"Die Bomben höre ich bis heute"

Begleitet von zahlreichen Veranstaltungen, ist am Montag zum 17. Mal der Chemnitzer Friedenstag begangen worden. Neben der Namensgebung des Friedensplatzes berichteten Zeitzeugen von ihren Erinnerungen. Manch einen verfolgen die Ereignisse noch immer.

Mit dem gemeinsamen Läuten der Glocken der Chemnitzer Kirchen ging 21 Uhr der diesjährige Chemnitzer Friedenstag zu Ende. Eingeleitet wurde der Gedenktag an die Zerstörung der Stadt vor 73 Jahren am Vormittag mit einer Kranzniederlegung am Mahnmal für die Bombenopfer des 5. März 1945 auf dem Städtischen Friedhof. Im Anschluss nahm Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig an der Turnstraße in Bernsdorf eine interaktive Informationsstele in Betrieb. Sie spielt auf Knopfdruck Aufnahmen mit Erinnerungen von Zeitzeugen der Bombenangriffe ab.

Am Nachmittag wurde im Rathaus erstmals der Film "Kinder im Krieg" gezeigt, in dem vier Zeitzeugen zu Wort kommen und ihre Erlebnisse rund um die Bombardierung der Stadt schildern. Einer von ihnen ist Karl-Heinz Kleve, der 1931 in Chemnitz geboren wurde und seine Kindheit auf dem Kaßberg verbrachte. Untermalt mit Bildern der historischen Stadt, berichtet der heute 86-Jährige davon, dass er eine glückliche Kindheit gehabt habe, an die er auch heute noch gerne zurückdenke. Der Film greift die zunehmende Radikalisierung der Politik nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten auf, doch aus Kinderperspektive sei die damalige Propaganda einleuchtend gewesen. "Dass die Soldaten Lebensraum erobern sollten, schien uns Kindern ganz normal", erzählt Kleve.

Auch nach Kriegsbeginn 1939 wich dieses Bild nicht: Kriegspakete mit Schokolade aus Belgien und den Niederlanden, die Männer aus den besetzten Gebieten an ihre Familien schickten, seien für ihn eine große Freude gewesen, berichtet er. Erst nach und nach sei auch der jungen Generation bewusst geworden, dass der Krieg für reihenweise Tote und Verletzte verantwortlich war.

An die Nacht des 5. März erinnert sich Kleve genau. Gegen 21.30 Uhr sei er von den Sirenen geweckt worden und gemeinsam mit seinem Vater in den Keller ihres Wohnhauses gestiegen. Mit Tüchern vor dem Gesicht harrten dort acht Familien aus, um sie herum das Dröhnen der Flugzeugmotoren und die Detonationen der fallenden Bomben. "Die Geräusche höre ich noch heute", berichtet Kleve. Als sie nach Stunden den Keller verließen, habe alles um sie herum in Flammen gestanden. Nur kriechend bewegten sie sich fort.

Aufnahmen aus dem Stadtarchiv, die den Morgen nach dem Angriff zeigen, machen das Ausmaß der Zerstörung deutlich. Kaum ein Stein steht noch auf dem anderen. Jene Erlebnisse machten Karl-Heinz Kleve, der später Pfarrer wurde, zum Pazifisten. In der DDR habe er später jeglichen Dienst an der Waffe verweigert. Er sei Zeitzeuge und Mahner zugleich, meint Kleve, der mit seiner Geschichte einen klaren Auftrag verbunden sieht. "Wir müssen uns immer wieder erinnern, damit so etwas nie wieder geschieht."

Umgesetzt wurde der Film von der Chemnitzer Produktionsfirma Red Tower Films. Die Stadt habe den Auftrag zur Produktion recht kurzfristig ausgeschrieben, sagt Produzent René Kästner, der den Film im Januar dieses Jahres drehte. Von den vier Protagonisten, die im Film ihre Geschichte erzählen, zeigt sich Kästner begeistert. "Beeindruckend, mit welcher Ehrlichkeit sie ihre Kindheit geschildert haben. Indoktrination und Propaganda, Kriegseuphorie - dafür würden wir uns heute schämen", meint der Produzent.

Technisches Rathaus bekommt neue Adresse

Namensgebung erfolgt symbolisch am Friedenstag

Katharina Weyandt zeigt sich froh über den neuen Namen des Platzes vor dem Technischen Rathaus. "Undenkbar, wenn die sich für Helmut-Kohl-Platz entschieden hätten", sagt das Mitglied der Chemnitzer Grünen. Abgeordnete der CDU/FDP-Fraktion hatten sich vergeblich bis Dezember 2017 dafür eingesetzt, den Platz nach dem ehemaligen Bundeskanzler zu benennen. Am Montagnachmittag hatten Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig und Baubürgermeister Michael Stötzer feierlich ein Banner von der Fassade des neuen Technischen Rathauses entfernt. Darunter erschien ein Schild mit der Aufschrift Friedensplatz. So lautet seit Montag die offizielle Anschrift des Technischen Rathauses - mit der Hausnummer 1.

Die Namensgebung zum 17. Chemnitzer Friedenstag ist mit Bedacht gewählt worden. "Der Name Friedensplatz soll der Bewusstmachung dienen", sagte Ludwig. Während der Bombenangriffe am 5. März 1945 waren rund 80 Prozent der Innenstadt zerstört worden. Die als Mahnmal für die Bombardierung gedachte Skulptur "Reliquie Mensch" des Künstlers Michael Morgner befindet sich seit kurzem ebenfalls auf dem Platz. Zuvor hatte sie, eher abgeschieden, in der Schmidtbank-Passage gestanden.

 

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