Entsetzen nach Anschlag auf Flüchtlingsheim in Einsiedel

Brandsätze auf das Gelände einer bewohnten Unterkunft - das gab es laut DRK noch nie in den Erstaufnahmeeinrichtungen, die das Deutsche Rote Kreuz in Sachsen betreibt. Nun ermittelt eine für Extremismus zuständige Polizeieinheit.

Abgesehen von den Protesten "Einsiedel sagt Nein!", die seit Monaten jeden Mittwoch veranstaltet werden, war es in den zurückliegenden Wochen recht ruhig geworden um die Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber im einstigen Pionierlager am Dittersdorfer Weg. "Wir hatten hier noch keinerlei Probleme in Bezug auf das Heim; es gab nicht eine konkrete Beschwerde", sagt Ortsvorsteher Falk Ulbrich (CDU).

Seit Dienstagabend ist es mit der Ruhe wieder vorbei. Unbekannte warfen nach Erkenntnissen der Polizei gegen 22.15 Uhr mehrere Brandsätze auf das Gelände. Sie landeten auf einer Rasenfläche, wenige Meter entfernt von zwei Unterkunftsgebäuden, in denen 21 Asylbewerber untergebracht sind. Sicherheitspersonal entdeckte die Molotow-Cocktails und löschte sie; einer soll von allein ausgegangen sein. Das für extremistische Straftaten zuständige Operative Abwehrzentrum der Polizei geht von einem Brandanschlag aus, verübt von mehreren Tätern. Menschen seien nicht verletzt worden, hieß es gestern. Auch am Gebäude sei kein Schaden entstanden.

Die Polizei war noch in der Nacht mit etlichen Einsatzkräften in Einsiedel unterwegs. Ein Hubschrauber mit Wärmebildkamera kreiste über dem Stadtteil, ein Fährtenhund erkundete die Gegend rund um den Tatort. Der liegt am Rande eines Waldstücks, das an das Gelände der Asylbewerberunterkunft grenzt. Einsiedler Einwohner wollen dort gegen 22Uhr mehrere Fahrzeuge beobachtet haben - auf einem Weg, der üblicherweise mit einer Metallkette gesichert ist.

Das Deutsche Rote Kreuz, das die Einrichtung mit derzeit knapp 100Bewohnern betreibt, verurteilte den Vorfall scharf. "Ich bin entsetzt und zutiefst bestürzt über diese verabscheuungswürdige Tat", sagte DRK-Präsident Rudolf Seiters (78), einst unter Helmut Kohl Kanzleramts- und Bundesinnenminister. "Durch diese verantwortungslose Tat wurde bewusst das Leben von Flüchtlingen und Helfern aufs Spiel gesetzt", meinte er. "Wir hoffen, dass die Behörden den oder die Täter rasch ausfindig machen und zur Verantwortung ziehen."

Ähnlich äußerte sich Kai Kranich vom Landesverband des DRK. Es seien nach wie vor fast ausschließlich Familien in Einsiedel untergebracht, betonte er. "Von den derzeit 95 Bewohnern sind 27Kinder unter zwölf Jahren, zwölf weitere sind jünger als 18 Jahre." Petra Zais, asylpolitische Sprecherin der Landtagsfraktion der Grünen und Chemnitzer Stadträtin, forderte, den Schutz von Flüchtlingsunterkünften zu verbessern. "Sachsen bleibt ein lebens- gefährliches Land für Geflüchtete", sagte sie. Ihr dränge sich zudem die Frage auf, ob der Anschlagstermin bewusst gewählt wurde. Die Sondereinheit GSG 9 hatte am Dienstag in Freital mehrere mutmaßliche Rechtsterroristen festgenommen.

In Einsiedel war der Vorfall am Heim gestern Gesprächsthema Nummer eins. "Wir verurteilen das aufs Schärfste und sind sehr froh, dass nichts Schlimmeres passiert ist", sagte Ortsvorsteher Ulbrich. "Hoffentlich findet die Polizei heraus, wer dafür verantwortlich ist." Sein Amtsvorgänger, Stadtrat Peter Neubert (Linke), sagte, man könne nun nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. "Wir waren gerade dabei, uns langsam wieder anderen Themen zu widmen."

Auf der Facebook-Seite der "Bürgerinitiative gemeinsam für Einsiedel", Mitinitiatorin der asylkritischen Proteste im Ort, hieß es gestern: "Wer auch immer dafür verantwortlich ist, sollte wissen, dass die Einsiedler solche Aktionen zutiefst verabscheuen." Nach Ansicht der Initiative könnte es sich allerdings auch um eine "gezielte Inszenierung" handeln, "um die Einsiedler bewusst in Verruf zu bringen".

Ähnliches war von Gegnern der Asyl- und Flüchtlingspolitik bereits Ende Februar zu hören gewesen, nachdem Unbekannte des Nachts mit bengalischen Fackeln und Feuerwerkskörpern vor die Unterkunft gezogen waren. Auch in diesem Fall ermittelt das Operative Abwehrzentrum. Zum Stand der Dinge gibt es derzeit keine Auskünfte. Ein mutmaßlicher Anschlag im Dezember wiederum hatte sich binnen Stunden als Irrtum herausgestellt. Ein Wachmann hatte verdächtige Schäden an Gebäuden gemeldet, die aber schon seit längerer Zeit bestanden.

Am Protestmarsch "Einsiedel sagt Nein!" beteiligten sich gestern Abend laut Beobachtern 200 Menschen, vergleichsweise wenige.

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10Kommentare
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    2
    norbertfiedler70
    22.04.2016

    @Zeitungsleser An Ihren Kommentar vom 20.04.2016 11:09 Uhr können Sie sich wohl nicht mehr erinnern, wo Sie von "geistigen Brandstifter" schrieben...

  • 2
    0
    1764056
    22.04.2016

    @KleinerNils: Beeindruckend, dass Sie von einem Kommentar gegen sinnlose Gewalt auf irgendwelche politische Richtungen schliessen... Kann man nicht einfach ein Humanist sein? ... Seltsame Denkmuster, die sich einige hier zugelegt haben...

  • 4
    1
    Zeitungsleser
    21.04.2016

    @norbertfiedler70: Manchmal ist es gut, Kommentare richtig zu lesen. Ich habe nicht geschrieben, mehr über den Brandanschlag zu wissen, als Polizei und Presse, sondern beschrieben, wie sich manche Flüchtlinge in der Anschlags-Nacht gefühlt haben. Grundlage dieses Wissens sind Gespräche mit den Betroffenen. Alles klar?
    Was mich wirklich schockiert sind die z. Zt. 10 "roten Daumen", die man für einen Kommentar bekommt, in dem man nicht nur über die Sorgen der "Besorgten' sondern auch über die Sorgen der Flüchtlinge schreibt, oder erwähnt, wie gerne viele integrationswillige Flüchtlinge die Deutschkurse besuchen, und darauf aufmerksam macht, dass alle Menschen, also auch Flüchtlinge, eine (auch vom Grundgesetz garantierte) Würde besitzen.
    Alle, die das mit dem "roten Daumen" kommentieren, disqualifizieren sich selbst!

  • 1
    4
    gelöschter Nutzer
    21.04.2016

    @176405
    "Sonst kommen noch irgendwelchen Dumpfbratzen auf die Idee, mit feiger Gewalt an Unschuldigen Politik machen zu können."

    Ist ja von Ihresgleichen in Jena eindrucksvoll Vorgeführt worden...

  • 0
    4
    norbertfiedler70
    21.04.2016

    @Zeitungsleser: Sie wissen offensichtlich mehr als Presse und Polizei bisher veröffentlicht haben. Sind Sie etwa selbst einer von den "besorgen Bürger? und wissen deshalb mehr über diesen hinterhältigen Brandanschlag?

  • 4
    0
    1764056
    21.04.2016

    @fliegender...: Ähm, nö. Sonst kommen noch irgendwelchen Dumpfbratzen auf die Idee, mit feiger Gewalt an Unschuldigen Politik machen zu können.

  • 4
    4
    Frederick
    21.04.2016

    Unentschuldbarer Vorfall, aber es wäre auch nicht das erstmal das Flüchtlinge selber Feuer legen und Hackenkreuze rumschmieren. Also mit Vorurteilen zurückhalten bis die Tat geklärt ist.

    http://www.focus.de/regional/rheinland-pfalz/braende-brandstiftung-in-fluechtlingsheim-geklaert-syrer-legte-feuer_id_5424362.html

  • 7
    6
    torschro
    21.04.2016

    @Zeitungsleser Ihr einseitiger, verklärter Blick auf die Flüchtlinge ist genauso falsch, wie die totale Verurteilung aller.

  • 4
    12
    fliegenderRobert
    21.04.2016

    Petra Zais, asylpolitische Sprecherin der Landtagsfraktion der Grünen und Chemnitzer Stadträtin..."Sachsen bleibt ein lebens- gefährliches Land für Geflüchtete", sagte sie.

    Vielleicht sollte man bis auf weiteres davon absehen, weitere "Flüchtlinge" bzw. Asylforderer in Sachsen aufzunehmen und in Bundesländer zu verteilen, welche deren Schutz gewährleisten können.

  • 17
    10
    Zeitungsleser
    21.04.2016

    Vielleicht gehen die "besorgen Bürger" mal in eine Erstaufnahme-Einrichtung (ist machbar!) und hören sich die Geschichten der Menschen an, ihre Sorgen und Nöte. Dann werden sie auch erfahren, welche Angst die Menschen in der schlaflosen Nacht des widerlichen Brandanschlags hatten. Vielleicht bemerken sie dabei zufällig, mit welcher Freude die Menschen zum Deutschunterricht gehen. Dann werden die "Besorgten" mit eigenen Augen sehen, dass Flüchtlinge keine Monster sondern Menschen sind - Menschen, die eine Würde haben und deshalb nicht unwürdig behandelt werden wollen.



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