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Die Gründer der Harties, Robin Rottloff (links) und Mimi Kronsky, sowie Mitbetreiber Marco Hinkel, vor ihrem damaligen Lieferauto. Inzwischen haben sie ihre Geschäftsidee wieder aufgegeben.

Foto: Andreas Seidel

Warum es in der Stadt keinen Spätverkauf mehr gibt

Einkaufen im Supermarkt nach 22 Uhr - das ist in Sachsen nicht erlaubt. Drei Chemnitzer haben sich deshalb für eine rollende Nacht-Verkaufsstelle entschieden. Doch dem ungewöhnlichen Lieferservice ging die Luft aus.

Von Martin Wieser
erschienen am 19.04.2017

Als drei Chemnitzern beim abendlichen Umtrunk im Dezember 2015 das Bier ausging und sie zur nächsten Tankstelle laufen mussten, fragten sie sich, warum es in der Stadt eigentlich keine Spätis gibt. Noch am selben Abend diskutierten sie über die Eröffnung einer eigenen Spätverkaufsstelle. Nur eine Woche danach meldeten die Harties, wie sie sich fortan nannten, ihren mobilen Späti an, den sie jeden Freitag und Samstag von 22 bis 2 Uhr betrieben. Das Konzept für den mobilen Späti hatten sie von einem Dresdner Spätlieferservice übernommen.

Es ist eine Art Tante-Emma-Laden, der außerhalb der üblichen Öffnungszeiten bis nachts oder gar rund um die Uhr geöffnet hat. Ihren Ursprung haben die Spätis in Ost-Berlin, wo diese Art Verkaufsstellen für die Versorgung der Nachtschichtarbeiter zuständig waren. Ihre Besonderheit, die langen Öffnungszeiten, sind gleichzeitig ihr größtes Problem. Das sächsische Ladenöffnungsgesetz schreibt vor, dass Verkaufsstellen von Montag bis Samstag zwischen 6 und 22 Uhr öffnen dürfen. Betreiber von Spätis, die nach 22 Uhr geöffnet haben, begehen somit eine Ordnungswidrigkeit, die nach dem Ladenöffnungsgesetz mit einer Geldstrafe von bis zu 5000 Euro geahndet werden kann. Ein mobiler Spätverkauf, der lediglich als Vertrieb ohne feste Verkaufsstelle gemeldet ist, fällt jedoch nicht unter das Gesetz und kann seine Waren auch nach 22 Uhr veräußern. Eine gewerberechtliche Regelung gebe es hierfür nicht, teilte die Pressestelle der Stadt Chemnitz auf Anfrage der "Freien Presse" mit. Unter diesen Voraussetzungen gründeten die Chemnitzer Harties ihren mobilen Späti.

Das Geschäft lief zäh an. Nur langsam sei die Idee bekannt geworden, habe sich eine Stammkundschaft herausgebildet, sagt Robin Rottloff, Mitbegründer der Harties. Einer ihrer treuen Kunden habe sich jeden Freitagabend um genau 23Uhr einen Kasten Bier in den sechsten Stock liefern lassen. Für den Transport des Kastens in seine Wohnung zahlte der junge Mann, Mitte 20, auch mal 20 Euro, um nicht selbst Treppen steigen zu müssen, so Rottloff. Zu den Kunden zählten aber nicht nur junge Leute. Jede Altersgruppe von 18 bis 60 Jahren haben die Harties beliefert. Darunter sei auch eine Gruppe von fünf bis sechs älteren Damen gewesen, die eine Flasche Sekt bestellen wollten.

Da sie den Mindestbestellwert von 20Euro damit jedoch nicht erreichten, wurde aus einer Flasche eine ganze Kiste Sekt, erzählt Rottloff.

Den Kasten Bier gab es bei den Harties für 17 bis 20 Euro. Neben Sternburg und dem regionalen Braustolz war jede Woche eine weitere Marke im Sortiment, je nachdem, welche gerade im Angebot war, meint er. Denn die Harties kauften ihre Waren nicht etwa im Großhandel, sondern im Supermarkt oder gegebenenfalls an der Tankstelle. Neben Bier waren auch verschiedene Spirituosen und Zigaretten, Softdrinks, Chips und Fertiggerichte im Angebot. Als Warenlager diente das Haus eines der Harties, erzählt Rottloff. Der finanzielle Durchbruch sei dabei nie das Ziel gewesen. Sie haben einen neuen Trend in Chemnitz ausbilden wollen, sagt Robin Rottloff. Zu ihren Hoch-Zeiten haben die Harties teilweise sogar mit zwei Autos ausliefern müssen. Freunde halfen den Jungunternehmern beim Transport, da pro Abend manchmal zehn Kisten Bier bestellt wurden, erinnert er sich.

Warum haben dann in Chemnitz nicht mehr Spätis eröffnet? Bert Rothe, stellvertretender Geschäftsführer Handel und Dienstleistungen der Industrie- und Handelskammer, sieht neben den rechtlichen Hürden des Ladenöffnungsgesetzes auch keinen ausreichenden Bedarf für einen Spätverkauf in Chemnitz. Er würde sich nicht rechnen, schätzt Rothe ein. Auch die Wohnungsgesellschaft GGG, die im vergangenen Jahr im Zuge eines Nutzungs- und Vermarktungskonzepts eine Ladenfläche speziell für einen Spätverkauf an der Bernsdorfer Straße angeboten hat, gab dieses Konzept wieder auf. Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen für einen potenziellen Betreiber ließen die Beteiligten zu dem Schluss kommen, dass sich ein Späti nicht lohne, so GGG-Sprecher Erik Escher.

Auch der Erfolg der Harties währte nicht lange. Zwei bis drei Monate sei das Angebot des mobilen Spätis sehr gut angenommen worden, sagt Rottloff. Danach sei die Nachfrage jedoch wieder geschwunden. Pro Wochenende hatten sich nur noch ein bis zwei Leute gemeldet. Vor einem Jahr, Ende April 2016, stellten die Harties nach fünf Monaten ihren mobilen Lieferdienst wieder ein. "Vielleicht haben wir auch nicht lange genug durchgehalten", vermutet Rottloff. Ob sich ein mobiler Späti in Chemnitz unter anderen Voraussetzungen durchsetzen würde? "Es könnte funktionieren. Man braucht aber Leute, die ausreichend Grundkapital haben und es vielleicht größer aufziehen, mit mehr Autos und größerem Angebot", sagt Rottloff.

 
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
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Kommentare
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Kommentieren (für Digital- und Printabonnenten)
  • 19.04.2017
    18:45 Uhr

    dwt: Vor ca. vier Jahren gab es einen Späti an der Barbarossa, Ecke Agricolastraße. Der Laden lief nach Auskunft des Inhabers sehr gut. Solange bis das Ordnungsamt mit saftigen Strafen und ausdrücklicher Schließung im Gepäck vorbei kam.

    Keine Gnade. Ohne Diskussion.
    Musste der laden schließen.

    Und was hat der Ladeninhaber gemacht?
    Er ist in eine andere Stadt gezogen.

    0 4
     

 
 
 
 
 
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