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Ein Teil der Chemnitzer Schüler kann sich das Kofferpacken vorerst sparen, weil es keine Ausflüge mehr gibt. Jetzt sollen in Gesprächen die Weichen neu gestellt werden.

Foto: K.-H. Spremberg/vario images

Warum Klassenfahrten abgesagt werden

Nach einem Zwischenfall bei einem Schulausflug werden jetzt an Chemnitzer Schulen reihenweise Bildungs- und Abschlussfahrten gestrichen. Dabei ist die Stadt sachsenweit ein Einzelfall.

Von Mandy Fischer
erschienen am 18.04.2017

Die Zehntklässler der Oberschule Am Flughafen sind vor wenigen Tagen von ihrer Klassenfahrt nach Brüssel zurückgekehrt. Es ist nicht nur der Abschluss ihrer gemeinsamen Schulzeit gewesen. Es war vermutlich auch das Ende aller Ausfahrten für Mädchen und Jungen der Schule. Leiterin Kerstin Daniel wird keine Ausflüge mehr genehmigen, für die sie Verträge, zum Beispiel mit einer Jugendherberge, unterschreiben müsste. Die Oberschule ist kein Einzelfall. Mehrere Kollegen tun es Kerstin Daniel gleich.

Sie reagieren damit auf eine Vorschrift des Kultusministeriums. Darin heißt es, dass Verträge mit Beherbergungs- und Beförderungsunternehmen von den Schulleitern im Einvernehmen mit dem Schulträger zu unterzeichnen sind. Doch dieses Einverständnis gibt die Stadt Chemnitz als Träger staatlicher Schulen nicht. Das ist schon seit 2004 so, als das Ministerium die Regelung erlassen hatte. Die Direktoren aber haben die Autorisierung stillschweigend vorausgesetzt, offenbar nie gezielt nachgefragt und weiter Verträge mit Busunternehmen, Veranstaltern, Jugendherbergen unterschrieben. Das ging so lange gut, bis es jetzt zu einem teuren Zwischenfall kam: Bei einer Klassenfahrt mit sportlichem Wettbewerb wurden mehrere Sportgeräte derart beschädigt, dass die Reparatur einen vierstelligen Betrag kostete. Der Veranstalter schickte die Rechnung an die Schulleitung, mit der er den Nutzungsvertrag geschlossen hatte. Sie reichte die Forderung an die Stadt weiter. Diese wiederum schickte den Brief retour mit dem Hinweis, dass es zur Klassenfahrt gar kein Einvernehmen gab. Das heißt: Die Schulleitung hat auf eigene Rechnung gehandelt und muss nach jetzigem Stand aus der Privatkasse zahlen.

Ein Unding, sagt Kerstin Daniel. Als sie von dem Fall hörte, fragte sie in der Stadt nach - und weiß jetzt, dass sie im Ernstfall tatsächlich privat haften müsste. "Wir Schulleiter fühlen uns allein gelassen", sagt sie.

Daheim bleiben müssen künftig auch die Kinder der Annenschule. Leiterin Ulrike Schulz will das Risiko nicht mehr eingehen: "Ich betreibe doch kein Reisebüro." Dass einige Klassen zum Abschluss des Schuljahres noch auf Reisen gehen, liege nur daran, dass niemand die Stornogebühren übernehmen wollte, so Schulz. Besonders bedauerlich sei, dass auch Bildungsfahrten, wie zur Gedenkstätte Buchenwald oder in den Landtag nach Dresden, gestrichen werden. Ebenso wie das Musiklager auf Schloss Colditz für die Bläserklassen. Selbst der Schüleraustausch mit der Partnerstadt Wolgograd, den es seit vier Jahren gibt und der auf Wunsch der Stadt aufgebaut worden sei, falle weg, so Schulz.

Nicht alle Direktoren reagieren so rigoros. Schüler des Andrégymnasiums können auch künftig auf Reisen gehen, versichert Leiter Andreas Gersdorf. Im Falle eines Schadens geht er davon aus, dass seine Diensthaftpflichtversicherung greift, die er jedem Lehrer empfehle. Allerdings sei er in 27 Jahren Schulleitung noch nie in solch eine Situation gekommen. Tatsächlich kommen Fälle, in denen Schulleiter auf der Rechnung sitzen bleiben könnten, in der Praxis sehr selten vor, verweisen mehrere Direktoren. Normalerweise trete bei von Kindern verursachten Schäden die Haftpflichtversicherung der Eltern ein. Kritisch werde es nur dann, wenn nicht klar ist, welcher Schüler für das kaputte Teil verantwortlich ist oder die Eltern keine Haftpflichtversicherung haben.

Als unbefriedigend bezeichnet die Bildungsagentur die Situation, "da Schulfahrten ein wichtiger Bestandteil der Erziehungs- und Bildungsarbeit der Schule sind", wie ein Sprecher sagt, der dringenden Gesprächsbedarf sieht. Offenbar ist Chemnitz die einzige Kommune, die die von Schulleitern unterzeichneten Verträge nicht autorisiert. Dem Sächsischen Städte- und Gemeindetag, Dachverband aller Kommunen, sei zumindest kein weiterer Fall bekannt, so Geschäftsführer Mischa Woitschek.

Die Stadt sieht sich juristisch zwar auf der sicheren Seite, will aber dennoch einlenken. Die bisherige Sichtweise werde derzeit geprüft, heißt es auf Anfrage. Bis es womöglich eine neue Regelung gibt, schlägt die Stadt vor, dass Eltern Verträge direkt mit Veranstaltern abschließen könnten. Oder ein Schulförderverein bucht die Reise. Dann wäre dieser in der Haftpflicht. Diesen Ausweg hatte Kerstin Daniel von der Schule Am Flughafen bereits gesucht. Ergebnis: "Nicht machbar. Für 350 Schüler ist eine Haftpflichtversicherung nicht finanzierbar."

 
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
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Kommentare
10
Kommentieren (für Digital- und Printabonnenten)
  • 20.04.2017
    05:35 Uhr

    aussaugerges: Es ist auch noch zu beachten.; !
    Das die vollen Gebührensätze bei Rechtsanwälten und Gutachtern,bei
    kleinsten,Schäden ins unermeßliche steigen.
    Und nicht mehr zu bezahlen sind. (Auch für Komunen)
    Auch Abfallbehörden lassen lieber abbrennen als unermeßliche Versicherungen zu bezahlen.
    Siehe Deponie Schneidenbach Glitzner GmbH.
    So müssen auch keine Folgekosten bezahlt werden.
    Die Freie Presse hat sehr oft darüber berichtet.(Reichenbach)

    1 1
     
  • 18.04.2017
    18:07 Uhr

    612115: @hkremss: Bitte darauf einrichten, dass im Rest unserer Lebenszeit jeglicher Missstand in Chemnitz mit dem Stadionbau in Zusammenhang gebracht werden wird. Dass die Stadt ohne jedes Problem das finanzielle Risiko der Klassenfahrten von höchstens ein paar Tausend Euro im Jahr aus der Portokasse absichern könnte, tut da ebensowenig zur Sache wie die sechsstelligen Summen, die Jahr für Jahr vom CFC an die Stadt überwiesen werden.

    3 3
     
  • 18.04.2017
    16:21 Uhr

    ArndtBremen: @hkremss: Haben Sie denn Argumente?

    0 6
     
  • 18.04.2017
    12:57 Uhr

    hkremss: Wenn man wirklich überhaupt keine Argumente hat, dann kann man immer nochmal beim Stadion nachtreten.

    7 2
     
  • 18.04.2017
    10:47 Uhr

    Steuerzahler: Ein weiteres Beispiel, wie das rot-rot-grüne Chemnitz tickt und was die eigenen Bürger, noch dazu Kinder, Wert sind. Für alles andere ist Geld da, nur nicht für diese Belange. Es ist zum Schämen, welches Bild von der Stadt vermittelt wird.

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