Wachsende Zweifel an geplantem Gewerbegebiet in Rabenstein

Das Vorhaben an der A72 stößt im Stadtteil auf Vorbehalte. Das Rathaus sichert eine Prüfung aller Einwände zu. Doch das reicht vielen Anwohnern nicht aus.

Rabenstein.

Der Blick schweift weit übers Land. Am Horizont ragt der Glasturm des Klinikums an der Flemmingstraße in die Höhe, dahinter qualmt der bunte Schornstein des Heizkraftwerks in Furth vor sich hin. Wie lange noch können die Anwohner an der Weydemeyerstraße diese Aussicht wohl genießen?

Wenn es kommt, wie sie befürchten, könnte ihnen schon in ein paar Jahren ein neu errichtetes Gewerbegebiet die Sicht versperren. Die Überlegungen für ein 23Hektar großes Gewerbeareal an der Autobahnabfahrt Rottluff zählen mittlerweile zu den umstrittensten Planungsvorhaben der Stadt. Viele Rabensteiner meinen, ein Gewerbegebiet passe trotz vorgesehener Baumpflanzungen ringsum einfach nicht in den als grüner Naherholungsstandort geltenden Stadtteil. Das Rathaus solle sich lieber anderswo nach Alternativen umschauen oder erst einmal die schier unzähligen Industriebrachen im Stadtgebiet wiederbeleben, heißt es immer wieder.

Doch ganz so einfach sei die Sache nicht, kontern die Verantwortlichen der Stadt. 70.000Quadratmeter neue Gewerbefläche benötige Chemnitz Jahr für Jahr, um den Anfragen der Wirtschaft zu entsprechen, erläuterte Sören Uhle, Chef der Wirtschaftsförderung CWE, in dieser Woche bei einer Anhörung in der Rabensteiner Schule. Um Ansiedlungen auf neuen Gewerbeflächen zu ermöglichen, seien Planungsvorläufe von fünf bis zehn Jahren erforderlich. "Wir können nicht warten, bis alles voll ist, und erst danach anfangen", sagte er.

Industriebrachen, wie sie die Stadt derzeit etwa auf dem Gelände des ehemaligen Produktenbahnhofs an der Dresdner Straße revitalisiert, eigneten sich zudem schon aufgrund ihrer Lage nicht für jedes Unternehmen, betont Baubürgermeister Michael Stötzer. "Die Bedürfnisse sind heute andere als vor 100 Jahren", verdeutlichte er. Hinzu komme, dass ein Großteil der Brachen im Stadtgebiet sich nicht in städtischer Hand befinde, das Rathaus folglich dort derzeit auch kaum Zugriff habe.

Das Gewerbegebiet in Rabenstein soll nach den Vorstellungen der Stadt insbesondere für kleinere und mittlere Unternehmen ausgelegt sein, die an Flächen zwischen 2000 und 5000 Quadratmeter interessiert sind. Zulässig sein sollen nur verträgliche Gewerbearten ohne allzu große Auswirkungen auf die Umgebung, betont Börries Butenop, der Leiter des Stadtplanungsamts. "Also keine Logistik, keine Diskothek, keine Tankstellen oder Einzelhandel", erläutert er.

Viele Anlieger scheint das nicht wirklich zu überzeugen. Schon der neue Autobahnzubringer habe den Autoverkehr in Rabenstein merklich zunehmen lassen, klagen sie. Staus und zusätzlicher Lärm seien die Folge. "Es steht zu vermuten, dass das mit einem neuen Gewerbegebiet weiter zunimmt", heißt es.

Die Stadträte, die eines Tages entscheiden müssen, ob für das bereits seit den 1990er-Jahren vorgesehene Gewerbegebiet nunmehr Baurecht geschaffen werden soll, stehen vor einer schwierigen Entscheidung. "Wenn ich an die vielen Brachen in der Stadt denke, dann fällt es schwer, hier zuzustimmen", sagt etwa Dieter Füßlein (CDU/FDP), der selbst in Rabenstein zu Hause ist. "Aber nachhaltige Stadtentwicklung heißt heute eben auch, Arbeiten und Wohnen nebeneinander, nicht voneinander getrennt." Ein Kompromiss in seinen Augen könnte die Ansiedelung von universitätsnahen Forschungseinrichtungen sein. "Das würde gut zu Rabenstein passen", so Füßlein.

Stadtrat Bernhard Herrmann (Grüne) sieht angesichts der Einwände im Ort wachsende Zweifel. "Wir werden hier wohl noch einmal darüber nachdenken müssen, ob wir das wirklich in Angriff nehmen wollen", äußerte er. Seiner Ansicht nach sind auch die gegenüber Brachen vergleichsweise günstigen Preise mitverantwortlich für die Nachfrage nach Flächen auf der "grünen Wiese". "Wenn wir den Flächenverbrauch ehrlich einpreisen würden, sähe das ganz anders aus."

Baubürgermeister Michael Stötzer sichert den Rabensteinern eine sorgfältige Prüfung und Abwägung ihrer Argumente zu. "Wir wissen, dass das Vorhaben viele Menschen tangiert, und ich verstehe ihre Bauchschmerzen", sagte er. Dennoch plädiere er dafür, die Planungen weiterzubetreiben. "Wir wollen dabei sensibel vorgehen und uns die nötige Zeit dafür nehmen."

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1Kommentare
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  • 6
    1
    Eltdix
    13.01.2018

    Leider habe ich von dem Termin in der Rabensteines Schule erst auch den Artikel erfahren, schade.
    Im Gegensatz zu den Bauherren welche auf der alten Deponie bauen sollen, können hier die neuen Anwohner nicht behaupten, dass die Pläne für Zubringer und Gewerbegebiet nicht bekannt gewesen wären. Trotzdem sollten vorrangig Industriebrachen saniert und neu genutzt werden zum einen werden damit Schandflecken in der Stadt beseitigt und zum Andern keine neuen Flächen versiegelt. So liegt das alte Wanderergelände in Siegmar ebenso autobahnnah wie die Wiesen in Rabenstein. Ich würde für das Gewerbegebiet in Rabenstein ein Spaßbad vorschlagen dies könnte dort eben durch seine Verkehrsgünstige Lage im Zentrum Sachsens mit Sicherheit überleben, und würde zur Freizeitregion passen.



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