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Die beiden Carlowitz-Preisträger für Nachhaltigkeit: Der ecuadorianische Buchautor und Streiter für eine gerechte Welt, Alberto Acosta (links), und der Potsdamer Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber.

Foto: TONI SÖLL

Planetenpass für Klimaflüchtlinge?

Gestern wurden die Nachhaltigkeitspreise der Hans-Carl-von-Carlowitz-Gesellschaft verliehen. Die beiden Preisträger sprachen leidenschaftlich über die Zukunft der Erde.

Von Stephan Lorenz
erschienen am 24.11.2017

Chemnitz. Gerät die Welt aus den Fugen, wie Dieter Füsslein, Vorsitzender der Carlowitz-Gesellschaft, gestern im Opernhaus die Gäste bei der Feierstunde für die Preisverleihung in die Runde warf? Dass der Planet Erde nicht so schnell aus den Fugen gerät, dafür stehen seit Jahrzehnten die beiden Preisträger Hans Joachim Schellnhuber vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und der frühere Energieminister Ecuadors, Alberto Acosta.

Ganz im Sinne des Rabensteiners Hans-Carl-von-Carlowitz, der zu Beginn des 18. Jahrhunderts den Begriff Nachhaltigkeit bei der Forstwirtschaft geprägt hatte, stand das Thema Klimawandel und verantwortliches Handeln für die Zukunft im Mittelpunkt der Feierstunde und der anschließenden Konferenz. Professor Schellnhuber brachte es in seinem Festvortrag auf den Punkt: "Der Klimawandel steht an vorderster Front unserer Nachhaltigkeitsdebatte, es ist das Thema unserer Zeit. Wenn wir das Problem icht lösen, brauchen wir über andere Zukunftsfragen gar nicht mehr nachzudenken. Wenn wir es aber lösen sollten, dann ist das der Nachhaltigkeit noch längst nicht beendet."

Seitdem man per Satellitenbilder von außen auf die Erde schauen könne, so Schellnhuber, werde den Menschen bewusst, wie subtil das System Erde eigentlich ist und wie schnell es tatsächlich aus den Fugen geraten könnte. Der Pionier der Erdsystemanalyse und Begründer des Zwei-Grad-Ziels, mit dem die Erderwärmung noch halbwegs zu bewältigen sein könnte, mahnte eindringlich: "Wenn wir Menschen den natürlichen Eiszeitzyklus unterbrechen können, dann sind wir als geologische Kraft auch in der Lage, die Erde unbewohnbar zu machen." Selbst bei einer Erderwärmung von zwei Grad prognostiziert der Physiker und Mathematiker einen Anstieg des Meeresspiegels von sechs Meter. Ganze Nationen werden von der Landkarte verschwinden - die Malediven, die Fidschi-Inseln und andere tiefgelegene Regionen.

Schellnhuber, der viel Erfahrung im internationalen klimapolitischen Betrieb hat, machte in Chemnitz daher einen, wie er selbst sagte, provokanten Vorschlag. "Nach dem Vorbild des Nansen-Passes, der 1922 für staatenlose Flüchtlinge aus der Sowjetunion von Fridtjof Nansen, damals Hochkommissar des Völkerbundes für Flüchtlingsfragen, eingeführt wurde, sollte es künftig einen Planetenpass für Klimaflüchtlinge geben." Es sei ethisch geboten und auch logisch. "Diese Menschen verlieren wegen unseres Lebensstils ihre Heimat. Aber versuchen Sie einen solchen Pass mal politisch durchzubringen", sagte er augenzwinkernd.

So ernst das Thema, so beschwingt war die Musik der südamerikanischen "Grupo Sal". Diese Band spielt und singt seit 30 Jahren für eine bessere Welt, für Naturverbundenheit und für die Rechte der indigenen Völker. Für die setzt sich auch der andere Preisträger, Alberto Acosta, ein. Auf  Deutsch hielt er eine leidenschaftliche Rede "für ein gutes Leben für alle". Der Begriff Nachhaltigkeit sei vielfach zu einem Gummiwort geworden. Aus seinem Buch mit dem Titel "Buen Vivir", was ein Prinzip in der Weltanschauung der Völker des Andenraums ist, skizzierte Acosta seine Vorstellungen "vom Zusammenleben in Vielfalt und in Harmonie mit der Natur".

 
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