Was Chemnitzer öffentlichen Tagebüchern anvertrauen

Die Bloggerszene steckt in der Stadt noch in den Kinderschuhen. Trotzdem gibt es bereits Treffen der Schreiber im Internet, darunter auch einen Exoten.

Der TV-Moderator Kai Pflaume hat einen, sein Berufskollege Nils Bokelberg ebenfalls und ein paar Chemnitzer auch: einen Blog. Blogs sind eine Art öffentliches Tagebuch oder Journal im Netz. Thematisch begrenzt sind die Blogs nicht. Handarbeiten, Hundeerziehung oder Weltgeschehen - alles kann, nichts muss beschrieben oder kommentiert werden. In Chemnitz ist die Szene in den vergangenen drei Jahren gewachsen. Blogger-Camps und andere Treffen fördern die Entwicklung einer blühenden Blog-Landschaft. "Seit es die Barcamps gibt - das erste sogenannte Myblögchen war 2014 - ist die Szene auf jeden Fall sichtbarer", sagt Marcus Jänecke. Myblögchen ist der Titel von Treffen, bei denen sich Blogger und andere Interessierte treffen und austauschen. Der Chemnitzer organisiert diese Veranstaltungen mit.

Der Sinn sei neben dem Knüpfen von Kontakten auch gewesen zu sehen, ob es überhaupt Blogger in der Stadt gibt. Etwa 50 Menschen, schätzt Jänecke, haben ein reges Interesse an Blogs, betreiben selbst einen oder wollen einen erstellen.

Für den Exoten in der Szene hält Jänecke den Naturblogger Thomas Engst. "Davon gibt es nicht viele und in Chemnitz ist er einzigartig", sagt Jänecke, der auch das Colab in Chemnitz betreibt. Colab ist eine Plattform für jeden, der sich in Beruf oder Freizeit intensiv mit digitalen Medien auseinandersetzt.

Auch das soll Gleichgesinnte miteinander in Kontakt bringen. Denn die Bloggerszene in Chemnitz sei noch in den Kinderschuhen, wachse aber stetig. "Das ist immer so. Solche Dinge entwickeln sich schneller in großen Städten. In Leipzig zum Beispiel gibt es eine sehr rege Szene." Einige Mitstreiter, so Jänecke, würden damit auch ein paar Euro verdienen. Einen Vollzeitblogger, der von Werbeeinnahmen leben kann, gebe es aber noch nicht. "Das ist schwer, es gibt da ein paar große Blogs in Deutschland, die eigene kleine Redaktionen haben. Da kommt man nur schwer rein, gerade im Bereich von Blogs, die sich mit Technik oder Mode beschäftigen", sagt Jänecke.

Einige Nischen sind seiner Schilderung nach aber noch frei. "Bisher gibt es als Lokalblog Remarx, der sehr bekannt ist. Daneben ist noch Platz für andere. Ich denke, wenn man einen Lokalblog gut macht, könnte der erfolgreich werden."


Thema Leben

Nick Lange bloggt "Langes Leben". Er nutzt den Blog als "öffentliche Ablage meiner Gedankengänge". Er stellt Diskussionen über Politik und Gesellschaft aus dem Freundeskreis ins Netz. Einen Artikel pro Monat hat er sich für dieses Jahr vorgenommen. Kommunikation ist sein Hobby, wie der 23-jährige Chemnitzer sagt. Seit zwei Jahren bloggt er. Bisher besuchen täglich zwischen zehn und 100 Menschen "Langes Leben". Ein Leben als Vollzeitblogger könne er sich durchaus vorstellen. Bisher bringt der Blog ihm aber kein Geld ein, dafür Kontakte und Diskussionspartner.


Thema Literatur

Janine Rumrich bekommt mittlerweile Gratis-Exemplare von Verlagen. Ihre Büchersucht hat sie früher im Buchhandel ausgelebt. Seit 2012 bloggt die Wirtschaftswissenschaftsstudentin über Literatur - und zwar so erfolgreich, dass Verlage ihr Bücher schenken. "Die Literaturblogs, die es damals gab, waren fast alle schlecht. Ich dachte, das kann ich besser", sagt die 25-Jährige. Also begann sie, "ausgewählte Romane und Sachbücher" zu rezensieren. Pro Monat lesen 300 Menschen Beiträge auf "kapriziös". Doch Klickzahlen interessieren sie weniger, "ich mache das aus Leidenschaft".


Thema Kochen

Patricia Pötzsch hat mit Nathalie Beyreuther einen Food-Blog. Angefangen hat der Blog "uhiesig" über internationale Küche als Seminar-Projekt in der Technischen Universität. 2014 begannen sie, Rezepte online zu stellen und nachzukochen. Auf gute Fotos vom Essen legen sie großen Wert. "Wenn das Rezept gut ist, aber das Bild nicht überzeugt, wird niemand draufklicken", sagt die Studentin. Der Name "uhiesig" ist Erzgebirger Dialekt und bedeutet "nicht von hier". Er soll ausdrücken, dass sie Rezepte in den Mittelpunkt rücken, die nicht aus dem Erzgebirge stammen.


Thema Natur

Thomas Engst bloggt seit 2013 auf naturgebloggt.de. Sein Thema: Naturschutz. "Der Blog entstand aus Liebe zur Arbeit", sagt der 29-Jährige. Engst studiert und ist Berufsnaturschützer. "Ich begutachte zum Beispiel Gelände, auf denen gebaut werden soll." Was er dabei sieht, fotografiert er und bloggt darüber. Am Tag lesen zwischen 450 und 600 Nutzer seine Beiträge. "In dem Bereich gibt es wenige Blogger." Sein erfolgreichster Eintrag, für den er 2014 neun Tage lang zu den Geschäften eines Saatgutunternehmens recherchierte, bringe ihm heute noch hohe Klickzahlen.

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