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Hier soll Vorsorge für die Zukunft geschaffen werden: Die WG Einheit plant an der Johannes-Dick-Straße ein seniorengerechtes Modellhaus.

Foto: Andreas Seidel

Braucht die Stadt mehr Sozialwohnungen?

Im Rathaus wird ein höherer Bedarf an gefördertem Wohnraum gesehen. Warum die Immobilienwirtschaft dabei anderer Meinung ist.

Von Timm Seckel
erschienen am 29.03.2018

Mietpreisexplosion, Wohnraumknappheit, Neubauboom - Phänomene, die in der deutschlandweiten Diskussion eine Vielzahl von Städten und Gemeinden betreffen. Doch Chemnitz war bislang von keiner der genannten Entwicklungen nennenswert berührt, im Gegenteil: Der durchschnittliche Mietpreis liegt seit Jahren bei etwa fünf Euro pro Quadratmeter, die Zuwächse liegen im Centbereich. Erst kürzlich veröffentlichten Analysten des Chemnitzer FOG-Instituts diese Ergebnisse im jährlichen WohnungsmarktReport. Um gerade mal ein Prozent höher als im Vorjahr lag die Durchschnittsmiete Ende 2017. Also kein Grund zur Sorge auf dem Chemnitzer Wohnungsmarkt?

Die Stadtverwaltung sieht das anders. Aus der Antwort von Baubürgermeister Michael Stötzer auf eine Ratsanfrage der Linksfraktion geht hervor, dass die Stadt im Bereich des sozialen Wohnungsbaus durchaus Bedarf an neuen Wohnungen sieht. Konkret erwarte man ausgehend von der Prognose zur Bevölkerungsentwicklung bis zum Jahr 2030 einen "erheblichen Bedarf an der Bereitstellung von Wohnungen durch die Sanierung derzeit nicht-marktaktiver, leerstehender Wohnungen." Doch gerade weil die Mieten niedrig und die Baukosten hoch seien, ergebe sich bei der Finanzierung eine erhebliche Lücke, die einen "Sanierungszuschuss" erforderlich mache.

In Zahlen gesprochen erwartet die Verwaltung, dass Chemnitz in den kommenden acht bis zehn Jahren etwa 170 Gebäude für Sozialwohnungen benötige, die mit jährlich 1,5 bis 3,4 Millionen Euro gefördert werden müssten.

Zwar gibt es auf Bundes- und Landesebene verschiedene Förderprogramme, mit denen Maßnahmen des sozialen Wohnungsbaus unterstützt werden. Doch die Voraussetzungen für eine Förderung erfüllt der Chemnitzer Wohnungsmarkt nicht. Denn dafür dürften höchstens drei Prozent der Wohnungen leer stehen, auch die Mieten müssten deutlich höher liegen. Aus diesem Grund beschloss der Stadtrat im Januar auf Antrag von SPD, Grünen und Linken, sich bei Land und Bund dafür einzusetzen, diese Förderrichtlinien zugunsten von Chemnitz zu ändern. Der Stadtratsbeschluss umfasst außerdem, dass die städtische Wohnungsgesellschaft GGG und andere Großvermieter zu ihren Plänen befragt werden.

Deshalb lud die SPD-Fraktion am Dienstag Vertreter der Immobilienwirtschaft in den Kappler Ikarus-Treff. Der Bundestagsabgeordnete Detlef Müller und das Landtagsmitglied Jörg Vieweg betonten dabei, dass sich die Stadt derzeit verändere. Während man sich vor fünf Jahren noch mit "Schrumpfungsmanagement" beschäftigt habe, wachse die Stadt aktuell, so Vieweg.

Tatsächlich verzeichnet Chemnitz insgesamt einen leichten Bevölkerungszuwachs, auch die Geburtenzahlen steigen. Doch die Wohnungsgenossenschaften rechnen nicht damit, dass ein Wohnungsmangel akut bevorsteht - auch nicht für Geringverdiener und Empfänger von Sozialleistungen. Sowohl die GGG als auch die Wohnungsgenossenschaft Einheit und die Wohnungsbaugenossenschaft Chemnitz-Helbersdorf erklärten, dass etwa sieben Prozent ihrer Bestände unvermietet seien. Da ein Großteil dieser leeren Wohnungen für Sozialhilfeempfänger geeignet sei, verzeichne man in diesem Bereich keine drängenden Probleme.

Dennoch blickt die Wohnungswirtschaft in die Zukunft. Wie Michael Schiffner, Vorstand der WGEinheit, erklärte, stelle man sich derzeit auf mehr Senioren ein, die kleine Wohnungen benötigten. Ein Modellhaus im Stadtteil Hutholz soll deshalb ab diesem Jahr saniert werden. Dort werden eine Seniorenbetreuung, Einzelhandel und barrierearme Wohnungen eingerichtet, so Schiffner.

Diesen Plänen dürfte auch die Stadt wohlwollend entgegen blicken, denn laut der Antwort auf eine Ratsanfrage der Fraktion Vosi/Piraten rechnet man damit, dass sich das Risiko für Altersarmut bei künftigen Rentnern erhöht. Während derzeit etwa 1000 Senioren von der Grundsicherung abhängig seien, könne sich diese Zahl bald erheblich erhöhen. Bundesweiten Untersuchungen zufolge sind 17Prozent der Senioren in Zukunft von Armut im Alter bedroht, was in Chemnitz 11.600 Personen entspräche. Dann könnte auch der Bedarf für sozialen Wohnungsbau wieder steigen.

 
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
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Kommentare
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Kommentieren (für Digital- und Printabonnenten)
  • 29.03.2018
    09:11 Uhr

    aussaugerges: Ja wo nur Lagerhallen an der Autobahnstehen und verlängerte Werkbänke
    kann nix entstehen.

    6 2
     
  • 29.03.2018
    08:29 Uhr

    587977: Im Artikel steht eigentlich alles drin - kein Bedarf bei 7% Leerstand. Es wird wieder mal sinnlos Geld rausgehauen. Mein Vorschlag wäre das Geld dann einzusetzen, wenn a) Bedarf sich tatsächlich abzeichnet und b) der Immobilienmarkt sich abkühlt und die Baupreise fallen und die Baufirmen wieder Aufträge benötigen. Beides ist momentan nicht der Fall.

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