Not-Operation nach Raubtierangriff

Ein Leopard hat im Tierpark einen Pfleger ins Gesicht gebissen. Dass der Mann überlebte, ist besonderen Umständen zu verdanken.

Ungewöhnlich ruhig war es am Freitagvormittag am Tierpark-Eingang an der Nevoigtstraße. Hinter dem Zaun kehrte eine Pflegerin ein Gatter, wenige Kinder spielten auf dem Spielplatz, deren Eltern und Großeltern standen daneben. Ratlosigkeit war auf ihren Gesichtern erkennbar. Denn der Tierpark blieb geschlossen. "Aufgrund einer Havarie" - so war es auf einem Aushang an der Tür des Kassenhäuschens zu lesen. Tatsächlich war es keine Havarie, die sich ereignet hatte, sondern ein folgenschwerer Unfall: Gegen 6.50 Uhr attackierte eine Leopardin in ihrem Gehege einen Pfleger. Der Mann erlitt Bissverletzungen im Gesicht und musste notoperiert werden. Lebensgefahr habe aber keine bestanden, so die Stadtverwaltung.

Wie genau es zu diesem Unglück kommen konnte, ist gegenwärtig nur teilweise bekannt. Sicher ist, dass der 56-jährige Mann, ein erfahrener Pfleger, der seit 29 Jahren im Tierpark arbeitet, am Morgen das Außengehege gereinigt hatte - eine Routineangelegenheit, die sich täglich wiederholt. Ein Sicherheitsmechanismus schließt normalerweise aus, dass sich Tier und Pfleger gemeinsam in dem Gehege aufhalten können. Warum dies offensichtlich trotzdem passiert ist, ist derzeit Gegenstand von Untersuchungen der Kriminalpolizei sowie von Mitarbeitern des Bereiches Arbeitsschutz der Landesdirektion, wie der zuständige Bürgermeister Miko Runkel am Mittag bei einer eilig anberaumten Pressekonferenz betonte. Die Großkatze attackierte den Mann von vorn. Dies sowie seine langjährige Erfahrung verhinderten womöglich Schlimmeres. "Er konnte das Tier geistesgegenwärtig mit dem Arm zur Seite drücken und hat es sogar geschafft, alle Gehegetüren hinter sich wieder zu verschließen", so Runkel. Aufgefunden wurde der Pfleger von einer Auszubildenden im dritten Lehrjahr, die einen Schock erlitt und ebenfalls ins Krankenhaus gebracht wurde. Sie ist inzwischen wieder entlassen worden.

Bei dem Leoparden handelt es sich um ein Weibchen mit Namen Cleopatra. Das 19 Jahre alte Tier ist das einzige, das der Chemnitzer Tierpark von dieser Art besitzt - als Jungtier kam es einst aus der slowakischen Kleinstadt Bojnice. Schon vor elf Jahren, im November 2006, hatte Cleopatra für Aufsehen gesorgt. Durch einen Biss von ihr in den Nacken war damals eine 23-jährige Tierpflegerin getötet worden. Seinerzeit waren die Schiebetüren nicht geschlossen - als Reaktion darauf war der heutige Sicherheitsmechanismus eingebaut worden.

Konsequenzen für das Tier sind indes auch nach dem zweiten Vorfall unwahrscheinlich. Der Unfall sei tragisch, es handele sich aber um ein normales Raubtierverhalten, sagte Peggy Riedel, die Tierärztin der Einrichtung. Cleopatra sei kerngesund. Die Besucher, die ab 13 Uhr in den Tierpark hineindurften, bekamen den Leoparden allerdings am Freitag nicht zu Gesicht.

Das Unglück hatte sich zu diesem Zeitpunkt längst herumgesprochen. "Wir hoffen, dass es dem Pfleger bald wieder besser geht", sagte ein Besucher. Allerdings wollte er auch über den Leoparden nicht den Stab brechen. "Tiere sind unberechenbar, und auch sie können einmal einen schlechten Tag haben", ergänzte er. Auch ein Großvater, der am Vormittag mit seiner Enkelin aus Frankenberg angereist war und vor verschlossenen Türen stand, nahm die Leopardin in Schutz. Im Umgang mit Tieren sei ein Restrisiko nicht ausgeschlossen: "Da kann immer mal etwas passieren."

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