Die Feldforscherin

Sie lehrt, schreibt, oft aber forscht sie im Feld: Heidrun Friese von der Chemnitzer Universität zog um die Welt und lebte an zig Orten, auch auf Lampedusa und in Tunesien. Warum? Um Völker zu verstehen.

In den vergangenen 30 Jahren ist Heidrun Friese ungefähr 40 Mal umgezogen; manchmal muss sie im Computer nachsehen, um sagen zu können, wann sie wo war. Heidrun Friese ist Ethnologin - Ethnologen legen bildlich gesprochen Völker unters Mikroskop, praktisch gesehen reisen sie für Feldforschungen um die halbe Welt, bleiben mancherorts eine Zeit lang, um Menschen zu studieren und daraus Erkenntnisse über das Zusammenleben zu gewinnen. Vor ein paar Jahren zog sie nach Chemnitz und nahm an der Universität ihre erste Professorenstelle an. Am liebsten hält sich die 59-Jährige, die eine gewisse Abhängigkeit von Zigaretten und Gummibärchen nicht verleugnen kann, in Häfen auf (wegen des Schiffsdiesel- und Bootslackgeruchs, dazu kommen wir noch), und in Archiven. In Archiven könnte man sie, trotz ihrer Reiselust, absetzen und nach zwei Jahren wieder abholen, scherzt sie. Manchmal vergeht ihr das Scherzen aber auch, dann wundert sie sich eher. Vor allem, wenn sie ihr Heimatland betrachtet.

Heidrun Friese, geboren in Starnberg bei München, wurde in West-Berlin geprägt. In Kreuzberg, wo sie in den 70ern mit Mann und Katze in einer kleinen Wohnung mit Außenklo und Kachelofen lebte, in dem gelegentlich Bücher von Mao Zedong, dem einstigen kommunistischen Führer Chinas, landeten - weil die so schön die Wohnung wärmten. In Kreuzberg war es schon damals normal, nebenan beim Türken das Gemüse zu holen. Eine Zeit, in der es auch normal war, dass junge Leute den Mund aufmachten. "Wir wollten politisch etwas bewegen", sagt Friese. Sie verstanden den Vietnamkrieg nicht; und die Atomkraft genauso wenig. Sie demonstrierten, sangen die Lieder Bob Dylans und redeten sich als Studenten in den Seminaren an der Uni rauchend (!) die Köpfe heiß - über staatenlose Gesellschaften, die Gleichheit von Frau und Mann, die Ökologie. Sie kneteten Gesellschaftsformen des Sozialismus, Kommunismus, der Indianer- und Naturvölker durch. Das sei letztlich Kern der Ethnologie: alternative Lebensmodelle aufzuzeigen. Man könnte sagen, das hat Heidrun Friese durch und durch verinnerlicht und auch auf ihr eigenes Leben bezogen. Wir erinnern uns: 30 Jahre, 40 Umzüge.

Ein Umzug war der in ein sizilianisches Dorf. Gleich nach dem Studium, ein Jahr wollte sie bleiben, um über die Zeitkonzeption im Mittelmeerraum ihre Doktorarbeit zu schreiben. Zwar wurde sie von der Dorf-Elite - Bürgermeister, Notar, Apotheker - akzeptiert, aber nur, weil sie als studierte Frau aus dem Ausland einen positiven Außenseiterstatus hatte und weil klar war, dass sie nach einem Jahr wieder geht. Was auch zur Folge hatte, dass die Leute ihr das Herz ausschütteten über kaputte Ehen und neidische Nachbarn. "Für mich als Ethnologin war das ein Paradies, weil ich tiefe Einblicke in das Sozialgefüge erhielt." Das war starr, abgeschottet, der Lebensrhythmus langsam. Frauen durften nicht alleine auf die Straße gehen, nicht rauchen, Mädchen nicht mit Jungen spielen. Es gab Zwangsehen und der Vater einer Freundin rannte mit dem Gewehr durchs Haus, weil seine Tochter nicht den Cousin heiraten wollte. "Es herrschten solche Zustände, wie man sie heute gemeinhin Muslimen unterstellt. Das gab es in Sizilien, in Europa, vor gut 30 Jahren."

Ein paar Umzüge weiter erlebte sie dann 1991 in New York den Ausbruch des Ersten Irakkrieges. Mit ihrem Mann wohnte sie in Brooklyn, forschte weiter zum Thema Mittelmeerraum, während ihr Mann als Dozent arbeitete. "Wir Deutsche waren schockiert, als die Amerikaner, zumindest am Anfang, Angst hatten, den Mund aufzumachen und ihre Regierung zu kritisieren." Irak annektierte damals Kuwait, und eine von den USA angeführte Koalition zog gegen den Irak in den Krieg. "Alle mussten patriotisch hinter der US-Regierung stehen, und wir dachten: Wo sind wir denn hier?" Friese kommt damit auf ein gesellschaftliches Problem zu sprechen. "Viele ducken sich heutzutage weg und sagen nichts, weil sie meinen: Geht mich nichts an, ich will meine Ruhe haben. Aber das ist gefährlich." Was heute beispielsweise mit einem Ausländer geschehe - angepöbelt, beschimpft, angegriffen zu werden -, könne morgen mit einem selbst passieren, sagt Friese und spielt damit auf einen Ausspruch des Theologen Martin Niemöllers bezüglich der Nazizeit an: "Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte." Wenn Deutsche Ausländer angreifen, betreffe das sehr wohl jeden Einzelnen von uns, weil wir alle zusammen in einer politischen Gemeinschaft leben, sagt Friese. Das gelte auch, wenn sich Ausländer nicht an die Spielregeln halten. "Die Grundlagen des gemeinsamen Lebens verändern sich, wenn wir in einer Gesellschaft Ausgrenzung, Anfeindung und Machtdemonstration zulassen. Wir müssen uns fragen, ob wir das wollen." Und das beginne schon mit gelebter Zivilcourage im Kleinen.

Zwei Beispiele: An einer Bushaltestelle regt sich ein Mann in einem Gespräch darüber auf, dass ein Flüchtling eine deutsche Frau ermordet hat und schimpft über Ausländer. Da tritt die ebenfalls auf den Bus wartende Ethnologin Friese zu dem Mann und sagt: Dieser Mord ist schlimm, aber Ihnen ist schon klar, dass auch deutsche Männer ihre Frauen umbringen? Regen Sie sich da auch so auf? Oder: Ein Flüchtling betritt einen Bus mit einem Zettel in der Hand, auf dem steht, zu welchem Amt er möchte. Er fragt die Leute, wo er aussteigen muss, aber die tun so, als sähen sie ihn nicht. Die Ethnologin erklärt es ihm. "Mir fehlt der Anstand im Alltag, mir fehlt, dass die Menschen sagen: Rassismus soll es in meiner Stadt nicht geben, ich will nicht, dass Menschen abwertend behandelt werden, weil ich selbst nicht so behandelt werden will", sagt Friese. Derzeit verfasst sie ein Essay, das im Sommer erscheinen soll und sich mit Sichtweisen auf Flüchtlinge befasst.

Lassen wir an dieser Stelle ein paar ihrer Stationen weg, Paris, das britische Warwick, Jerusalem. Gehen wir mit ihr noch einmal nach Italien, zu ihrer Feldforschung auf Lampedusa. In der Forschergemeinde gelte sie als "Großmutter von Lampedusa", weil sie schon dort war, als diese Insel noch kaum einer kannte. Zum ersten Mal kam sie während ihrer Feldforschung in Sizilien dorthin. In einem Archiv war sie darauf gestoßen, dass Lampedusa 1843 von staatlicher Seite aus besiedelt worden war. Ethnologen können dort sehen, wie eine Gesellschaft von Null auf 100 entstand. Über diese Besiedlungsgeschichte schrieb Friese ein Buch. Doch bald kamen immer mehr Bootsflüchtlinge nach Lampedusa, und Ethnologin Friese reiste wieder hin, nun mit der Frage, wie das die Einheimischen beeinflusst. Um auch die andere Seite zu sehen, die, von der die Flüchtlinge kamen, verbrachte sie zudem ein halbes Jahr in Tunesien. Über Bekannte wohnte sie bei einem Cousin von Freunden in Tunis, der sie auch mit den Fischern am Hafen bekannt machte. "Damals gab es eine Diktatur, man konnte nicht alleine zu den Fischern gehen und fragen: Wie funktioniert denn das hier mit den Schleusern?" Das konnte sie selbst mit tunesischem Cousin nicht einfach so fragen; sie las sich erst ein paar Dinge über den Bootsbau an, bis sie mit den Fischern über Motoren, Bootslack und Schiffsdiesel fachsimpeln konnte. Sie hat mit den Männern geraucht und getrunken - und irgendwann auch begonnen, mit ihnen über Schleuser-Geschäfte zu reden. "Und die sind komplizierter, als die Politik beschreibt. Schleuser als Kriminelle zu bezeichnen, trifft das Problem nicht." Denn: Das Mittelmeer ist überfischt, etliche Fischer finden kein Auskommen mehr, sie verkaufen ihre Boote - an Leute, die damit Flüchtlinge nach Europa schleusen, denn dafür gibt es eine Nachfrage. "So zynisch das klingt, aber das ist unternehmerisches Denken, und normalerweise haben sie wegen der Konkurrenz auch ein Interesse daran, dass die Flüchtlinge heil ankommen." Vor drei Jahren schrieb sie das Buch "Grenzen der Gastfreundschaft" über Lampedusa. Dazu gehört, dass Lampedusa einige tausend Einwohner hat, aber über die Jahre den Ansturm von sehr viel mehr Flüchtlingen erlebte. Zwar eskalierte auch auf der Insel mancher Streit, "aber ich habe nicht gehört, dass jemand die Flüchtlinge als 'Dreckspack' und 'Viehzeug' bezeichnete und dafür auf breiter Front Beifall fand. Viele Einheimische halfen den Flüchtlingen mit Kleidung und Telefonkarten, und schimpften eher auf die Regierung, die die Lage nicht immer im Griff hatte."

Wann sie das nächste Mal umzieht? Noch ungewiss. Seit etwa vier Jahren lehrt sie in Chemnitz an der Universität Interkulturelle Kommunikation - einen Studiengang mit steigenden Studentenzahlen. Vier Jahre sind zwar durchaus eine lange Zeit für jemanden wie sie, andererseits hat sie das Nomadenleben auch nicht ganz aufgegeben: Florenz sei ihre zweite Heimat; vor 40 Jahren hatte sie dort bei einem Sprachkurs ihre Liebe zur italienischen Sprache entdeckt, und sie nicht mehr aufgegeben.

 

Dieser Beitrag erschien in der Wochenendbeilage der "Freien Presse".

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2Kommentare
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    0
    Interessierte
    20.03.2017

    Seit etwa vier Jahren lehrt sie in Chemnitz an der Universität Interkulturelle Kommunikation - einen Studiengang mit steigenden Studentenzahlen ... Diese Frau ist vermutlich auch diejenige , die sich dafür einsetzt , dass die Studenten der UNI in die Stadt zur Gegendemo bei der PEGIDA gehen ... http://www.tagesspiegel.de/kultur/heidrun-friese-ueber-die-grenzen-der-gastfreundschaft-wanderer-kommst-du-von-lampedusa/10372704.html Hier war sie auch zu sehen : https://www.tu-chemnitz.de/uk/pressestelle/aktuell/6881 . https://www.youtube.com/watch?v=QTGP4_ZLqMQ ...

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    Interessierte
    20.03.2017

    Seit etwa vier Jahren lehrt sie in Chemnitz an der Universität Interkulturelle Kommunikation - einen Studiengang mit steigenden Studentenzahlen ... Diese Frau ist vermutlich auch diejenige , die sich dafür einsetzt , dass die Studenten der UNI in die Stadt zur Gegendemo bei der AfD gehen ... http://www.tagesspiegel.de/kultur/heidrun-friese-ueber-die-grenzen-der-gastfreundschaft-wanderer-kommst-du-von-lampedusa/10372704.html Hier war sie auch zu sehen : https://www.tu-chemnitz.de/uk/pressestelle/aktuell/6881 . https://www.youtube.com/watch?v=QTGP4_ZLqMQ ...



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