Vorwurf: Stadt lässt grundlos historisches Gebäude abreißen

Ein ehemaliges Wohnhaus an der Annaberger Straße wird zurzeit abgetragen. Dabei gab es einen Kaufinteressenten dafür.

Harthau.

Rücksichtslosen Umgang mit ihrem Eigentum und einem Zeugnis der Chemnitzer Geschichte wirft der Unternehmer und Stadtrat Lars Fassmann (Volkssolidarität) der Stadtverwaltung vor. Den Anlass dafür liefert ihm der begonnene Abriss des Hauses Annaberger Straße 431.

"Es war eines der letzten Wohngebäude der früheren Gießerei auf dem Grundstück, in deren Hallen sich heute die Theaterwerkstätten befinden", erklärt Fassmann. Laut Chemnitzer Kulturdenkmalliste, in die das Objekt viele Jahre lang eingetragen war, wurde der "stattliche Mauerwerksbau mit mächtigem Schopfwalmdach und feinen Porphyrdetails" um 1861 im klassizistischen Stil errichtet und diente ab 1875 der Eisengießerei Steiner als Wohnhaus.

Fassmann weiß, dass das schon lange leer stehende Haus seit Jahren der Stadt gehört. "Obwohl es denkmalgeschützt war, ließ das damals noch vom jetzigen Baubürgermeister Michael Stötzer geleitete Amt das Gebäude vergammeln, um es abreißen zu können", lautet sein Vorwurf.

Finanziert werde der Abriss mit Fördergeld - vorgesehen waren 50.000 Euro - aus einem Landesprogramm zur Brachenbeseitigung. Damit würden "ohne Sinn und Verstand" Steuermittel verschwendet, so der Stadtrat. "Während Privatbesitzern dafür hohe Hürden gesetzt sind, wird Kommunen der Abriss denkmalgeschützter Gebäude viel zu leicht gemacht", findet der Unternehmer, der selbst schon mehrere Baudenkmale vor dem Abriss bewahrt und saniert hat.

Den Plänen zum Abriss mithilfe von Fördergeld hatte der Stadtrat - gegen den Widerstand der dreiköpfigen Fraktionsgemeinschaft Vosi/Piraten - im November 2015 zugestimmt. Die Stadtverwaltung hatte den Abbruch damals damit begründet, dass die Grundfläche des Hauses benötigt werde, um die Zufahrt zu den Theaterwerkstätten zu verbreitern. Außerdem gebe es keine Miet- oder Kaufinteressenten dafür, hatte Baubürgermeister Stötzer erklärt.

"Beim Theater habe ich allerdings niemanden gefunden, der die Verantwortung für den Abriss des Denkmals übernehmen will", berichtet Fassmann. Es gehe eher um ein paar Komfortwünsche, wie größere Wende- und Abstellflächen, die aber allesamt auch ohne den Abriss lösbar wären. Ein Konzept für die Neugestaltung habe ihm trotz mehrfacher Nachfrage bis heute niemand vorgelegt, so Fassmann.

Er habe sich das Haus, dessen Dach beschädigt war, selbst angesehen. "Das Tragwerk war noch okay", sagt Fassmann. Im Juni 2016 habe er der Stadtverwaltung daraufhin angeboten, das Haus für 1000 Euro zu kaufen und zu sanieren. "Dadurch hätte die Stadt viel Steuergeld einsparen können", so der Unternehmer, der vorgehabt habe, einen Handwerker als Mieter zu finden.

Das Antwortschreiben aus dem Rathaus liegt "Freie Presse" vor. Da die Nutzung des Gesamtgeländes "von strategischer Bedeutung" für das Theater sei, werde ein Verkauf wegen Eigenbedarfs abgelehnt. Dabei hatte der Stadtrat knapp zwei Wochen vorher beschlossen, dass bis zum Jahr 2020 neue Theaterwerkstätten hinter dem Opernhaus errichtet werden sollen.

Die Stadtverwaltung teilte gestern auf Anfrage lediglich mit, dass der Abriss bis 10. März abgeschlossen werden und anschließend eine Freiflächengestaltung erfolgen soll. Auf gestellte Fragen zu den von Fassmann erhobenen Vorwürfen geht sie nicht ein.

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5Kommentare
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  • 1
    1
    j35r99
    06.03.2017

    dwt: Hallo,Ihren quatschkopf habe ich zur Kenntnis genommen. Akzeptiert!
    Zur Erklärung: Die Nacht vom 5.3.zum 6.3.1945 verbrachte ich als bald Dreijähriger im Bunker des Wasserwerkparkes Altchemitz, neben dem Bunker für Ostarbeiter. Heute sind diese Stätten den Fledermäusen gewidmet.
    Das betroffene Haus in Harthau, neben der Einfahrt zum ehem.Winterstützpukt Harthau( 1970) kenne ich genau.Ich kenne auch noch die Bewohner. Ich weiß auch, dass in diesem Haus mal dem horizontalem Gewerbe nachgegangen wurde.
    Meine Enkelin und Enkel mußten immer auf dem Schulweg an diesem Gebäude, sowie an dem Sexshop (ehem.Gaststädte Erholung)zur Harthauer Schule vorbeigehen. Sie hatten immer ein ungutes Gefühl dabei, wie sie mir berichteten.
    Nachdem ich seit 4 Tagen den Abbruch leif miterlebe, muß ich mich nochmals bei der Stadtverwaltung bedanken, dass so eine marode Immobilie im Rahmen der Verkehrssicherungspflicht abgebrochen wird.
    Es ist mir immer noch unklar, wie so ein Mann wie Herr Fassmann diese Gebäude für 1000,EUR erwerben wollte.
    Übrigens liegt der Abbruch des Gebäudes nicht an der Bequemlichkeit der Behörde, sonder an der Pflicht im Rahmen der Verkehrssicherungpflicht tätg zu werden.

  • 3
    1
    dwt
    06.03.2017

    @j35r99: quatschkopf!
    Das die Straße immer mehr schäbigeres Aussehen trägt, kommt auch davon, dass sich seitens der Stadt nicht wirklich gemüht wird und man das Augenmerk eher auf andere Bereiche legt. Gebrauchtwagenhändler ahoi!
    Man könnte ja mal Recherchieren, was aus dem ?Projekt Altchemnitz? mit den an der Annaberger Straße brachliegenden Gebäuden bisher geschehen ist. Ob es eventuell schon Käufer, mögliche Mieter gibt.? Bin gespannt was und vor allem wie viel erreicht werden wird. Es ist nur seit der Werbekampagne seltsam still geworden.

    Wenn die Freie Presse etwas schneller bei dem aktuellen Fall gewesen wäre, hätte man eventuell doch noch etwas erreichen können.
    Warum eigentlich so spät berichtet?;-/
    Achja, eigentlich überhaupt nicht. Nur weil Herr Fassmann sich gemeldet hatte. Interessiert ja keinen!

    Dann hätte man sich das gejammere der Leute im Rathaus antun müssen und dann zähneknirschend doch einzulenken.

    Das der Abriss nun trotzdem begonnen hat, liegt wohl an der Bequemlichkeit der Behörde. Bereits ins Rollen gebrachtes, nicht stoppen zu wollen.!

    Sie glauben einen Schandfleck beseitigt zu haben.
    Nein, das stimmt nicht. Genauso wie vor Jahren hat man einen Schandfleck geschaffen!!!

    Nun @j35r99, man darf sich auch in Zukunft noch ein wenig mehr aufregen, wie diese Straße sich mehr und mehr verschandelt, obwohl ich weiß wie es wohl gemeint gewesen ist.

  • 2
    4
    j35r99
    06.03.2017

    Danke an die Stadtverwaltung von Chemnitz, das wieder mal eine "Ruine" an der Annaberger Straße abgerissen wird. Die Annaberger Str., beginnend am Harthauer Berg bis zum Viadukt Apollostr., ist zur Ruinenstr. verkommen.
    Herr Fassmann sollte vielleicht mal langsam durch unsere
    "Stadt-Einfalltore"(sprich Annaberger Str, Leipziger Str.,Frankenberger Str,Zwickauer Str.,Limbacher Str.)gehen und über den Slogan "schöner unsere Städte und Gemeinden" nachdenken.

  • 8
    3
    WolfgangPetry
    04.03.2017

    Was die Immobilien angeht so leistet sich die Stadt Chemnitz auch 2017 die bestens bekannte Abrisspolitik nach Gutsherrenart. Kauf-Interessenten werden ignoriert oder behandelt als kämen sie vom Mars. Das sind die wohl einzigen Fälle, wo Geld für die Stadt seltsamerweise auf einmal so gar keine Rolle spielt. Motto: Der Schandfleck muss weg. Das Haus steht in einer langen traurigen Reihe vernichteter Gebäude aller Arten und Erhaltungszustände. Da kann man nur kotzen, wieder mal.

  • 12
    4
    485997
    04.03.2017

    Ein rundum skandalöser Vorgang, den die Stadt hier in Gang gesetzt hat. Eine Informationspolitik und Stadtentwicklung wie zu besten sozialistischen Zeiten.



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