Schlüsseldienst verlangt fast 1000 Euro für Türöffnung

In der Not ruft ein Chemnitzer eine Firma, die er im Internet fand. Dann erstattet er Anzeige. Er ist nicht der einzig Betroffene.

Es passierte im ganz normalen Weihnachtsstress: Als Ronny Wersig mit Freundin und Sohn die Wohnung verlassen will, um in einem Einkaufscenter einen Fernseher für die Oma zu kaufen, fällt die Tür ins Schloss, der Schlüssel steckt innen, Panik bricht aus. "Wir waren total fertig mit dem Kind vor der Tür und kamen nicht mehr rein", erinnert sich der 31-Jährige an den Sonntag. Mit dem Smartphone sucht er im Internet hektisch nach einem Schlüsseldienst, nimmt das erste Angebot, das ihm Google anzeigt. "Wir riefen die Hotline an, der Mitarbeiter kam auch schnell vorbei."

Ronny Wersig unterschreibt eine Rechnung, die aber der Mitarbeiter des Schlüsseldienstes behält. Zu dem Zeitpunkt rechnet der Chemnitzer mit 400 Euro Kosten: "Das ist viel, aber man will einfach in seine Wohnung zurück." Dann steigt der Preis. Der Mann, der laut Wersig im schwarzen Golf VI Kombi mit Essener Kennzeichen unterwegs ist, stellt immer mehr Posten in Rechnung. Er bohrt das Türschloss auf, was unnötig war, so Wersig. "Die Tür war nur zu." Am Ende stehen Kosten von 994,40 Euro. Den Gesamtbetrag kann Wersig am Sonntag nicht zahlen, gibt dem Mann erst einmal 780 Euro. Daraufhin droht der Mitarbeiter mit der Polizei. Als Wersig zustimmt, die Beamten zu holen, zieht der Mann zurück. Man einigt sich auf eine Geldübergabe am nächsten Tag.

Ronny Wersig geht noch am Sonntag zur Polizei, erstattet Anzeige. Er erfährt, dass den Beamten Fälle wie seiner bekannt sind. Auf Anfrage teilt die Polizei mit, wegen Verdachts auf Wucher gegen Unbekannt zu ermitteln. Problematisch sei, dass der Geschädigte keine Rechnung habe, so ein Sprecher. Er sagt, dass "derzeit mehrere Ermittlungsverfahren wegen Verdachts auf Wucher im Zusammenhang mit Türöffnungen" laufen. So werde gegen Inhaber einer bundesweit agierenden Firma mit Sitz in Essen ermittelt.

Am Montag erhält Ronny Wersig einen Anruf des Schlüsseldienst-Mitarbeiters, der das restliche Geld eintreiben will. Man verabredet sich bei Wersig zu Hause, der ruft die Polizei: "Sie schickten eine Streife mit vier Beamten." Als der Mitarbeiter die Beamten sieht, habe er gesagt, "dass er ein Messer in der Tasche hat", sagt Wersig. Eine Festnahme erfolgte nicht, die Polizisten nehmen die Personalien des Mannes auf, so Ronny Wersig. Auf eine Anfrage von "Freie Presse" wie der hohe Preis zustande kommt, meldet sich der Schlüsseldienst nicht. Auf der Internetseite wird darauf verwiesen, dass Anrufe über die Hotline an eine Vermittlungsstelle geleitet werden. Man selbst sei eine Vermittlungsfirma, die nicht für die Preise hafte. Das Portal wirbt mit einem Angebotspreis von 9 Euro. Als "Freie Presse" die 0800er-Nummer wählt und nach dem Preis für das Öffnen einer zugefallenen Tür fragt, sagt die Frau am Telefon, das entscheide der Mitarbeiter vor Ort.

Darüber kann Frank Gruß, Geschäftsführer der Firma Gruß Sicherheitssysteme, nur den Kopf schütteln. Hätte Ronny Wersig ihn angefragt, wäre der Wochenendtarif für Türöffnungen angefallen: "95 Euro zwischen 7 und 22 Uhr", so Gruß. Ihm sei bekannt, dass ein Schlüsseldienst in Chemnitz hohe Preise verlange. Er sei unter verschiedenen Namen aktiv. "Mir liegt ein ähnlicher Fall über 1839 Euro von denselben Jungs vor", sagt Gruß. Dabei handele es sich seines Wissens um Brüder aus Essen, die abwechselnd tätig würden. Er nennt ihr Vorgehen "hochgradig kriminell" und rät: "Kein Geld zahlen, Polizei rufen, Anzeige erstatten." Seriöse Schlüsseldienste erkenne man daran, dass Anrufer am Telefon den Preis erfahren, so Gruß. Zudem sollten Betroffene fragen, wo die Firma ihren Sitz habe.

Die Verbraucherzentrale Sachsen rät zu einem Blick auf die Rechnung. Bei unseriösen Firmen erscheine statt der Steuernummer oft "Steuernummer in Gründung", so Stefanie Siegert, Referentin Recht. Auch würden Mitarbeiter Rechnungen nicht unterschreiben, sondern nur die Kunden. Es gebe "massive Probleme" mit Wucherpreisen für Türöffnungen in Sachsen. Die Probleme ähnelten sich. "Es geht um Rechnungen über 800 Euro, doppelt so hohe Notfall-Einsatz-Pauschalen, unnötige Arbeiten wie dem Ausbau eines Profilzylinders", so Siegert. Es komme vor, dass Kunden gesagt werde, dass die Versicherung die Rechnung übernehme. In der Regel sei das aber nicht der Fall, so Siegert.


"Lockangebote ab 9 Euro sind völlig unrealistisch"

Die Polizei rät dringend ab, "den erstbesten Schlüsseldienst zu kontaktieren, den man online findet", so ein Sprecher. Er rät, ortsansässige, zertifizierte Dienste zu bestellen. Auf Lockangebote für Türöffnungen ab 9 Euro solle man nicht eingehen. "Diese Preise sind völlig unrealistisch." Zertifizierte Schlüsseldienste, die auch Notdienste anbieten, berechneten für derartige Hilfen zwischen 60 und 100 Euro, so die Polizei.

Vorbeugung lautet der Tipp der Verbraucherzentrale: Ersatzschlüssel bei Familie/Freunden hinterlegen, über seriöse Schlüsseldienste informieren, die Nummer im Haus ans Schwarze Brett hängen, so Referentin Stefanie Siegert. Firmen, die bei Online-Suchen zuerst auftauchten, seien oft Callcenter, die Schlüsseldienste bundesweit vermittelten, so dass plötzlich eine Firma aus Nordrhein-Westfalen vor der Tür stehe, so Siegert.

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7Kommentare
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  • 0
    0
    Zeitungss
    29.12.2017

    Sitzen die nun ein oder immer noch nicht??? Wenn nicht, würde ich wenigstens die Grundregeln für den Bestand dieses Staaaaates erkennen.

  • 3
    0
    fschindl
    29.12.2017

    seit Jahren ist die Abzocke mit Schlüsseldiensten bekannt, und trotzdem sind sämtliche Behörden absolut machtlos...wie will man dann in Dtl. grösseren Problemen gewappnet sein...

  • 10
    2
    Steuerzahler
    28.12.2017

    Wenn unser Rechtssystem funktionieren würde und die Justiz nicht solche Bearbeitungszeiten hätte, gäbe es solche anhaltenden Probleme nicht. Eine lohnende Aufgabe für das Justizministerium des Bundes, die Durchsetzung des Rechts effektiver zu machen und Probleme, auch mit Vorschlägen zur Rechtsanpassung anzugehen.

  • 9
    0
    Zeitungss
    28.12.2017

    Frage, läuft von diesem "Schlüsseldienst" noch jemand frei in der Gegend umher ????????
    Erbrachte Leistung muß bezahlt werden, keine Frage, diese Gesellen gehören hinter Schloß und Riegel.

  • 8
    0
    Hinterfragt
    28.12.2017

    Nun so neu ist diese Masche nun aber auch nicht.
    Seit zig Jahren schon wird in Presse, Radio, Fernsehen ... vor diesen Abzockern gewarnt und auf lokale Dienste verwiesen (und das nicht nur für Schlüsseldienste).
    Es zeigt sich einmal mehr, dass Hektik der schlechteste Ratgeber ist.
    Das Opfer halt leider einen Großteil mit beigetragen, es ist ein sehr teures Lehrgeld, was er da gezahlt hat.
    Denn das er etwas wiederbekommen wird glaube ich nicht und ist bisher auch noch nicht vorgekommen (zumindest meiner Kenntnis nach).

  • 10
    1
    vomdorf
    28.12.2017

    Ich verstehe nicht, weshalb man nicht einen Schlüssel deponiert....bei Nachbarn, Bekannten, Familie, im Auto (da kann man schon ein Versteck finden).
    Diesen Schlüsseldienstabzockern müsste man das Handwerk legen!

  • 15
    0
    gelöschter Nutzer
    28.12.2017

    Ehe ich solche Abzocker mit diesen weit überhöhten Preisen rufe, kann ich die Tür auch selbst aufmachen. Mit der Axt oder Kettensäge und dann hinterher reparieren lassen oder neu kaufen.



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