in der Innenstadt am Dienstagabend hat offenbar Wirkung hinterlassen. "Eine Unsicherheit bleibt. Er könnte ja noch immer aus jeder Ecke rauskommen", sagt eine Mitarbeiterin der Moritzapotheke.

Am frühen Dienstagabend erhielten die Beamten einen Hinweis, dem zufolge sich der bewaffnete 29-Jährige im Limbacher Zentrum aufhalten soll. Weitere Ermittlungen ergeben, dass sich der Gesuchte im Postgebäude an der Moritzstraße verschanzt haben könnte. Gegen 18.15 Uhr rücken die ersten Polizisten mit Maschinenpistolen und Hunden an - kurz vor dem Ende der Geschäftszeiten der Apotheke. "Wir konnten gerade noch zuschließen und das Weite suchen, bevor es losging", sagt die Mitarbeiterin.

Eine Anwohnerin der Hechinger Straße kann aus ihrem Fenster beobachten, wie sich die Anzahl der Einsatzkräfte immer weiter erhöht - am Ende sind es gut 100. "Wenn man ein solches Großaufgebot sieht, bekommt man ein komisches Gefühl", sagt die Limbacherin. In ihrer Wohnung habe sie sich aber sicher gefühlt. Einen guten Überblick auf das Geschehen haben zumindest zu Beginn des Einsatzes die Kunden des Fitnessstudios, das sich in der obersten Etage der Turmpassage befindet. Dann werden sie aus Sicherheitsgründen von den Beamten gebeten, sich von den Fenstern in Richtung Moritzstraße fernzuhalten. Eine Mitarbeiterin berichtet, die Polizisten seien trotz der angespannten Lage freundlich und umsichtig aufgetreten. "Kunden durften nicht mehr zu uns rein. Aber wer mit den Sport-Übungen fertig war, wurde unter Polizeischutz aus dem Gebäude gebracht." Die Polizei habe sogar das Auto einer Kundin aus der Gefahrenzone gebracht, sodass diese damit nach Hause fahren konnte.

Am Mittwoch läuft der Betrieb im Fitnessstudio wieder normal - genauso wie in der Apotheke. Das gilt auch für die Post, dessen Gebäude noch in der Nacht zu Mittwoch von angeforderten Spezialeinsatzkräften des Landeskriminalamtes Raum für Raum durchkämmt wurde. Gegen 1.30 Uhr stand fest, dass sich der Gesuchte dort nicht aufhält. Die Filiale habe am Mittwochmorgen wie gewohnt geöffnet, sagt ein Sprecher der Postbank, die den Standort betreibt.

An den Schulen in Limbach-Oberfrohna findet der Unterricht am Mittwoch regulär statt - auch an der Grundschule Pleißa. Diese befindet sich nur einige Hundert Meter von dem Haus entfernt, in dem die Ex-Freundin des Gesuchten und ihre Familie lebte, bevor sie von der Polizei an einen sicheren Ort gebracht wurden. Leiterin Heike Wolfram widerspricht Gerüchten, dass es den Eltern freigestellt wird, ob sie ihre Kinder zur Schule schicken. Wolfram empfiehlt den Eltern aber, ihre Kinder "vorerst auf dem Weg zur Schule zu begleiten bzw. für eine Begleitung Sorge zu tragen", wie sie auf der Homepage der Schule schreibt.

An der Goethe-Grundschule, die sich unweit des Postgebäudes in der Innenstadt befindet, sieht Schulleiter Olaf Kreher keinen Grund, etwas an den gewohnten Abläufen zu ändern. "Wir haben keine Hinweise von der Polizei erhalten", sagt er. Das habe er am Mittwochmorgen auch besorgten Eltern am Telefon erklärt, die nach Krehers Angaben wissen wollten, ob der Unterricht stattfindet.

Polizisten sieht man am Mittwoch in Limbach-Oberfrohna nicht häufiger als sonst. Nur in der Einfahrt des Hauses der Ex-Freundin in Pleißa ist am Mittag noch immer ein Polizeifahrzeug geparkt - kein Vergleich zum Montag, als die Polizei unter anderem mit Panzerwagen vorfuhr. "An dem Tag waren hier etwa zehn Polizeifahrzeuge aufgereiht", berichtet ein Anwohner. Der Mann kann kaum glauben, was binnen weniger Tage passiert ist. In der vergangenen Woche habe er noch mit der Familie gesprochen, mit der er ein gutes Verhältnis habe. "Und jetzt ist sie nicht mehr da." Obwohl er von den Streitigkeiten im Nachbarhaus gewusst habe, empfinde er die Situation als bedrückend, vor allem wegen der Polizeipräsenz auf dem Grundstück. "Man fühlt sich beobachtet", sagt der Pleißaer. Aber er wisse auch, dass die Polizisten nur ihren Job machen. Der Mann ergänzt: "Das Wichtigste ist, dass die Familie in Sicherheit ist."

28.800 Waffenbesitzer 

In Sachsen waren laut Innenministerium zum 31. Dezember 2017 rund 28.800 Waffenbesitzer registriert. Die Anzahl ist steigend: Rund 26.550 waren es Ende 2014. Die Erlaubnis zum Erwerb und Besitz von Waffen wird durch eine Waffenbesitzkarte erteilt.

Die Erlaubnis zum Führen einer Waffe wird durch einen Waffenschein erteilt. Zum 31. Dezember 2017 gab es in Sachsen 487 Waffenscheine. Laut Waffengesetz führt jemand eine Waffe, der sie außerhalb des eigenen Grundstücks, einer Schießstätte oder von Geschäftsräumen bei sich hat. Dafür sind bestimmte Voraussetzungen notwendig. Die Waffenbesitzkarte regelt also den Besitz, der Waffenschein das Führen von Waffen. Die Mitgliedschaft in einem Schützenverein allein berechtigt nicht zur Beantragung der Dokumente. (bj)

Chronologie: ein heftiger Streit, Suchaktionen und neue Erkenntnisse 

Sonntag, 10. Juni: Der Hartmannsdorfer sucht das Haus seiner Ex-Freundin in Pleißa auf. Dort kommt es zu einem heftigen Streit mit der Familie der Frau - nicht zum ersten Mal. Am Mittag erfährt die Polizei, dass der 29-Jährige als Vorsitzender eines Schützenvereins bewaffnet sein könnte, und beginnt mit der Suche nach ihm. Sein Auto wird in der Chemnitzer Innenstadt gefunden, er selbst bleibt aber verschwunden.

Montag, 11. Juni: Pleißaer Anwohner beobachten zwei Panzerwagen und mehrere Mannschaftswagen der Polizei, die zum Haus der Ex-Freundin unterwegs sind. Das Grundstück wird von mehreren Seiten abgesichert. Am Nachmittag informiert die Polizei erstmals über die Bedrohungslage. Außerdem geben die Beamten bekannt, dass die Pleißaerin und ihre Familie an einen sicheren Ort gebracht worden sind. Eine breit angelegte Suchaktion mit Hubschrauber und Hunden nach dem Mann im Rabensteiner Wald nahe Pleißa beginnt, muss aber bei Einbruch der Dunkelheit abgebrochen werden.

Dienstag, 12. Juni: Polizisten überprüfen Häuser im Wohnumfeld des 29-Jährigen in Hartmannsdorf. Am Nachmittag wird das Durchkämmen des Rabensteiner Walds, wo sich der 29-Jährige aufgehalten haben soll, fortgesetzt. Es wird aber lediglich eine Lagerstätte gefunden. Ob sie mit dem jungen Mann in Verbindung steht, ist noch unklar. Noch während die Suchaktion läuft, gibt die Polizei ein Foto des Hartmannsdorfers heraus und bittet die Öffentlichkeit um Hilfe. Am frühen Abend geht ein Hinweis ein, dass sich der Gesuchte in der Limbacher Innenstadt aufhalten könnte. Die Polizei sperrt die Moritzstraße ab und fordert Verstärkung an. Der Mann könnte sich im Postgebäude verschanzt haben, heißt es.

Mittwoch, 13. Juni: Kurz nach Mitternacht treffen Spezialkräfte des Landeskriminalamtes in Limbach ein. Sie verschaffen sich Zugang zur größtenteils leer stehenden Post, durchsuchen alle Etagen und Räume. Nach einer Stunde steht fest: Der 29-Jährige befindet sich nicht dort. Am Nachmittag gibt die Polizei neue Ermittlungsergebnisse bekannt: Demnach hat sich der Gesuchte bereits in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch an einem Ort außerhalb Sachsens aufgehalten. Nähere Angaben zum Aufenthaltsort machen die Ermittler aus taktischen Gründen nicht. Die Fahndung läuft weiter. (jop)

Ermittler hoffen auf Hinweise

Die Polizei bittet bei der Suche nach dem mutmaßlich Bewaffneten noch immer die Bevölkerung um Mithilfe. Der 29-Jährige ist etwa 1,80 Meter groß, schlank und hat dunkle kurze Haare. Am Sonntagvormittag, als er zum letzten Mal gesehen wurde, war er mit einem gelben T-Shirt, schwarzen Hosen sowie Turnschuhen bekleidet. Er hatte einen schwarzen Rucksack, eine schwarze Tasche sowie eine rote Plastiktüte bei sich. Hinweise werden unter der Telefonnummer 0371 3873445 entgegengenommen. Wer den Mann sieht, sollte den Notruf 110 wählen. Die Polizei fordert den 29-Jährigen zudem auf, umgehend Kontakt mit den Beamten aufzunehmen. (fp)

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2Kommentare
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  • 10
    4
    1758910
    14.06.2018

    Schon mal was von Verhältnismäßigkeit gehört???
    Ich hoffe nur, dass er da gesund wieder rauskommt.
    Das wird nicht einfach.

  • 12
    8
    cn3boj00
    14.06.2018

    Irgendwie erinnert mich das ganze an eine Hexenjagd! In keinem der vielen Berichte konnte ich bisher erkennen, was dieser Mann eigentlich verbrochen hat. Streit mit der familie der Ex - ist das neuerdings eine Straftat? Wie oft kommt das vor? Suchen wir in Zukunft jeden, der Streit hat und dabei vielleicht Worte sagt wie "ich bring dich um", mit Panzern und Hubschraubern und Riesenpolizeiaufgeboten?
    Es steht noch nicht mal irgendwo ob der Mann einen Waffenschein hat (als Vorsitzender eines Schützenvereins anzunehmen) und die auch nur vermutete Waffe (kann man nicht überprüfen ob eine fehlt?) rechtmäßig hat?
    Um das klarzustellen: ich kann die Angst einer Familie verstehen, der im Streit etwas angedroht wurde. Deshalb würde ich es für nachvollziehbar halten, sie zu schützen. Aber was hier aufgeboten wird übersteigt das Maß an Verhältnismäßigkeit in Größenordnungen. So wird man den Mann wohl tatsächlich erst in eine Straftat treiben.



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