Warum Vietnamesen in Chemnitz arbeiten

Nach ihrer Ausbildung an einer Berufsschule in Chemnitz arbeiten junge Leute aus Fernost nun in Altenheimen. Nur ans hiesige Essen müssen sie sich noch gewöhnen.

Zentrum/Harthau.

Im Alten- und Pflegeheim an der Rembrandtstraße setzen die Mitarbeiter auf Hilfe aus Vietnam. Weil sich in den vergangenen Jahren immer weniger Auszubildende aus der Region gefunden hatten, haben in der Einrichtung des Arbeiter-Samariter-Bundes nun Lehrlinge aus Fernost ihren Dienst angetreten. Mirko Wehnert bildet sie aus und sagt, dass derzeit sechs Azubi aus dem asiatischen Land den praktischen Teil ihrer Lehre durchlaufen. Vor allem den Wissensdurst und den Fleiß der Vietnamesen empfinde er als überwältigend, fügt er hinzu. Manchmal würden sie sich in den Dienstberatungen so oft zu Wort melden, dass Wehnert mit der Beantwortung der vielen Fragen rund um die Pflege der Bewohner und Tagesgäste gar nicht hinterher komme.

Alle vietnamesischen Lehrlinge, die derzeit in dem Pflegeheim ihre Praxisstunden absolvieren, erhalten ihren theoretischen Unterricht im Medicampus, der Berufsschule für Gesundheitsberufe in der Innenstadt. Ngan Khuat Thi Kim hat ihre Ausbildung dort gerade abgeschlossen. Für die gemeinnützige Heim-Pflegegesellschaft arbeitet sie jetzt als Altenpflegerin in einer Seniorenresidenz in Harthau. Nachdem sie in den vergangenen Jahren Deutsch gelernt hat, sagt sie nun: "Die Arbeit ist wunderbar - und gibt mir eine Perspektive, die ich in meiner Heimat so nicht hätte." Die 24-Jährige stammt aus einem Dorf in der Nähe von Hanoi, ihre Eltern beackern dort Reisfelder. Sie selbst hätte ebenfalls Reispflückerin werden können; das wollte sie jedoch nicht. Sie habe daher in ihrer Heimat eine medizinische Ausbildung beendet. "Doch dort wurde uns nur die Theorie beigebracht", sagt sie. Praxisaufgaben in Pflegeeinrichtungen stehen in Vietnam nicht auf dem Stundenplan. Was nach Ngan Khuat Thi Kims Angaben vor allem daran liegt, dass es in ihrem Mutterland gar keine Pflegeeinrichtungen wie hierzulande gibt. "Bei uns werden ältere und kranke Menschen nahezu ausschließlich von der Familie versorgt", so die junge Frau.

Es ist nicht der einzige Unterschied, den sie zwischen Vietnam und Deutschland festgestellt hat. Mal abgesehen von der Sprache, musste sie sich vor allem an die kulinarischen Gewohnheiten anpassen. "Es fällt mir bis heute schwer, mit Messer und Gabel zu essen", sagt sie. "Und ich komme schwer mit Süßigkeiten wie Marmelade zurecht. Ich esse morgens lieber eine Hühnersuppe."

Gerade die landestypischen Unterschiede seien es aber auch, die aus den Vietnamesen so gutes Pflegepersonal machen, sagt Ausbilder Mirko Wehnert. Giang Tran Thi Huang zum Beispiel, die ebenfalls gerade ihre Ausbildung beendet hat, konnte während ihrer Lehre auf Massage-Techniken zurückgreifen, die sie aus ihrer Heimat kennt. "Durch einfache Bewegungen konnte ich älteren Menschen Linderung bei Schmerzen verschaffen", so die 27-Jährige. "Wir haben mit vielen Bewohnern während unserer Ausbildung in den Einrichtungen auch gebastelt." Papierfalttechniken haben in Vietnam eine lange Tradition. "Diese haben wir den Bewohnern beigebracht", so Giang Tran Thi Huang.

Sie will nun im deutschen Krankenhauswesen Fuß fassen, hängt deshalb noch eine zweite Ausbildung ran. Im Klinikum in Glauchau trifft sie die Vorbereitungen für eine weitere Lehre als Krankenschwester. Natürlich vermisse sie ihre Heimat, aber sie wolle in Zukunft in Deutschland leben. "Ich habe mich längst an Marmeladenbrötchen gewöhnt", sagt sie. Inzwischen hätten auch ihr Freund und ihre Schwester eine Lehre in Chemnitz begonnen.


"Wissbegierig und fleißig"

Simone Pitsch, Leiterin des Medicampus und Prokuristin der F+U Sachsen, spricht über die

Initiative, junge Vietnamesen nach Sachsen zu holen.

"Freie Presse": Frau Pitsch, was erhoffen Sie sich von der Ausbildung junger Vietnamesen?

Simone Pitsch: Es geht darum, dem akuter werdenden Fachkräftemangel vor allem in der Gesundheitsbranche entgegen zu wirken. Vertreter vieler Pflegeeinrichtungen suchen händeringend Nachwuchs. Der ist aber in Deutschland allein nicht mehr zu generieren. Auch in Europa geraten wir da schon an die Grenzen.

Warum gerade Vietnamesen?

Die Erfahrung der vergangenen Jahre hat gezeigt, dass die jungen Vietnamesen mit einer besonders aufmerksamen Arbeitsmoral in den Dienst treten. Sie sind wissbegierig, fleißig und integrieren sich besonders gut. Das bestätigen uns alle Kooperationspartner. Derzeit sind das in Chemnitz und Umgebung etwa 15 Träger von Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen, darunter Vertreter großer Gesellschaften wie die Arbeiterwohlfahrt oder der Arbeiter-Samariter-Bund.

Wie koordinieren Sie die Ausbildung der Asiaten?

Vor vier Jahren besuchte ich erstmals Vietnam, um mit Vertretern deutscher Einrichtungen und vietnamesischer Behörden den Austausch anzuregen. Inzwischen reise ich zweimal im Jahr in das Land. Wir haben mit zwölf Schülern begonnen, jetzt sind es mehr als 50 Azubis. Hinzu kommen Fachkräfte, die in unseren F+U-Partnerschulen für die Gastronomie fit gemacht werden. (pefr)

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