Debatte um ein Stück Stoff

Die Teilnehmer einer Podiumsdiskussion im Tietz haben sich mit den Gründen beschäftigt, warum Frauen Kopftuch tragen. Das Chemnitzer Publikum hatte zum Teil ganz praktische Fragen.

Sofort zur Sache ist Moderatorin Eileen Mägel mit ihrer Eingangsfrage gekommen. Warum, wollte sie von den drei Gästen auf dem Podium wissen, regen wir uns immer dann auf, wenn wir ein Kopftuch sehen und darunter jemanden mit muslimischem Glauben vermuten? Ein Ergebnis der Diskussion unter dem Titel "Textile Glaubensfrage? Oder: was wir schon immer über Kopftuch oder Schleier wissen wollten" am Dienstagabend im Tietz, dürfte sein, dass es viele Antworten auf diese eine Frage gibt.

Eingeladen hatte die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung zusammen mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund und der Volkshochschule Chemnitz. Gekommen waren rund 60 Zuhörer. Vielleicht wären es noch mehr gewesen, hätte nicht die Stadtverwaltung 18 Uhr als Beginn kommuniziert, die Volkshochschule aber 19 Uhr. Unter den Zuschauern waren wenige junge Leute, nur eine von ihnen trug ein Kopftuch. Für das Podium waren drei Experten gewonnen worden. So saß dort Kristin Helberg, freie Journalistin. Sie lebte von 2001 bis 2008 in Damaskus und war lange Zeit die einzige akkreditierte westliche Korrespondentin in Syrien. Mit ihr diskutierte Kathrin Klausing, promovierte Islamwissenschaftlerin, Leiterin eines Zentrums für islamische Religionspädagogik in Niedersachsen. Sie konvertierte zum Islam und trägt Kopftuch. Der dritte Gast auf dem Podium war Mathias Rohe, Rechts- und Islamwissenschaftler. Der Professor ist Inhaber des Lehrstuhls für Bürgerliches Recht an der Universität Erlangen-Nürnberg. Außerdem ist er Gründungsdirektor des Erlanger Zentrums für Islam und Recht in Europa.

Warum ein Kopftuch? Klausing erklärte, sie beziehe sich auf den 31.Vers der 24. Sure im Koran. Darin stehe, Frauen sollten ein Stück Stoff über ihr Décolleté legen, was als Kopftuch interpretiert werde. Sie gab zu Bedenken, dass es viele Auslegungen gibt, wo und ob im Koran und anderen, für den Islam wichtigen Schriften, etwas von Kopftuch stehe. Helberg sagte, dass die Worte Haare und Kopf im Koran nicht erwähnt würden. Ob eine Frau ein Kopftuch trage, hänge von ihrer Persönlichkeit, der Familie und dem Land ab. Nur in Saudi-Arabien und im Iran sind Kopfbedeckungen vorgeschrieben. Professor Rohe verdeutlichte, dass das Kopftuch aus patriarchalen Strukturen stamme. Der Ausdruck "unter die Haube kommen" sei aus einer Zeit, in der verheiratete Frauen ihr Haar bedeckten.

Eine junge Frau aus dem Publikum berichtete, sie erlebe an ihrer Schule, dass Mädchen morgens mit Kopftuch erscheinen, sich auf der Toilette umziehen und schminken, nachmittags dann wieder retour. Das klinge für sie nicht nach Freiwilligkeit. "Ich denke, die Mädchen wollen sich ausprobieren", sagte Klausing dazu. Helberg meinte, diese Parallelwelt - zu Hause gelten diese Regeln, außerhalb der Familie andere - sei für Kinder problematisch. Aber auch die Wichtigkeit der Familie sei nicht zu unterschätzen. Aus westlicher Sicht könne man es verlogen nennen, bestimmte Verhaltensweisen vor den Eltern geheim zu halten. Doch ihre syrischen Freunde würden das als rücksichtsvolles Verhalten beschreiben, weil sie die Gefühle der Eltern nicht verletzen wollten.

"Was macht das Kopftuch mit den Haaren? Werden sie stumpf?", wollte ein Frau aus dem Publikum wissen. "Es wird vor UV-Strahlen geschützt, sonst nichts", antwortete Kathrin Klausing, die dabei lächelte. Eine andere praktische Frage hatte ein älterer Herr. Er habe einige Geflüchtete kennengelernt und bemerkt, dass die Frauen auch zu Hause Kopftuch tragen, wenn er anwesend ist. Doch was passiere, wenn er die Frauen aus Versehen ohne Kopftuch sehe, wenn er unangekündigt vorbei komme? Helberg erklärte ihm, dass es zu vergleichen sei mit der Situation, dass er im Bademantel die Tür aufmache. Er solle einfach anklopfen und auf sich aufmerksam machen, damit den Frauen Zeit bleibt, ihr Kopftuch anzuziehen.

Ihre Ängste formulierte eine Frau aus dem Publikum. "Haben wir bald einen islamischen Staat in Deutschland? Was wird aus unserer Kultur?", fragte sie. Mathias Rohe erklärte, dass es rund 4,5 Millionen Muslime in Deutschland gebe. Die Tendenz sei zwar leicht steigend, dass sie einmal in der Mehrheit sind, sei aber nicht zu erwarten. Man dürfe außerdem nicht von einem einheitlichen Block ausgehen. "Es gibt eine große Meinungsvielfalt unter den Muslimen." Die deutsche Verfassung lasse es zu, dass unterschiedliche Lebensweisen nebeneinander bestehen. Das sei sehr positiv zu bewerten. Helberg sagte, der Islam sei "eine riesige Projektionsfläche für Ängste", vor allem, weil der persönliche Kontakt zu Muslimen fehle. Es sei nachvollziehbar, dass Menschen an Deutschland festhalten wollen, wie es ist. Aber tatsächlich habe sich das Land dauernd verändert. Jeder, der ein Teil der Gesellschaft ist, habe das Recht, diese auch mitzugestalten. "Dazu gehören auch Muslime", so die Journalistin.

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