Kahlschlag in Reichenbrand - Rathaus prüft Konsequenzen

Am Rande einer Siedlung unweit der Zwickauer Straße wurden Dutzende Bäume gefällt. Genehmigt war das nicht, heißt es aus dem zuständigen Amt.

Reichenbrand.

Die Kettensägen dröhnten und die Anwohner trauten ihren Augen kaum: Innerhalb weniger Stunden war in ihrer Nachbarschaft ein lieb gewonnenes Stück Natur zum großen Teil verschwunden. Kein gepflegter Park, ein eher wild gewachsener Baumbestand am Rande ihrer Siedlung zwischen Tal-, Amalien- und Nestlerstraße. "Wohnen im Grünen", dieser Wunsch hatte viele Menschen einst in diese Gegend gelockt.

Nun prägen vor allem Baumstümpfe und Spuren vom Abtransport des Holzes der gefällten Bäume das Gelände. Wie die Stadtverwaltung auf Anfrage mitteilte, ist beabsichtigt, auf dem Areal drei Mehrfamilienhäuser zu errichten. "Dem Baugenehmigungsamt lag bislang lediglich ein Antrag auf Vorbescheid vor", sagte eine Sprecherin. Und über den sei noch nicht entschieden worden.

Nachbarn hatten das Rathaus über die Baumfällungen in Kenntnis gesetzt und um Prüfung gebeten, ob dort alles mit rechten Dingen zugeht. Ergebnis: Bei den Bäumen handelte es sich tatsächlich um einen Bestand, der laut Baumschutzsatzung der Stadt unter Schutz stand und nicht ohne Weiteres hätte gefällt werden dürfen. Eine Genehmigung zum Fällen sei nicht erteilt worden, heißt es.

"Offenbar wollte hier jemand Fakten schaffen", mutmaßen Anwohner. Bereits vor etwa zehn Jahren habe es schon einmal einen Anlauf zur Bebauung des Areals gegeben, erzählen sie. "Nicht zuletzt aus Gründen des Naturschutzes kam das damals nicht zustande."

Ein Vertreter einer der an der Aktion beteiligten Firmen sieht das Ganze weniger dramatisch. "Das ist bei jeder Fällung so, dass sich Leute aufregen", meinte er. Bei den gefällten Bäumen habe es sich seiner Schätzung nach zu 95 Prozent um Birken gehandelt. Sie würden zu Hackschnitzeln und Brennholz verarbeitet. "Die Bäume, die geschützt sind, sind ja stehen geblieben."

Ob dem tatsächlich so ist, wird nun im Rathaus geprüft. Zuständig dort ist das Sachgebiet Baumschutz im Grünflächenamt. "Wenn im Ergebnis festgestellt wird, dass geschützte Bäume ohne Genehmigung gefällt wurden, kann ein Ordnungswidrigkeitsverfahren eingeleitet werden", heißt es. Die Baumschutzsatzung der Stadt sieht Bußgelder von bis zu gut 50.000 Euro vor.

Bauherren hält dies im Zweifelsfall nicht wirklich ab, trotzdem die Säge anzusetzen, meinen Kritiker. Seit der Lockerung des Baumschutzes in Sachsen 2010 seien offenbar viele der Meinung, sie hätten beim Fällen freie Hand, meint Reiner Amme vom Bund für Umwelt und Naturschutz. "Man wollte damit vor allem Eigenheimbesitzern entgegenkommen. Aber es wird auch bei größeren Neubauvorhaben immer wieder ausgenutzt."

Stadtrat Bernhard Herrmann (Grüne) hofft auf die Behörden. "Wenn wir nicht aufpassen und gegebenenfalls einschreiten, wird uns das an allen Ecken und Enden der Stadt passieren", fürchtet er. Es nütze nichts, wenn im Opernhaus die Nachhaltigkeit gefeiert werde, diese beim Wohnungsbau aber außen vor bleibe, sagte er mit Blick auf die Verleihung des Carlowitz-Nachhaltigkeitspreises in der vergangenen Woche. Viele Anwohner gehen sogar noch einen Schritt weiter: Sie fordern die Einstellung aller Bauvorbereitung und Wiederaufforstung.

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