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Autofahrerstadt Chemnitz: Die meisten Straßen der Innenstadt (hier der Falkeplatz) erweisen sich auch in der Hauptverkehrszeit als überaus aufnahmefähig. Selbst während der derzeit laufenden Bauarbeiten an der Zentralhaltestelle kam der Verkehrsfluss nicht zum Erliegen. Foto: Andreas Seidel

Foto: Andreas Seidel

Räte fordern neuen Masterplan für den Verkehr in Chemnitz

An dem Konzept sollen nicht nur Stadtverwaltung und Kommunalpolitiker mitarbeiten dürfen. Doch auch unter denen gehen die Meinungen auseinander.

Von Michael Müller
erschienen am 14.04.2018

Neues Liniennetz im Nahverkehr, marode Fußwege, deutlich mehr Autos auf den Straßen als in den meisten Städten vergleichbarer Größe: Kaum ein Thema hat in jüngster Zeit die Gemüter der Chemnitzer so bewegt wie der städtische Verkehr in all seinen Facetten. Nun sollen nach dem Willen der Stadtverwaltung Nägel mit Köpfen gemacht und strategische Entscheidungen gefällt werden, wie es bei diesem Thema weitergeht.

"Wir sind auf dem Weg, einen neuen Verkehrsentwicklungsplan zu erarbeiten", sagt Baubürgermeister Michael Stötzer. Bis zum Sommer solle eine Arbeitsgruppe eingerichtet werden, in der neben Vertretern des Stadtrats auch allerlei Interessengruppen rund um das Thema Mobilität eingebunden werden. Je nachdem, wie intensiv und wie breit die Diskussionen vorab geführt werden, dürfte es etwa zwei Jahre dauern, bis ein neuer Verkehrsentwicklungsplan für die Stadt vorliegt.

Die Ausgangslage ist relativ eindeutig: Anders als in vielen anderen europäischen Großstädten spielt der individuelle Autoverkehr in Chemnitz mit mehr als 50 Prozent noch immer die größte Rolle, mit zuletzt sogar steigender Tendenz. Der Anteil der als umweltfreundlich geltenden Alternativen (Bus und Bahn, Fahrrad, Wege zu Fuß) fällt hingegen geringer aus. Als wesentliche Gründe dafür werden die traditionell autofreundliche Infrastruktur der Stadt und das hohe Durchschnittsalter ihrer Einwohner genannt, aber auch die Struktur des Stadtgebiets mit seinen vielen ländlich geprägten Randlagen, entsprechend geringerer Besiedelungsdichte und längeren Wegen.

Viele Stadträte halten eine Überarbeitung des Verkehrskonzepts für überfällig. Der derzeit geltende Verkehrsentwicklungsplan wurde im Jahr 2006 verabschiedet. Damals steckte die Verknüpfung von Straßen- und Eisenbahnnetz - das Chemnitzer Modell - noch in den Kinderschuhen, Elektromobilität war eher ein Science-fiction-Thema und der Streit um die Zukunft der Dieselantriebe kaum absehbar. Nun soll derlei neuen Gegebenheiten stärker Rechnung getragen werden.

Dass es nicht zuletzt im Interesse der Chemnitzer und ihrer Gesundheit liegt, umweltfreundliche Verkehrsmittel zu stärken, darüber scheint über Parteigrenzen hinweg weithin Einigkeit zu bestehen. Welche Wege dazu am geeignetsten wären, darüber gehen die Meinungen indes auseinander. SPD-Stadtrat Ulf Kallscheidt etwa plädiert dafür, sich in Sachen Mobilität "an den progressivsten Städten" zu orientieren. Sein Ratskollege Tobias Tannenhauer (Bündnis 90/Grüne) redet einer "Umverteilung" zulasten des Autoverkehrs das Wort, die mit Blick auf die Entwicklung der Stadt und ihres Zentrums nötig sei. "Nicht Autos, sondern Menschen bringen Leben und Geld in die Stadt", äußerte er.

Allein durch den Ausbau des Nahverkehrsnetzes wird das aber kaum zu erreichen sein, gibt CDU-Stadtrat Jürgen Leistner zu bedenken. Insbesondere bei den Ortsteilen am Stadtrand stoße dieser Ansatz an seine Grenzen. Spezielle Parkplätze für Pendler an den Endstellen von Bus- und Straßenbahnlinien könnten seiner Ansicht nach manchen zum Umsteigen bewegen. "Gerade ältere Leute wollen gar nicht mehr unbedingt mit dem Auto bis ins Zentrum der Stadt fahren", so Leistner. Für seinen Fraktionskollegen Dieter Füßlein liegt ein wichtiger Schlüssel zur Vermeidung von Verkehr auch in der Siedlungspolitik. "Wohnen und Arbeiten müssen wieder näher zusammenrücken", argumentiert er.

Einen gänzlich anderen Ansatz verfolgt die AfD. "Chemnitz ist Autostadt und soll es auch bleiben", fordert deren Ratsfraktion. Es könne nicht sein, dass die größte Gruppe der Verkehrsteilnehmer unverhältnismäßig benachteiligt werde.

 
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
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Kommentare
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  • 15.04.2018
    21:14 Uhr

    christophdoerffel: Masterplan klingt erstmal gut, er braucht aber auch klare Ziele und Mut bei der Umsetzung. Gerade diese Dinge fehlten aber bei den letzten Großprojekten, wie der Umgestaltung der Reichenhainer Str. und der Verlängerung der Kalkstr.

    Mal sehen wie die Bürgerbeteiligung an dem Masterplan aussieht. Vielleicht gelingt es ja sogar das Pendeln nach Chemnitz zu reduzieren und die Pendler zum Umzug in die Stadt zu bewegen.

    0 3
     
  • 15.04.2018
    18:47 Uhr

    Klemmi: Ein Masterplan ist längst überfällig. Ein wahren Durchbruch haben die letzten großen Veränderungen nicht gebracht. Das heißt aber zugleich, die Attraktivität des Individualverkehrs darf im Zentrum nicht mit noch mehr Parkhäuser und Gratisparkplätze gestärkt werden und die peripheren Stadtbezirke müssen besser erschlossen werden, ebenso sie Einbindung der Bahntrasse der KBS 510, ist sie die schnellste Ost-West-Verbindung. Ein Umdenken im Tiefbauamt geht allem voraus. Solange dessen Leiter weitere Straßenbahntrassen als nicht erforderlich sieht und das Chemnitzer Modell jedesmal als Lösung für alle Probleme zu dieser Thematik herangezogen wird, hilft der beste Masterplan nicht.

    0 7
     
  • 15.04.2018
    16:44 Uhr

    Hankman: Ein Masterplan? Klingt nicht schlecht. Weniger Autoverkehr, zumal in der Innenstadt? Gern. Aber das geht nicht nur mit Restriktionen. Am besten sollten Stadt und Bund nun endlich mal beim Weiterbau des Südrings Nägel mit Köpfen machen: Verlängerung von der Neefe- bis mindestens zur Zwickauer Straße, besser zur Kalkstraße. Und Verlängerung von der Augustusburger bis zur Dresdner Straße. Und dann bitte leistungsfähig bauen. Damit würde man einen guten Teil des Durchgangsverkehrs an die Peripherie verlagern - wie das in vielen anderen Großstädten funktioniert. Außerdem sollte der Innenstadtring weitergebaut werden. Vielleicht findet sich eine Lösung, ihn von der Zschopauer bis zur Dresdner Straße zu führen. Auch das würde den Stadtkern entlasten.

    Die jüngsten Änderungen beim Nahverkehr halte ich für durchaus interessant, insbesondere finde ich die Ringbuslinie klasse. Es wird aber dauern, bis sie sich etabliert hat und noch mehr angenommen wird. Damit der Nahverkehr mehr genutzt wird, sollte endlich die Endlos-Baustelle Zentralhaltestelle vollendet werden, damit Linienverlauf und Abfahrtspunkte wieder kalkulierbar werden. Das Projekt mag eine gute Investition in die Zukunft sein - aber mittelfristig hat es erst mal viele Fahrgäste abgeschreckt. Und es wird dauern, bis der Effekt ausgeglichen ist.

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  • 14.04.2018
    23:59 Uhr

    cn3boj00: Auf jeden Fall klingt Masterplan gut. Wenn man heute nicht weiter weiß macht man einen Masterplan (bzw. lässt man ihn sich machen, von Beraterfirmen, die sich daran dumm und dämlich verdienen). Natürlich löst der Plan dann keine Probleme. Denn entweder reicht das Geld nicht, oder er ist auf 12 oder mehr Jahre angelgt, und die Räte sind mal dieser oder anderer Meinung. All diese Pläne sind ungefähr genau so viel Wert, wie der, einen Flughfen in Berlin zu bauen.

    4 3
     
  • 14.04.2018
    10:15 Uhr

    ArndtBremen: Wer mit sinnlosen und architektonisch hirnlosen Betonklötzen die Innenstadt zubetoniert, der wird den Verkehr erst recht nicht in den Griff bekommen. Nächstes Jahr endlich mal Fachkräfte in den Stadtrat wählen. Die derzeitige Besetzung hat im Sozialismus versagt und auch nix daraus gelernt.

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