Verfallener Ort soll zum Mittelpunkt des Dorfes werden

Senioren, Musiker und Karnevalisten wollen den Lindenhof in Niederfrohna nutzen, wenn er saniert ist. Doch noch sind die Schäden am Gebäude so groß, dass Schaulustige ins Staunen kommen.

Niederfrohna.

Die Parkettdielen haben sich hochgestellt und bilden einen Hindernisparcours auf dem Boden. Die Tapete hat sich an den Wänden und der Decke abgelöst und hängt in Fetzen herunter. Und in der Küche ist es wegen eines Lecks im Dach so feucht, dass sich auf den Fliesen eine Moosschicht gebildet hat. Es sind Anblicke wie diese, die bei den Anwesenden Staunen und Bestürzung zugleich hervorrufen. "Ach du Schande" und "Das kann doch nicht wahr sein" lauten die Kommentare.

Der Lindenhof - oder besser das, was von ihm übrig ist - dürfte der skurrilste Ort in Niederfrohna sein. Vor etwa fünf Jahren zog der letzte griechische Wirt aus, seitdem steht der Gasthof an der Oberen Hauptstraße leer. Nun gibt es seit Jahren der Tristesse wieder Hoffnung: Die Gemeinde will das Gebäude, das in den 1890er-Jahren als Gasthaus Reichsadler errichtet wurde, 2017 und 2018 sanieren und zu einer Begegnungsstätte umbauen lassen. Gerechnet wird mit Kosten von etwa 1,3 Millionen Euro.

Dass die Gemeinde sich das leisten kann, liegt an Fördermitteln. Der Freistaat schießt mittels eines Programms, welches sich die Aufwertung von Ortszentren im ländlichen Raum zum Ziel gesetzt hat, knapp 900.000 Euro zu. Das nahm die Gemeinde jüngst zum Anlass für eine Feierstunde in einem Zelt vor dem Lindenhof, während der das Gebäude für die Anwesenden zugänglich war. Dass die Feste einst nicht vor, sondern in der Gaststätte gefeiert wurden, ist trotz der gravierenden Schäden im Inneren nach wie vor ersichtlich. Im Saal, der durch den Anbau eines Küchentrakts im Jahr 1980 fensterlos wurde, hängen noch immer bunte Luftballons. Und auf der Bühne steht ein entkernter Trabant, in dem früher die Musikanlage untergebracht war.

Regina Holstein und Sonja Wünschmann können sich noch gut an die Zeiten erinnern, als das halbe Dorf im Lindenhof zusammenkam, um dort fröhliche Abende zu verbringen. "Die Tanzkapelle Niederfrohna mit Horst Richter hat dort regelmäßig aufgespielt", erinnert sich Holstein. Heute fehlt ein solcher Veranstaltungsraum in der Gemeinde, und kaum jemand bedauert das mehr als die beiden Frauen. Denn sie leiten die Ortsgruppe der Volkssolidarität, die aus knapp 100 Senioren besteht. "Wir haben keinen Ort, wo wir zum Beispiel einen Geburtstag feiern können", bedauert Wünschmann. Die Gruppe muss immer nach Burgstädt oder Limbach-Oberfrohna oder ausweichen. Dies hätte ein Ende, wenn der Saal im Lindenhof wieder zur Verfügung steht. Auch das Musikstudio Voicepoint und der Karnevalsverein wollen ihn für Proben und Auftritte nutzen.

Damit der Saal wieder Tageslicht erhält, lässt die Gemeinde den Anbau abreißen. Eine Küche soll an anderer Stelle im Gebäude entstehen. Wie Planer Manfred Ahrens erklärte, sollen im Zuge der Sanierung auch eine Garderobe, Toiletten und ein Technikraum eingerichtet werden. Im vorderen Bereich des früheren Gasthofs will die Gemeinde ein Begegnungscafé ins Leben rufen. Vor dem Haus werden Parkplätze für Rollstuhlfahrer und ein barrierefreier Zugang gebaut. Bürgermeister Klaus Kertzscher brachte seine Hoffnung zum Ausdruck, dass die Vereine den Lindenhof rege nutzen und Angebote nicht nur für alte, sondern auch für junge Leute schaffen.

Um die Bedeutung des Projekts für den sozialen Zusammenhalt im Ort zu unterstreichen, wählten die Verantwortlichen während der Feierstunde pathetische Worte. "Die Geschichte des Lindenhofs kann fortgeschrieben werden", sagte Umweltstaatssekretär Herbert Wolff, der den Fördermittelbescheid überbrachte. Bürgermeister Kertscher formulierte es knapper: "Heute ist ein historischer Tag."

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