Warum Chemnitz auf absehbare Zeit Autostadt bleiben wird

Fahrrad, Bus und Bahn spielen weit weniger eine Rolle als in anderen Städten. Laut Experten hat das vor allem eine Ursache.

Das selbst gesteckte Ziel städtischer Verkehrsplaner war anspruchsvoll: Vor allem mithilfe eines attraktiven Nahverkehrs und dem Ausbau des Radwegenetzes sollte der Anteil privater Autos, Motorräder und Mopeds am Verkehr in Chemnitz binnen zehn Jahren unter die 50-Prozent-Marke gedrückt werden. Nicht zuletzt, um die Stadt und ihre Einwohner zu entlasten - von Lärm, Abgasen und sonstigen problematischen Begleiterscheinungen motorisierter Mobilität.

Doch die Rechnung ging nicht auf. Ganz im Gegenteil. Laut Erhebungen war der Anteil des "Motorisierten Individualverkehrs" mit 56Prozent zuletzt so hoch wie nie zuvor. Werte in diesem Bereich findet man in Deutschland sonst in eher ländlich geprägten Gegenden, nicht aber in Städten der Größe und Topografie von Chemnitz. Der Anteil von Bus und Bahn und dem Fahrrad ging hingegen zurück.

In einer aktuellen Analyse der verfehlten Ziele des städtischen Verkehrs-Entwicklungsplans wird nun versucht, dem Phänomen auf den Grund zu gehen. Liegt das hohe Kfz-Aufkommen am traditionellen Ruf von Chemnitz als Autofahrerstadt? Oder sind die vielen breiten Straßen im Zentrum zu einladend?

In ihrer Auswertung machen die Verkehrsexperten neben den vielen Pendlern vor allem einen Faktor für das Chemnitzer Phänomen verantwortlich: den hohen Altersdurchschnitt der Bevölkerung. Jeder vierte Einwohner ist mindestens 65 Jahre alt; in Dresden und Leipzig liegt der Anteil nur bei etwa 20 Prozent. Fast zwei Dritteln der Haushalte in dieser Altersgruppe wiederum steht heute mindestens ein Pkw zur Verfügung - 2008 noch war es nur etwas mehr als jeder zweite Haushalt.

Und wer über ein Auto verfügt, der nutzt es auch. "Senioren von heute pflegen erkennbar andere Mobilitätsstile als frühere Generationen, was sich unter anderem in einer stärkeren Nutzung des privaten Pkw in dieser Altersgruppe niederschlägt", heißt es in der aktuellen Bewertung. Wer im Arbeitsleben immer über ein Auto verfügt habe, behalte das gewohnte Mobilitätsverhalten zumeist auch im Ruhestand bei - zunehmend bis ins hohe Alter.

Die Überalterung zeigt sich noch in einer weiteren Chemnitzer Besonderheit: Der bundesweite Trend, dass es immer mehr Haushalte ohne eigenen Pkw gibt, schlägt sich hierzulande kaum nieder. Zwar kamen auch in Chemnitz zuletzt bereits rund 60Prozent der Unter-25-Jährigen ohne Pkw aus (2008 waren es noch gut 40Prozent). In der Gesamtbilanz schlägt sich diese Entwicklung allerdings kaum nieder. Der Grund: die gewachsene Automobilität der zahlenmäßig weitaus größeren Altersgruppe der Senioren.

Das Fazit der Verkehrsplaner fällt denn auch ernüchternd aus: Chemnitz werde im Verhalten seiner Bürger von einigen Entwicklungen moderner, urbaner Mobilität auf absehbare Zeit weiterhin abgekoppelt bleiben, heißt es. Die Stadt ähnele beim Verkehr eher dem Ruhrgebiet und anderen "altindustriellen, von Schrumpfung und Entdichtung geprägten" Regionen als den meisten europäischen Großstädten.


Kommentar: Nicht nur aus Gewohnheit

Das Festhalten der reiferen Generation am Auto allein mit lieb gewonnenen Gewohnheiten zu erklären, greift zu kurz. Denn zur Wahrheit gehört auch: Gerade im Alter oder bei eingeschränkter Mobilität bleibt der eigene Pkw (neben dem Taxi) oft die einzige Alternative, um ohne übermäßige Anstrengungen von A nach B zukommen. Zumal in einer Zeit, in der die Wege zum Arzt eher länger werden und Einkaufsmärkte mehr und mehr aus Wohngebieten abwandern, hin zu den großen Ausfallstraßen. Allein mit Mitteln der Verkehrsplanung wird eine Trendumkehr daher nicht zu erreichen sein.

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10Kommentare
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  • 2
    0
    Steuerzahler
    17.03.2018

    Entschuldigung! Natürlich Feierabend heißt es richtig!

  • 4
    0
    Steuerzahler
    16.03.2018

    Da hat wohl die Schikane der Verkehrsplaner gegenüber den PKW-Nutzern durch Beseitigung von Fahrspuren, Entfernung von Haltebuchten, Ampelbeeinflussung usw. nicht zur Disziplinierung beigetragen. Vielleicht sollten die Verantwortlichen ihre Wochenendeinkäufe mit öfftl. Verkehrsmitteln machen und vielleicht einmal unregelmäßigen Dienst, um dann zu später Zeit mit öfftl. Verkehrsmitteln den Geoetabend anzutreten. Dann kommen sie auch auf andere Gedanken.

  • 2
    1
    Hankman
    16.03.2018

    Ich kann Thesen wie "breite Straßen ziehen Autofahrer an" nicht nachvollziehen. Ich fahre mit dem Auto, um schnell und bequem von A nach B zu kommen - und nicht, weil die Straßen breit sind. Ich würde bestimmt öfter mal Bus oder Straßenbahn fahren; aber ich arbeite abends lange - und nach 21 Uhr hat man lange Wartezeiten, weil der Takt natürlich nicht mehr so dicht ist wie am Tag.

    Als Hindernis für den Nahverkehr in Chemnitz sehe ich die zum Teil sehr lange dauernden Baumaßnahmen an. Gerade der Umbau der Zentralhaltestelle zieht sich seit Jahren hin - verbunden mit wiederholter Änderung der Linienführungen, die einen überfordern können. Es gibt aber auch Positives: Mit den Straßenbahnlinien kommt man schnell voran (und, ja, es gibt viel zu wenige!), die Tram-Linien ins Umland sind eine interessante Innovation. Und die Ringbuslinie 82 ist eine sehr gute Idee. Vielleicht werden die CVAG-Angebote ja besser genutzt, wenn die Zentralhaltestelle fertig ist ... irgendwann.

  • 8
    1
    christophdoerffel
    16.03.2018

    Gerade bei der Verkehrsplanung herrscht in Chemnitz aber auch eine extreme konservative Kleingeistigkeit. Man schaue sich nur die neue Reichenhainer Straße an. Statt den shared Space Gedanken zwischen Südbahnhof und Friedhof umzusetzen, ein einziges verampeltes Flickwerk, das hauptsächlich den Autofahrern durch die neue Fraunhofer Straße entgegen kommt, auch wenn die Bahnlinie echt gut geworden ist. Dem für den Campus wichtigen Rad- und Fußverkehr wurde nichts Gutes getan.

  • 3
    13
    Interessierte
    16.03.2018

    Ich hatte gerade über Sie geurteilt , ging aber leider nicht durch ..., vielleicht kommts noch .....

  • 10
    7
    Blackadder
    16.03.2018

    @Interessierte: Und Sie können das alles widerlegen, was Experten so schreiben hier?

  • 3
    12
    Interessierte
    16.03.2018

    Das haben Sie wieder einmal falsch verstanden , es geht nicht um Korrekturen lesen , sondern um dargelegte Experte-Meinungen ...

  • 12
    7
    Blackadder
    16.03.2018

    "weil man zumindest jeden Abschnitt , wenn nicht gar jeden Satz berichtigen bzw. widersprechen muß ..."

    Ach ja, ist das so? Na fragen Sie doch mal die Freie Presse - die brauchen sicher noch fähige Mitarbeiter, die die Artikel Korrekturlesen.

  • 0
    17
    Interessierte
    16.03.2018

    Also ich lese ja´ die Artikel meißtens gar nicht mehr , sondern schreibe nur noch meine ( übergeordnete ) Meinung dazu , weil man zumindest jeden Abschnitt , wenn nicht gar jeden Satz berichtigen bzw. widersprechen muß ...

    Aber ich bin ´hier` auch dieser Meinung :
    ^Oder sind die vielen breiten Straßen im Zentrum zu einladend?^

    Und auch dieser Meinung hier :
    ^Die Stadt ähnele beim Verkehr eher dem Ruhrgebiet - und anderen "altindustriellen, von Schrumpfung und Entdichtung geprägten" Regionen - als den meisten ( anderen ) europäischen Großstädten.

    Also : Das ´altindustrielle und diese Schrumpfung und Entdichtung ` haben ganz bestimmt was mit der Nutzung des Autos zu tun ....

  • 16
    0
    Haecker
    16.03.2018

    Dass die überdurchschnittliche Benutzung des Pkw in Chemnitz an der Überalterung der Bevölkerung liegt, wurde schon mal vor ein paar Jahren erklärt. Wesentlicher erscheint mir aber, dass der ÖPNV in Chemnitz eben nicht besonders attraktiv ist. Unverändert fahren lediglich in der Südhälfte der Stadt Straßenbahnen. Und das wird sich angesichts der überlangen Planungs- und Bauzeiten auch nicht so bald ändern. Ansonsten benötigt man viel zu lange, um von A nach B zu kommen. Selbst dort, wo Busse im 10min.-Takt fahren sollen, dauert es oft - weil die Busse häufig im Stau stecken - viel zu lange.
    Ich weiß, dass das alles eine Frage der Finanzierung ist und ich weiß auch nicht, wo das Geld herkommen soll. Auch bin ich vorsichtig, über die Gründe der langen Planungs- und Bauzeiten (man denke nur an die Dauer des Umbaus der Zentralhaltestelle!) zu reden. Aber man kann das alles nicht als "völlig normal" darstellen und von einem "attraktiven Nahverkehr" reden.



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