Im Bauch der größten Baustelle der Stadt

Das Conti-Loch ist Geschichte. Dort entsteht das Technische Rathaus. Während ein Teil noch im Rohbau ist, könnten an anderer Stelle die Büros bald bezogen werden. Wo der Chef einmal sitzen wird, steht schon fest.

Michael Stötzer hat bald allen Grund, aus dem Fenster zu sehen. Das neue Büro des Chemnitzer Baubürgermeisters in der fünften Etage des zukünftigen Technischen Rathauses bietet einen Blick über die komplette Innenstadt, mit allerlei Inspirationsquellen für einen Bau-Fachmann. Besonders gut wird er die Bahnhofstraße, das Archäologiemuseum, das Hotel Mercure, das Punkthochhaus an der Augustusburger Straße sowie Teile des Kunstgewerbehauses im Blick haben - ein wilder Architektur-Mix.

Etwas gedulden muss sich Stötzer aber noch, bevor er seinen neuen Arbeitsort beziehen kann. "Die Stadt erhält am 1. Dezember den Schlüssel", sagt Eckart Boettcher. Er ist Projektsteuerer der momentan größten Baustelle in Chemnitz. Rund 30 Firmen sind an der Entstehung des Gebäudes mit Tiefgarage und fünf Geschossen über dem ehemaligen Conti-Loch beteiligt. Sie wurden von einer weiteren Firma, dem sogenannten Generalunternehmer für die Baustelle, der selbst den Rohbau fertigte, beschäftigt. Zwischen 120und 140 Arbeitskräfte wirken mit an dem neuen Gebäude - Boettcher muss über alles, was geschieht, den Überblick behalten und seinem Auftraggeber, dem Bauherrn Claus Kellnberger, berichten. Dieser werde "um die 40 Millionen Euro" in das Projekt, die Brache Conti-Loch zu bebauen, investieren, sagt Kellnberger selbst.

Von der Bahnhofstraße aus betrachtet ist der Bau, der aus fünf Teilen besteht, schon weit fortgeschritten. Lediglich Teil A, der am Dresdner Platz steht, befindet sich überwiegend noch im Rohbau, erläutert Boettcher. Besonders auffällig: Das Gebäude zieht durch die vielen schmalen Fenster die Blicke auf sich. Die Befürchtung, dass dahinter winzige Büros entstehen, kann der Projektsteuerer nehmen. "Ein Büro hat mindestens drei Fenster, es gibt auch größere", sagt er. Viele kleine Fenster, das sei momentan eben modern.

Durchs Erdgeschoss pfeift der Wind. Folien hängen dort, wo später einmal Türen sein werden. Beton dominiert das Bild. Vier Läden sollen hier entstehen, "im Gespräch sind Bäcker, Fleischer, Reisebüro und Imbiss", sagt Boettcher. Aus einem Radio schallt "Purple Rain" von Prince. Der Blick fällt nach draußen. Dort entsteht auf dem Dach der Tiefgarage ein 4000 Quadratmeter großer Innenhof, in dem einmal Bäume gepflanzt werden sollen. An einer Wand zum Erdgeschoss hin bildet ein Geflecht aus Stahlstangen einen Halbkreis. Darauf wird mit 120 Quadratmetern der größte Beratungsraum des Gebäudes entstehen. Gerade sind Betonfacharbeiter damit beschäftigt, aus Holzplatten eine Verschalung für die runde Betonwand anzufertigen.

Im dritten Geschoss ist ein Arbeiter mit seltsamen Schuhen unterwegs. Sie wirken wie die eines Clowns, nur noch größer. Der Mann ist Estrichleger. Dank seiner super breiten Sohlen sinkt er nicht in den weichen Boden unter ihm ein. Der Estrich wird auf einer schwarz-glänzenden Folie verlegt, die über einer Trittschalldämpfung aus Styropor ausgebreitet ist. Am Boden liegt ein schwarzer Schlauch, so groß, dass man ihn mit einer Hand gerade so umfassen könnte. Plötzlich ruckelt und zappelt der Schlauch hin und her, als hätte er sich plötzlich in eine Schlange in Aufruhr verwandelt.

Die Bewegung kommt daher, dass die Estrichmasse, die unten im Hof angemischt wird, durch den Schlauch in die dritte Etage befördert wird. Das Ende des Schlauchs, das in einem Gestell steckt, sodass die Öffnung nach unten zeigt, hat Marcel Arnold in den Händen. Der Estrichleger kniet auf dem Boden und versetzt das Gestell mit dem Schlauch, sobald es ein Häufchen ausgespuckt hat, an einen neuen Fleck. Wenn der Estrichfluss versiegt ist, verteilt Arnold die Masse mit einer langen, flachen Wasserwaage, die eher wie eine Zaunlatte aussieht. Zuerst breitet er den Estrich an den Rändern des Raumes und an den Türschwellen aus, wo er die Höhe gut nachmessen kann, dann füllt er die Fläche dazwischen auf. "Das ist eine Kunst", sagt Boettcher bewundernd im Gehen. Einige Türen weiter tönt der Song "Traum" von Cro aus einem Radio.

In der fünften Etage sind die Arbeiten am weitesten fortgeschritten. Es gibt Flure, da riecht es nach frischer Farbe. Es fehlt nur noch der Bodenbelag. An anderer Stelle auf der Etage sind die Maler noch am Werk. Morrice Schott hat gerade Vliestapete mit Kleister bestrichen und drückt die Bahnen an die Trockenbauwand. Aus einem Radio singt Peter Maffay "Sonne in der Nacht".

Boettcher geht weiter bis zum Treppenhaus. Dort steht eine Leiter, über ihr tut sich eine Luke auf, zu zwei Dritteln verdeckt von einem Brett, darüber ist der Himmel zu sehen: Der Weg aufs Dach. Der 55-Jährige klettert die Leiter hinauf und schiebt das Brett beiseite. Der Wind pfeift bitterkalt, die Aussicht ist beeindruckend.

Überall verteilt stehen Propangasflaschen. Das Gas wird gebraucht, um Flammen zu erzeugen. Mit ihnen werden Bitumenbahnen erhitzt und verlegt - die Abdichtung für das Flachdach, erklärt Boettcher. Momentan tut das aber keiner. Der Projektsteuerer ist der einzige Mensch auf dem Dach.

Er muss wieder runter. Gleich ist er mit dem ersten Polier für den Roh- und Ausbau verabredet, zur sogenannten Zustandsfeststellung. Dabei kontrolliere er, was gearbeitet wurde, erklärt er, zum Beispiel, ob Dämmung und Kabel korrekt in den Trockenbauwänden liegen, bevor sie verschlossen werden. Er durchquert die fünf Stockwerke wieder nach unten, hört die verschiedenen Radiosender noch einmal und begrüßt im Innenhof den Polier. Dass der Baubürgermeister auch wirklich ab 1. Dezember die Aussicht genießen kann, dem stehe im Übrigen nichts im Wege: "Wir sind im Plan."

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1Kommentare
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    Interessierte
    06.08.2017

    Das ist falsch : Das Conti-Loch ist Geschichte ...
    sondern : Das Conti-Biotop mit 178 Tierarten ist Geschichte

    In Schleswig-Holstein wurde vor kurzem auch gezählt , die hatten in dem gesamten Gebiet nur 160 Arten

    Sind denn die Vögel nun in Hainersdorf schon angekommen ?



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