Wenn die Fassade Feuer fängt

Kostengünstiges Dämmmaterial gehört auch in Chemnitz zu den meistverwendeten Dämmstoffen. Jetzt hat sich erneut gezeigt, dass sie bei Feuer gefährlich werden können. Die Vermieter in der Stadt geben sich indes gelassen.

Ein aufmerksamer Nachbar, der den Feuerschein mitten in der Nacht sah und die Hausbewohner alarmierte, verhinderte Schlimmeres. Doch ob das heute vor einer Woche fast völlig ausgebrannte Gebäude an der Altendorfer Straße in Schloßchemnitz noch gerettet werden kann, ist nach wie vor offen. Die verheerenden Folgen des Feuers, das nach Polizeiangaben durch einen angezündeten Abfallcontainer ausgelöst wurde, haben offenbar auch mit der Kunststoffverkleidung der Fassade zu tun.

"Rasant", so schilderte ein Beobachter, hätten sich die Flammen über einem Durchgang über sechs Etagen bis zum Dachstuhl ausgebreitet. "Bei Putz wäre das nicht passiert, der platzt nur ab, brennt aber nicht", sagte Feuerwehr-Einsatzleiter Thomas Hellfeuer einen Tag später. Ihn erinnerte der Anblick an einen Brand im Juli vergangenen Jahres an der Salzstraße/Ecke Leipziger Straße, als ebenfalls eine Mülltonne in einer Durchfahrt in Brand gesteckt worden war und das Feuer schnell die gesamte Fassadenverkleidung entflammt hatte.

Solche Schilderungen, die auch im Internet nach Bränden im gesamten Bundesgebiet zahlreich zu finden sind, beunruhigen inzwischen viele Bewohner von Häusern, deren Fassaden seit 1990 neu verkleidet wurden. Denn für die sogenannten Wärmedämmverbundsysteme wurden zu einem sehr großen Anteil - verschiedene Quellen sprechen von bis zu 80 Prozent - kostengünstige Styroporplatten verwendet. Der Kunststoff, den Fachleute expandiertes Polystyrol (EPS) nennen, dämmt nach deren Angaben tatsächlich gut und ist außerdem leicht zu verarbeiten. Doch das aus Rohöl gefertigte Polystyrol ist nicht feuerfest, sondern gilt lediglich als schwer entflammbar. Das heißt: Bei großer Hitze fängt es Feuer. Mit Styropor gedämmte Fassaden können Häuser im Brandfall zu tödlichen Fallen machen.

Trotzdem darf das Dämmmaterial nach wie vor verwendet werden, so lange es bauaufsichtlich zugelassen und fachgerecht verarbeitet ist, erklärt die Chemnitzer Berufsfeuerwehr auf Anfrage. Eine Chance, solche Fassadenbrände zu begrenzen, habe die Feuerwehr nur, wenn sie noch in der Entstehungsphase mit dem Löschen beginnen kann.

Auf die Frage nach Brandschutz-Empfehlungen verweist die Feuerwehr auf ein Merkblatt des Deutschen Instituts für Bautechnik (DIBT) vom Juni 2015, das im Auftrag der Bauminister der Bundesländer erarbeitet wurde. Darin heißt es unter anderem: "In Einzelfällen ist es vorgekommen, dass Fassaden mit Wärmeverbundsystemen aus Polystyrol in Brand geraten sind."

Voraussetzung für den Erhalt der Schutzwirkung einer Fassade vor Feuer sei deren "ordnungsgemäße Instandhaltung". Dazu müsse sie regelmäßig auf Beschädigungen kontrolliert werden. "Putzschäden bedürfen immer einer zeitnahen und fachgerechten Beseitigung."

Bei der Lagerung von brennbarem Material empfiehlt das DIBT drei Meter Mindestabstand zur Fassade. Müllcontainer und -tonnen aus Kunststoff sollten mit nicht brennbarem Material umbaut werden, wenn sie direkt am Gebäude stehen. Im Ergebnis einer Versuchsreihe soll in künftige bauaufsichtliche Zulassungen von Wärmedämmverbundsystemen die Vorschrift zum Einbau von Brandriegeln aufgenommen werden.

Die meisten Chemnitzer Großvermieter bestätigen auf Anfrage, dass auch viele ihrer Gebäude mit Styropor verkleidet sind. Lediglich bei Hochhäusern seien zwingend mineralische Dämmstoffe vorgeschrieben, wird erklärt. Auf die Frage nach Konsequenz aus den jüngsten Bränden nennt jedoch niemand verstärkte Kontrollen der Fassaden. Die Genossenschaft WCW will noch einmal jene Containerstandorte überprüfen, die sich nah an Häusern befinden. Das beträfe weniger als jeden zehnten der 81 Standorte. SWG und CAWG hätten solche Standplätze bereits verlegt beziehungsweise mit Betonwänden umbaut. Die GGG bietet besorgten Mietern an, sich bei ihr zu melden.

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