Einblicke in einen der größten Luftschutzstollen der Stadt

Heute vor 73 Jahren wurde Chemnitz bei Bombenangriffen schwer beschädigt. Tausende Einwohner überlebten, weil sie einen Ort unter der Stadt aufsuchten, der Schutz bot.

Welchem Umstand Gerd Winkler sein Leben verdankt, erfuhr er erst Jahre später. Keine sechs Wochen alt war er, als am Abend des 5. März 1945 der Alarm aufheulte. Nur etwa eine halbe Stunde Zeit hatte seine Mutter, ihn und die drei Schwestern in Sicherheit zu bringen, erzählte er gestern. Gegen 21.30 Uhr erreichten die alliierten Bomber das Stadtgebiet. Allein in dieser Nacht waren 2100 Tote zu beklagen; die meisten von ihnen starben in den Kellern ihrer Häuser, denn gut vorbereitet auf die Luftangriffe war die Stadt nicht. Zu den wenigen Schutzmöglichkeiten gehörten die öffentlichen Luftschutzstollen im Stadtgebiet. Diese verteilten sich auf Niklasberg, Schloßberg und Kaßberg, sagte Heimatforscher Hans-Dieter Langer gestern Nachmittag während einer Führung durch die Anlagen an der Fabrikstraße unterhalb des Kaßbergs - eben jener Stollen, in dem Winkler die Nacht überlebt hatte.

Die erste Erwähnung der Keller als Lageraum für untergäriges Bier geht auf das Jahr 1511 zurück. Allerdings vermutet Langer, dass die Stollen bereits viel früher angelegt wurden. Ab 1938 wurden die unterirdischen Gänge von den Nationalsozialisten in die Planung zum Bau von Luftschutzanlagen einbezogen. Die Gewölbe wurden getüncht, Strom für Beleuchtung und Belüftung verlegt sowie Toiletten installiert, erklärte Langer gestern den 35 Interessenten. "Die Nazis haben damals schon mit dem Krieg geplant," so der 77-Jährige. Beleg dafür ist für ihn die Gasschutzschleuse am Eingang des Stollens. Die mit Gummi abgedichtete Stahltür sollte Schutzsuchende vor eventuellen Giftgasangriffen bewahren, so der Heimatforscher.

Ursprünglich war die rund 450 Meter lange Anlage für die Unterbringung von 580 Personen geplant, sagte Langer. Allerdings geht er davon aus, dass am Abend des 5.März bis zu 2000 Menschen in dem Luftschutzstollen ausharrten. "Etwa 20 von ihnen haben die Nacht nicht überlebt", sagt er. Wegen des anhaltenden Bombardements konnte keiner den Stollen verlassen, sodass die Luft knapp wurde. "Sie sind hier drin erstickt", so der 77-Jährige.

Trotz dieser Verluste waren die Luftschutzstollen der sicherste Ort während der Bombardierung. Langer recherchierte, dass in den kilometerlangen Gängen unter der Stadt bis zu 10.000 Menschen die Bombennacht überstanden haben. Sie fanden am nächsten Tag eine völlig zerstörte Stadt vor. Die Überlebenden wurden zu Fuß ins 15 Kilometer entfernte Claußnitz geschickt, wo ein Auffanglager zur notdürftigen Versorgung errichtet wurde.

"Unvorstellbar", nennt Josephine Glaubitz die Ereignisse jener Nacht. Die 17-jährige Schülerin nahm an der Führung teil, um einen Eindruck zu bekommen, wie die Chemnitzer jene Nacht überstanden.

Weitere Führungen für Menschen mit Behinderung finden heute und morgen sowie am Donnerstag und Freitag jeweils 16Uhr statt. Der Eintritt kostet 4 Euro, inbegriffen in diesem Preis ist eine Begleitperson.


Bombenangriff zerstört 80 Prozent der Chemnitzer Innenstadt

Bei dem Bombenangriff am Abend des 5. März 1945 verloren in Chemnitz insgesamt mehr als 2100 Menschen ihr Leben. An dem Hauptangriff zwischen 21.37 und 22.08 Uhr sollen knapp 700 britische Flugzeuge beteiligt gewesen sein. Rund 80 Prozent der Innenstadt wurden dabei vernichtet: 27.000 Wohnungen - rund 25 Prozent aller Wohnungen -, mehr als 150 Fabriken, über 80 öffentliche Gebäude und zahlreiche Kulturbauten im Stadtgebiet wurden völlig zerstört.

Insgesamt 3700 Menschen kamen während des Zweiten Weltkrieges in Chemnitz durch Bomben ums Leben. Zwei Drittel aller Wohnungen wurden beschädigt, 100.000 Chemnitzer waren bei Kriegsende obdachlos.

Alljährlich findet am Jahrestag des Bombenangriffs der Chemnitzer Friedenstag statt. Ab 11 Uhr beginnen heute auf dem Neumarkt verschiedene Aktionen, so die Eröffnung des Friedenskreuzes. Im Stadtverordnetensaal des Rathauses wird 15 Uhr der Film "Kinder im Krieg" gezeigt. Die Hauptveranstaltung zum Friedenstag findet heute um 18 Uhr auf dem Neumarkt statt. Gestaltet wird das Programm vom Chor der städtischen Musikschule, dem Gebärden-Chor "Monael und Friends", von Mathis Stendike, Hartwig Albiro, Nancy Gibson, Dylan Baumann, Christine Gabsch und Dirk Glodde.

Das komplette Programm findet sich im Internet:

chemnitzer-friedenstag.de

 

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