Oberer Bahnhof Wittgensdorf bald nur über Treppe zugänglich

Für 1,5 Millionen Euro entstehen im Stadtteil neue Bahnsteige. Doch die sind künftig nicht mehr für alle erreichbar.

Wittgensdorf.

Noch ist es für Reisende am Oberen Bahnhof in Wittgensdorf relativ einfach, zu den Zügen zu gelangen. Barrierefrei können auch Menschen mit Behinderung oder Eltern mit Kinderwagen die Züge erreichen. Noch. Denn damit ist bald Schluss. Derzeit lässt die Deutsche Bahn den Bahnhof für rund 1,5 Millionen Euro umbauen. Nach dem Ende der Arbeiten werden die zwei neuen Bahnsteige nur noch über eine steile Treppe zu erreichen sein. Sie entsteht derzeit entlang der Böschung an der Bahnhofstraße in Wittgensdorf.

Ein Unding, sagt der stellvertretende Ortsvorsteher und Stadtrat Kai Tietze (Die Linke) mit Blick auf die neue Treppe. Denn die Bahn grenze durch diesen Umbau breite Bevölkerungsschichten aus, sagt er. "Für Menschen mit Geh-Einschränkungen, Rollstuhlfahrer, ältere Bürger, Eltern mit Kinderwagen sowie Personen mit Fahrrädern oder schweren Koffern ist es so zu anstrengend oder gar unmöglich, den Bahnsteig zu erreichen. Diese Situation ist katastrophal", sagt Tietze. Ortschaftsrat und Stadt hätten bei der Deutschen Bahn zwar mehrfach Widerspruch gegen die Umbaupläne eingelegt, aber kein Gehör gefunden, so Tietze.

Vor etwa zwei Jahren habe die Bahn ihre Pläne in einer Sitzung des Ortschaftsrates Wittgensdorf dargelegt. Doch schon damals sei der Zug abgefahren gewesen, erinnert sich der Bürgervertreter. Das bestätigt Christine Pastor. Auch sie war bei der Sitzung anwesend. "Die Bahn sagte, die Pläne seien so weit fortgeschritten, dass keine Änderungen mehr möglich sind", so Pastor. Dabei hätte es durchaus Möglichkeiten für einen weiterhin barrierefreien Zugang zu den Bahngleisen gegeben, meint Kai Tietze. Doch davon habe die Deutsche Bahn nichts wissen wollen, weil der Vorschlag der Wittgensdorfer mit Mehrkosten verbunden gewesen sei.

Auf Nachfrage bestätigt das Verkehrsunternehmen, dass es keine Änderung an dem Bauvorhaben geben wird. Eine andere Möglichkeit als die Treppe, um auf die zwei neuen Außenbahnsteige zu gelangen, gebe es künftig nicht, erklärt eine Bahn-Sprecherin. Reisende mit eingeschränkter Mobilität sollten sich deshalb Unterstützung anderer suchen oder einen stufenfreien Bahnhof in der Nähe aufsuchen, beispielsweise den in Burgstädt, rät die Sprecherin. Noch schlimmer könne es Ortsunkundige treffen, befürchtet Kai Tietze: "Stellen sie sich vor, am Oberen Bahnhof steigt ein Rollstuhlfahrer aus. Der kommt doch von hier gar nicht mehr weg." Auch mit Blick auf die Sitzung vor zwei Jahren und die dort vorgebrachten Bedenken stellt der Stadtrat resigniert fest: "Die Bahn interessiert das einfach nicht." Das sei auch deshalb schade, da die Stadt Chemnitz im Umfeld des Bahnhofes die beiden Bushaltestellen bereits barrierefrei ausgebaut hat. "Die Deutsche Bahn geht jetzt in der weiteren Entwicklung des Areals Meilen zurück", kritisiert er.

Die Bahn erklärt, dass in einem mehrere Jahre dauernden Planungsprozess, in den auch die Stadt Chemnitz eingebunden gewesen sei, entschieden wurde, den Zugang zum Bahnhof über Treppen zu gewährleisten. Der Bau eines Aufzuges sei mit Blick auf die relativ geringe Nutzung des Bahnhofes aufgrund der hohen Kosten nicht gerechtfertigt, erklärt eine Sprecherin. Täglich stiegen am Oberen Bahnhof "deutlich unter 1000 Reisende ein und aus", ergänzt sie. Der Einbau von Aufzügen sei jedoch erst ab einem Schwellwert von 1000 Ein- und Aussteigern täglich gerechtfertigt, auch im Hinblick auf Wartung, Reparatur und Vandalismusanfälligkeit, so die Bahnsprecherin.


Kommentar: Chance vertan

Das wäre vermeidbar gewesen: Ärger und Frust über einen neuen Bahnhof, den gar nicht mehr alle nutzen können, weil er vielen Menschen den Zustieg aus eigener Kraft nicht mehr ermöglicht. Dabei ging den Arbeiten eine lange Planung voraus. In einer Sitzung zwei Jahre vor Baubeginn wurden der Bahn Lösungsvorschläge unterbreitet. Doch da war es schon zu spät, der Zug abgefahren. Es ist durchaus verständlich, dass bei weit unter 1000 Nutzern täglich ein Aufzug zu teuer ist. Aber gemeinsam mit Ortskundigen nach einer anderen Lösung zu suchen, hätte mehr als nur guten Willen gezeigt. Hier hat die Bahn eine Chance vertan, sich in einer alternden Gesellschaft Kunden zu sichern. Denn wie sollen Menschen, die auf die Bahn angewiesen sind, nach Burgstädt gelangen, um dort in den Zug zu steigen?

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5Kommentare
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  • 6
    0
    gelöschter Nutzer
    03.11.2017

    Es ist mir ein Rätsel, dass das Die Bahn in Deutschland außerhalb der Demokratie zu stehen scheint und sich die gewählten Volksvertreter an diesem Unternehmen regelmäßig die Zähne ausbeißen (siehe dieser Fall, siehe Chemnitz-Viadukt, usw.).

  • 4
    2
    1953866
    03.11.2017

    @Hinterfragt, es scheint seit einiger Zeit hier mindesten Einen zu geben, der querbeet völlig sinnbefreit "rote Daumen" vergibt. Unabhängig vom "politischem Lager" ist, so mein Eindruck, eigentlich Jeder davon betroffen. Einfach mal die Lesermeinungen "durchforsten".

  • 10
    0
    cn3boj00
    03.11.2017

    In Deutschland ist jeder Schei.. irgendwo von Amts wegen reguliert. Jeden Fur.. muss man sich genehmigen lassen. Aber die Bahn baut hier einfach wie sie will? Wer hat das genehmigt, wer hat hier gepennt? Wie kann man einen Zugang zu einem Bahnhof bauen, ohne an Rollstühle, Kinderwagen und andere Probleme zu denken?
    Ich bin echt fassungslos.

  • 7
    2
    Hinterfragt
    03.11.2017

    Dem "roten Daumen" wünsche ich, dass er ,ohne Vorherplanung einer Ankunft, mitten in der Nacht an jenem Bahnhof aussteigen muss und sich nur mittels Rollator halbwegs bewegen kann.

  • 7
    2
    Hinterfragt
    03.11.2017

    Kurz und knapp: Die haben nicht mehr alle Latten am Zaun!

    Und ein Tipp an die Bahnsprecherin, Sie sollten sich schämen, für diese schmähenden Aussagen!

    Frage an die Bahn: Warum wude für viel Geld der Berliner Hauptbahnhof gebaut, wo doch zahlreiche Bahnhöfe in unmittelbarer Nähe sind ...?



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