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Jamina Freitag (ohne ihre Katze wollte sie nicht aufs Foto) lässt sich von Prof. Ralf Steinmeier, Chefarzt der Klinik für Neurochirurgie, erklären, wo der Tumor in ihrem Kopf saß. Auf dem linken Bildschirm-Bild ist er zu sehen.

Foto: Andreas Seidel

Warum die kleine Jamina einen Chefarzt in Atem gehalten hat

Eine Sechsjährige kam mit starken Kopfschmerzen ins Klinikum. Die Mediziner diagnostizierten einen Tumor in ihrem Kopf - und bereiteten die Familie auf das Schlimmste vor.

Von Jana Peters
erschienen am 15.05.2018

Zu ihrem Opa hat Jamina eine besondere Beziehung. Und da er mitunter an Migräne leidet, war für die damals Sechsjährige irgendwie klar, dass sie das auch hat. Denn sie klagte ebenfalls häufig über starke Kopfschmerzen. Die Kinderärztin machte Wachstum für die Schmerzen verantwortlich. Doch dann sah Jamina alles doppelt. Beim Fernsehen kniff sie ein Auge zu, um die doppelten Bilder abzustellen. Ihre Eltern wurden stutzig. Sie machten einen Termin bei einer Augenärztin.

Zunächst konnte sie nichts Krankhaftes feststellen. Doch dann warf sie einen Blick auf den Hintergrund des Auges und sah einen gestauchten Sehnerv. "Gehen Sie am besten schnell ins Klinikum", habe die Ärztin gesagt. Bettina Freitag, Jaminas Mutter, wusste nicht, wie ihr geschah. Im Klinikum wurde eine Computertomografie (CT) gemacht. "Da hat man es schon gesehen", erinnert sich Freitag. Es, das war ein Tumor. "Wir sahen uns plötzlich ziemlich schweigsamen Ärzten gegenüber", sagt die Musikerin. Die Mediziner gingen davon aus, dass es sich um ein sogenanntes Medulloblastom handelt. Eine äußerst ungünstige Diagnose, denn das ist ein bösartiger Tumor. An jenem Abend konnte Jamina nicht nach Hause zurück. Sie musste im Klinikum bleiben. Am nächsten Tag sollte noch eine Magnetresonanztomographie (MRT) gemacht werden, um ganz sicher zu sein.

"Die Welt blieb stehen", erinnert sich die Mutter. Sie habe einfach nur noch funktioniert, mit einem Tunnelblick. "Nichts anderes war mehr wichtig." Sagt man einer Sechsjährigen die Wahrheit über die Diagnose? Bettina Freitag und ihr Partner Matthias Worm entschieden sich dafür. "Jamina hatte gemerkt, dass wir Angst haben. Darum haben wir entschieden, ihr zu sagen, was los ist", erinnert sich Worm. Sie erklärten Jamina, dass in ihrem Kopf so etwas wie ein Ei wachse, das schnell heraus operiert werden müsse. Jamina habe wissen wollen, warum ihre Mutter Angst hatte. "Weil ich dir bisher immer helfen konnte. Jetzt kann ich es nicht", habe sie ehrlich gesagt.

Tags darauf wurde schließlich das MRT gemacht. Das Ergebnis war derart beunruhigend, dass der Oberarzt den Chefarzt der Klinik für Neurochirurgie, Professor Ralf Steinmeier, im Urlaub anrief. "Hier liegt ein Mädchen mit einem riesigen Hirntumor", habe der Kollege am Telefon gesagt. Im Urlaub sah sich Steinmeier schließlich die MRT-Bilder an und brach die freie Zeit ab, um Jamina zu operieren. In großer Runde unter Kollegen der Neurochirurgie, der Neuroradiologie und Kinderärzten sei der Fall besprochen worden. Alle vermuteten, dass es sich um jenen bösartigen Tumor handelt. Er hätte Chemotherapie, Bestrahlung und eine deutlich verkürzte Lebenserwartung für Jamina bedeutet. "Tumore im Kindesalter sind selten und zumeist bösartig", sagt Steinmeier. Doch 100-prozentige Sicherheit konnte nur eine Operation bringen. Die Eltern machten sich auf das Schlimmste gefasst. "Uns war klar, dass die nächsten Jahre mit Bestrahlung kommen würden", sagt Matthias Worm.

Dann der Tag der Operation. Es war ein Tag im November, als in vielen Stadtteilen der Strom ausfiel. Für die Eltern setzte das der Anspannung die Krone auf. Für Ralf Steinmeier war es allerdings das geringste Problem. Der Operationssaal ist von einem Stromausfall nicht betroffen. Schwieriger für ihn sei gewesen, dass der Tumor - fünf bis sechs Zentimeter groß - genau am Hirnstamm saß, der auf gar keinen Fall beschädigt werden dürfe. Es sei nicht klar gewesen, ob er den Tumor ganz würde entfernen können. Doch nach vier Stunden sei der Tumor vollständig entfernt gewesen. Steinmeier nennt das "relativ zügig".

Beim Besuch ihres Kindes nach der OP habe es sehr schlechte Laune gehabt. "Es war das schönste Schimpfen, das ich je gehört habe", erinnert sich Bettina Freitag. Jamina habe das Krankenhaus, die Schläuche und vor allem die Spritzen, vor denen sie Angst hat, satt gehabt. "Darüber waren wir richtig erleichtert", sagt auch Matthias Worm. Zwei Wochen lang musste Jamina auf der Intensivstation liegen. Mitunter hätten sechs Erwachsene das Mädchen festhalten müssen, wenn es eine Spritze bekommen sollte. Und sie habe es gar nicht gut gefunden, dass "jeden Tag die blöden Neurochirurgen an die Narbe am Hinterkopf wollten", erinnert sich Steinmeier mit einem väterlichen Lächeln.

Eine Woche nach der OP kam schließlich das Ergebnis aus einem Labor in Berlin. Bei dem Tumor handelte es sich um ein pilozytisches Astrozytom. Es ist gutartig. "Eine bessere Histologie gibt es nicht", sagt Steinmeier. Er und seine Kollegen hatten falsch gelegen und waren sehr froh darüber. "Die Wahrscheinlichkeit, dass Jamina komplett geheilt ist, ist sehr hoch", so der Chefarzt. Jaminas Eltern konnten es kaum fassen. "In der Klinik-Kantine haben wir heimlich eine Flasche Sekt geköpft", verrät Bettina Freitag.

Erst kürzlich hatte Jamina wieder einen Termin bei Chefarzt Steinmeier, zur Kontrolle. "Darf ich wieder Trampolin springen?" wollte sie zuerst von ihm wissen. "Ja", lautete die Antwort, "das kannst du alles wieder machen."

 
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