Kirche wirbt mit Marx für Luther

Chemnitz ist keine Stadt der Reformation. Deshalb mussten sich die Veranstalter etwas für die Jubiläumsfeierlichkeiten einfallen lassen.

Zum Feiern gibt es in Chemnitz keinen Grund: Die Reformation wurde da erst 1539 eingeführt. Und Martin Luther ist hier weder festgesetzt, noch versteckt worden. Dennoch startet der Kirchenbezirk am 5. April die Feiern zum Reformationsjubiläum. Die evangelische Kirche stellt das Thema "Luther und Marx" ins Zentrum. "Wenn wir in anderen Städten das Thema nennen, ernten wir Unverständnis", sagte gestern der Sprecher des Kirchenbezirkes, Stephan Brenner. "Aber wir sehen, dass es sich in unserer Stadt geradezu aufdrängt, die beiden auf den ersten Blick so gegensätzlichen Personen in einen Kontext zu setzen."

Die Veranstaltungen bestreitet die Kirche mit Wissenschaftlern der Technischen Universität und des Städtischen Theaters. Und so ist von allem etwas dabei: Musik, Tanz, Luthersche Thesen und Marxsche Theorie. Der 1. Mai ist der Musik gewidmet, deren Wirkung auf Menschen sowohl von der Kirche als auch von den Kommunisten genutzt wurde: Im Johannispark spielen die Sächsische Posaunenmission und das Schalmeienorchester Plauen; sie sorgen für "lutherische" und "marxistische" Klänge.

Intellektueller Höhepunkt der Veranstaltungen wird eine Ringvorlesung sein. Ralf Georg Czapla, Professor am Germanistischen Seminar der Uni Heidelberg, skizziert, wie Luther schon in der Frühzeit des Films zum Leinwandhelden avancierte. Mal wurde er dabei als Freiheitskämpfer in Anspruch genommen, mal als marxistischer Vordenker, mal als Sprachschöpfer. Czapla geht auf den Filmwettstreit zwischen BRD und DDR 1983 ein und stellt mit den Produktionen von Irving Pichel (1953) und Eric Till (2003) die beiden erfolgreichsten Lutherfilme vor, ehe er fragt: Taugt Luther noch zum Filmhelden?

Schließlich widmet sich der französische Historiker Gilles Candar dem Werk seines Landsmannes Jean Jaurès (1859 bis 1914): Weiterdenken und Anverwandlungen von Luther und Marx durchziehen sein politisches Schaffen. Als weiterer Gast in der hochkarätig besetzten Ringvorlesung wird Ulrich Duchrow aus Heidelberg erwartet. Sein Thema: Mit Luther, Marx und dem Papst den Kapitalismus überwinden.

Dass weder die Leistungen von Luther noch die von Marx ohne das Wirken ihrer Frauen denkbar sind, thematisiert Ulrike Brummert. Katharina von Bora und Jenny von Westphalen gestalten die Schnittstelle zwischen Öffentlichem und Privatem. "Stöbern wir in den Biografien, sehen Verbindungen zur Theorie oder auch nicht." So macht Brummert, Professorin für Romanische Kulturwissenschaft in Chemnitz, neugierig auf ihren Vortrag.

Mehr zum Projekt "Luther & Marx" steht im Internet unter www.luther-und-marx.de

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