Warum eine Erzieherin nicht mehr zurück in ihren Beruf darf

Wegen extremer Kurzsichtigkeit hat eine junge Frau ihre Arbeitsstelle verloren. Helfen könnten künstliche Linsen. Die Krankenkasse zahlt zwar die Operation, aber nicht das Material, das dafür benötigt wird.

Wenn Marion Peters* am Straßenrand steht, erkennt sie die Autos nur als Formen und Schemen, selbst mit Brille. "Auch Menschen kann ich nur zuordnen, wenn sie nicht weiter als zwei Meter von mir entfernt sind", sagt die gelernte Erzieherin. Peters, die seit ihrer Geburt an der Sehschwäche leide, sei lange gut mit ihren Kontaktlinsen zurechtgekommen. Doch Mitte 2016 habe sich das geändert. "Die Linsen verursachten starke Kopfschmerzen", so Peters.

Eine Brille habe aufgrund der massiven Sehminderung nur wenig genützt. Ihre Anstellung in einer Klaffenbacher Kita hatte Peters nach anderthalb Jahren im August 2016 verloren. "Wegen meiner schlechten Sicht", sagt die 32-Jährige. Dass Peters aufgrund dieser Einschränkungen ihren Job als Erzieherin dauerhaft nicht mehr ausüben dürfe, hatte ihr der sozialmedizinische Dienst der Arbeitsagentur bescheinigt. Begründung: "Eine optimale Korrektur ihrer Sehstärke ist nach Angaben des Facharztes nicht möglich."

Im Befund des behandelnden Mediziners Dr. Roy Schendel, Oberarzt an der Klinik für Augenheilkunde an der Flemmingstraße, hieß es jedoch, dass es eine Möglichkeit gäbe, Peters' Sehkraft wiederherzustellen. "Die einzig sinnvolle Korrektur der hohen Fehlsichtigkeit ist nur über die Implantation einer Kunstlinse möglich." Bei diesem Eingriff, der normalerweise Patienten vorbehalten ist, die unter dem Grauen Star leiden, werden die eigenen Linsen im Auge dauerhaft durch künstliche Linsen ersetzt. Solch eine Operation ist auch bei Patienten möglich, die nicht unter dem Grauen Star leiden, so der Bundesverband der Augenärzte. "Wir würden das auch so empfehlen", sagt Sprecher Dr. Luther Wollring. Er verweist darauf, dass gesetzliche Krankenkassen die Kosten normalerweise nicht übernehmen. Das Gesetz sehe jedoch Ausnahmen vor - im Falle einer drohenden Erblindung und wenn Alternativtherapien nicht möglich sind.

Dr. Schendel habe minus 16 Dioptrien auf dem rechten und minus 14 auf dem linken Auge festgestellt, was einer Sehleistung von zehn Prozent entspreche. Der operative Eingriff, der Peters die Rückkehr in ihren Beruf ermöglichen würde, koste laut Schendel etwa 5000 Euro. Hinzu kämen 1000 Euro für beide Linsen. Die Übernahme der Kosten für die Linsen aber hat Peters' Krankenkasse, die IKK, abgelehnt. Die Begründung: Es liege keine medizinische Notwendigkeit vor, da keine Erblindungsgefahr bestehe. Außerdem sei es möglich, das Problem mittels Brille oder Kontaktlinsen zu beheben. Schendel widerspricht. Aufgrund einer Unverträglichkeit sei die Korrektur durch Kontaktlinsen nicht möglich, heißt es in seinem Befund. Eine Brille mit sehr starken Gläsern würde eine Sehstärke von nur 30 Prozent ermöglichen. Zu wenig für die Tätigkeit als Erzieherin. "Bei Frau Peters besteht kein OP-Wunsch, um lästige Brillen oder Kontaktlinsen loszuwerden, es geht um die weitere Ausübung ihres Berufes", so Schendel.

Dass die IKK zumindest die Kosten für die OP übernehmen würde, teilte die Kasse explizit erst auf Anfrage der "Freien Presse" mit. In keinem der Schreiben an Peters ist darauf hingewiesen worden. "Die gesetzlichen Krankenkassen stellen keine Bescheide für Leistungen aus, die normal über die Krankenversicherungskarte angerechnet werden können", begründet IKK-Pressereferentin Andrea Ludolph und fügt hinzu, dass man Peters mit der Übernahme der Kosten für die OP entgegengekommen sei. Peters und ihr behandelnder Arzt wussten davon jedoch nichts, wie sie versichern. Zum Erstaunen von Ludolph: "Hier muss es ein Kommunikationsproblem gegeben haben, entweder bei der Patientin oder bei der Kasse." Der Augenklinik habe die IKK nun vor kurzem die Übernahme der OP-Kosten bescheinigt, so Ludolph.

Doch selbst das würde Peters nichts nützen, da sie sich die Linsen nicht leisten kann, wie sie sagt. Für ihre Ausbildung hatte sich die Erzieherin nach eigenen Angaben verschuldet. Nach einer dreijährigen Lehre zur Kinderpflegerin sattelte sie noch eine Ausbildung zur Erzieherin obendrauf, während der Peters auch ihr Fachabitur nachholte. Außerdem hatte die Alleinerziehende ihre Tochter zu versorgen. Um diese Mehrfachbelastung finanziell stemmen zu können, hatte Peters Meister-Bafög bezogen. 30.000 Euro habe sie jetzt noch zurückzuzahlen. "Das war es mir jedoch wert, weil ich die Arbeit mit Kindern liebe", sagt Peters heute. Nach Verlust des Jobs in der Kita lebte sie 78 Wochen von Krankengeld. Völlig unnötig, wie sie findet: "Überall werden Erzieherinnen gesucht. Ich verstehe nicht, wieso man es mir mit der Rückkehr in meinen Beruf so schwer macht."

Die IKK sei nun dabei - mit einem inzwischen dritten Gutachten- noch einmal zu prüfen, ob eine Erblindungsgefahr bei Peters vorliegt. "Nur in diesem Fall dürfen wir nach den gesetzlichen Bestimmungen die Kosten für die künstlichen Linsen übernehmen", so Ludolph.

*Der Name ist von der Redaktion geändert.

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1Kommentare
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  • 14
    0
    HHCL
    17.04.2018

    30.000 Euro klingen ja erstmal viel, wenn man aber bedenkt, dass man die Frau mit dieser Entscheidung wahrscheinlich auf lange Zeit - wenn nicht für immer - in die Arbeitslosigkeit abschiebt, ist es eine eher kleine Investition. Der Staat wird dann zukünftig Hartz IV bezahlen und für die Wohnung; zahlt also spätestens ab dem 4. Jahr mehr als 30.000 Euro. Völlig absurde Regelungen!



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