Chemnitzer auf Abenteuer ohne Limit

Ursprünglich wollte das Ehepaar Pestel vier Jahre um die Welt segeln. Doch mittlerweile sind sie seit sieben Jahren unterwegs. Ein Ende ist noch nicht in Sicht. Ein schwerer Unfall in Japan hätte sie aber beinahe zum Aufgeben gezwungen.

In einer Wohnung zu sein, fühlt sich für Gabriele und Lutz Pestel gerade seltsam an. "Wir sind grenzenlose Freiheit gewöhnt", erklärt Gabriele Pestel. Sie meint die Freiheit auf einem 13 Meter langen und 3,70 Meter breiten Segelboot, der "SuAn". Die Kajüte mag eng sein, doch an Deck reicht der Blick meist ungestört bis zum Horizont. Das Ehepaar aus Chemnitz macht gerade Winterpause und wohnt bei den Eltern von Gabriele Pestel. Der Strom kommt einfach aus der Steckdose, aus dem Hahn fließt warmes Wasser, die Räume sind geheizt. Das genießen sie, sagt Lutz Pestel. An Bord darauf zu verzichten sei aber keinesfalls eine Entbehrung. "Wir sind ja nicht unterwegs, um es bequem zu haben", sagt der 57-Jährige.

Die Reise der beiden begann im August 2009. Vier Jahre lang wollten sie um die Welt segeln, entlang der sogenannten Barfußroute, die vorwiegend durch tropische und subtropische Gebiete führt, angetrieben von konstanten Passatwinden von Ost nach West. Auf dieses Ziel hatten die beiden, die vorher jahrelang Regatten segelten, lange hingearbeitet. Sie wählten gut bezahlte Jobs im Ausland, haben weder Haus noch Auto. Fast drei Jahre lang verlief die Reise nach Plan. So lange brauchten sie von der Türkei aus durchs Mittelmeer, über den Atlantik, durch die Karibik, durch den Panamakanal, über die Galapagosinseln und die Gesellschaftsinseln nach Australien. Dann kam ein Anruf von Lutz Pestels ehemaligem Chef. Der Maschinenbauingenieur hatte viele Jahre als Betriebsleiter in China gearbeitet. Die Dinge bei der Firma liefen nicht so gut. "Er wollte mich zurück", so Pestel. Das ging einher mit einem schweren Schlag auf der finanziellen Seite: Der Fonds, in dem sie Geld angelegt hatten, war in einen Finanzskandal verwickelt, das Paar verlor einen großen Teil seiner Ersparnisse. Also nahm Pestel das Angebot an. Die "SuAn" blieb in Australien, das Paar verbrachte zwei Jahre in China und arbeitete.

Danach war es Zeit, weiter zu reisen. Doch auf welchem Weg? Entlang der Barfußroute zu segeln, ist offenbar sehr beliebt. "Das machen alle", so Lutz Pestel. Die beiden entschieden sich, länger als vier Jahre

unterwegs zu sein und verließen im Mai 2014 den bequemen Passatwindgürtel. Stattdessen ging die Fahrt durch Gegenden, in denen sie immer weniger Schiffen begegneten. Sie steuerten die Salomoneninseln und Mikronesien an und erlebten ihre ersten Stürme. "In Minutenschnelle wechselte das Wetter von stahlblauem Himmel zu Gewitter", erinnert sich Gabriele Pestel. Schließlich gelangten sie nach Japan, wo ihre Reise beinahe zu Ende gewesen wäre. Gabriele Pestel lag in ihrer Koje, ihr Mann war an Deck, als der Unfall passierte, im Mai 2015, nachts. Nördlich von Tokyo wurde die "SuAn" von einem Fischerboot gerammt. Der Zusammenstoß war folgenschwer: Das Schiff verlor die gesamte Takelage, also alles, was sich oberhalb des Decks befindet. "Eine Woche lang wurde ich von 9 bis 21 Uhr verhört", berichtet Pestel. Schließlich sei klar gewesen, dass die Chemnitzer alles richtig gemacht und nicht gegen Regeln verstoßen hatten. Was folgte, waren monatelange Verhandlungen mit der Versicherung des Fischers. Sie weigerte sich, zu zahlen. Eine Reparatur des Schiffs hätte das Anderthalbfache des Neupreises gekostet. "Jeden Morgen habe ich gehofft, aus diesem Albtraum aufzuwachen", sagt der Chemnitzer. Trotzdem sei Aufgeben keine Option gewesen.

Das Ehepaar nahm die Reparatur selbst in die Hand, vermaß das Schiff neu, zeichnete eine neue Takelage und bestellte sie bei einer deutschen Firma. "Am Anfang haben wir uns verloren gefühlt", denkt Gabriele Pestel zurück. Schließlich sprechen sie kein Japanisch und nur wenige Japaner konnten Englisch. Doch sie trafen auf Menschen, die ihnen halfen, wo es nur ging. Richtige Fans hätten sie gehabt, die sie auch durch den japanischen Behördendschungel leiteten. Durch die Eigenleistungen habe die Schiffsreparatur letztendlich so viel gekostet, wie die Versicherung tatsächlich zahlte. Sie seien ohne finanziellen Schaden aus der Sache gekommen. Allerdings waren sie zu einer einjährigen Pause gezwungen. "Das war das schwerste Projekt meiner Karriere", sagt Maschinenbauingenieur Lutz Pestel.

Im Mai 2016 konnte die "SuAn" wieder in See stechen und Pestels erreichten ihr ersehntes Etappenziel Alaska, eine seglerische Herausforderung, wie sie sagen. Da wollten sie eigentlich der Natur wegen hin - Bären, Lachse, Gletscher - doch auch die Menschen seien sehr nett. Neben der Südsee ist der nördlichste Bundesstaat der USA nun zu ihren landschaftlichen Favoriten avanciert. Die "SuAn" liegt nun nahe der Stadt Seward, im Mai soll die Reise weitergehen. Und dann? "Wir haben kein Limit", sagt Lutz Pestel. Die Reise soll noch so lange dauern, wie sie eben dauert. Auf der Wunschliste stehen viele Länder, darunter die Westküste der USA, Französisch Polynesien, Neuseeland, Indonesien, Thailand, Südafrika und Brasilien. Es wird dem Ehepaar nicht schwerfallen, dafür wieder auf fließend Wasser und beheizte Räume zu verzichten.

Wer die Reise der "SuAn" verfolgen möchte, kann das unter www.trade-wind.de

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...