Wie es mit der Bahnstrecke weitergehen soll

Bürgermeister der Kommunen an der Linie nach Leipzig fordern gemeinsam Fernbahn-Ausbau - Nach Kritik Gespräch mit Betreiber geplant

Die Elektrifizierung der Trasse Chemnitz-Leipzig wurde in den Bundesverkehrswegeplan aufgenommen. Doch das heißt noch nicht, dass das Projekt schnell umgesetzt wird. Die Bürgermeister der Städte und Gemeinden entlang der Strecke haben einen Brief an den Bundesverkehrsminister verfasst. "Freie Presse" beantwortet die wichtigsten Fragen zum Stand der Dinge.

Was bezwecken die Oberbürgermeister und Bürgermeister der Kommunen entlang der Bahnstrecke Chemnitz-Leipzig?

Sie wollen, dass die Strecke elektrifiziert wird. Nur dann können moderne Fernverkehrszüge verkehren. In einem Entwurf für den Bundesverkehrswegeplan 2030, der im Frühjahr öffentlich wurde, war das Projekt nicht vorgesehen. Burgstädts Bürgermeister Lars Naumann fasste daraufhin den Entschluss, die Anrainerkommunen der Strecke zu mobilisieren. Es gehe um 1,2 Millionen Einwohner, sagt er. Er sammelte 31 Unterschriften von Oberbürgermeistern und Bürgermeistern unter anderen aus Leipzig, Chemnitz und Penig. Der Brief wurde am 18. Juli an den Bundesminister für Verkehr, Alexander Dobrindt, geschickt.

Warum haben die Bürgermeister erst jetzt und nicht schon vor Jahren versucht, Druck auf die Bundesregierung auszuüben?

Der Moment, in dem der Leidensdruck am größten sei, sei erst jetzt gekommen, sagt Naumann. Seit dem Fahrplanwechsel im Dezember 2015 wird die Strecke nicht mehr von der Deutschen Bahn, sondern von der Mitteldeutschen Regiobahn (MRB) betrieben. Das Unternehmen hatte die Ausschreibung der Verkehrsverbünde Mittelsachsen in Chemnitz (VMS) und des Leipziger Zweckverbands ZVNL gewonnen. Seitdem rollen dort Züge mit Dieselloks. Die Waggons sind 25 Jahre alt und älter. Sie sind weder behindertengerecht noch verfügen sie über eine Klimaanlage. Von Beginn an gab es Beschwerden. "Dieser Zug muss weg", sagt Naumann. Er sei ein Rückschritt - für Reisende, weil die Fahrt weniger bequem sei als früher, für Anwohner, die sich über den Lärm beklagen, für die gesamte Region, weil mit dem Fahrplanwechsel auch viele Umsteigezeiten in Leipzig länger geworden sind. Naumann berichtet von einem Fall, in dem es einer älteren Dame nicht gelungen sei, in Burgstädt die schweren Türen des Zuges zu öffnen. Sie habe bis Chemnitz weiter- und dann wieder zurück nach Burgstädt fahren müssen. Jesko Vogel, Oberbürgermeister von Limbach-Oberfrohna, weist darauf hin, dass seine Stadt mit einem günstigen Anschluss nach Leipzig über die Bahnhöfe Burgstädt oder Chemnitz als Unternehmensstandort und Wohnort für Auszubildende attraktiver werde.

Wie ist der aktuelle Stand beim Bundesverkehrswegeplan?

Anfang des Monats hat das Bundeskabinett das Papier beschlossen, die Abstimmung im Bundestag soll im Herbst erfolgen. Die Elektrifizierung der Strecke Leipzig-Chemnitz ist nun doch darin enthalten. Sie steht auf einer Liste des sogenannten "potenziellen Bedarfs".

Was bedeutet "potenzieller Bedarf"?

Die Projekte im Verkehrswegeplan sind in verschiedene Dringlichkeitsstufen eingeteilt. Vorhaben in der Rubrik "Vordringlicher Bedarf" haben gute Aussicht, bis 2030 gebaut zu werden. Darüber hinaus gibt es die Gruppe der Vorhaben des potenziellen Bedarfs, die in den vordringlichen Bedarf aufsteigen können. Deutschlandweit gibt es 40 Vorhaben in der Kategorie "potenzieller Bedarf", für die zwei Milliarden Euro eingeplant sind.

Wie stehen die Chancen, dass die Strecke nach Leipzig tatsächlich elektrifiziert wird?

Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig sagt, sie sehe eine große Chance. Das habe ihr auch Bundesminister Dobrindt gesagt. Im Vergleich zu vielen anderen Vorhaben auf der Liste gebe es bereits eine fertige Vorplanung für das Projekt. Sachsens Verkehrsminister Martin Dulig (SPD) habe ihr zudem zugesagt, der Freistaat werde bei der Finanzierung in Vorleistung gehen und das Projekt unterstützen, wenn es in die Kategorie des vordringlichen Bedarfs aufsteigt. "Ich bin sicher, dass es Dulig zur Chefsache macht", sagt Ludwig. Im Bundesverkehrswegeplan heißt es, dass die Projekte dann realisiert werden, wenn ihre Wirtschaftlichkeit nachgewiesen ist. Diese Prüfung steht allerdings noch aus.

Wie geht es weiter mit der MRB?

Die Unterzeichner des Briefs an Dobrindt wollen sich nun zu Gesprächen mit der MRB treffen. Der Vertrag mit dem Unternehmen läuft bis mindestens 2023. Die Züge gehören dem Unternehmen. "Da bisher nicht geklärt ist, bis wann die Strecke elektrifiziert wird, ist auch die Finanzierung und damit der Einsatz von Neufahrzeugen sowohl für uns wie auch für den Besteller wirtschaftlich nicht möglich", hieß es Anfang 2016 von der MRB. Bauliche Veränderungen an den Zügen, wie der Austausch von Drehgestellen, womit eventuell die Lautstärke reduziert werden könnte, seien unwahrscheinlich, teilte MRB im Mai mit. Durch den Austausch entstünde eine Bauartänderung. Jede Bauartänderung müsse vom Eisenbahnbundesamt abgenommen werden. Dieser Prozess könne mehrere Jahre dauern. Die Frage, ob das Unternehmen zu Gesprächen mit den Anrainer-Kommunen bereit ist, blieb gestern unbeantwortet. (jpe)

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6Kommentare
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  • 3
    1
    DerWundePunkt
    12.08.2016

    Was soll das Geschrei? Der Südwesten Sachsens einschließlich Chemnitz wird in den nächsten Jahren keinen IC geschweige denn ICE zu Gesicht bekommen. Dazu ist die Gegend in Deutschland viel zu unbedeutend. Selbst der Verkehrsknoten Leipzig teilt sich sich die ICE-Anbindung mit Halle. Wichtiger als die Elektrifizierung der Strecke Chemnitz - Leipzig wäre die weitere Elektrifizeirung in Bayern (Hof - Regensburg). Denn dann gäbe es die Chance, dass wenigstens ab 2022 IC auf der Strecke (Rostock)-Berlin-Dresden-Chemnitz-Regensburg-München verkehren könnten. Ja, ich weiß, was haben die Bayern mit Sachsen zu tun, aber man muss halt auch mal den Blick über den Tellerrand richten. Denn wir liegen nun mal am Rande Deutschlands und sind deshalb nur interessant, wenn es um den Durchgangsverkehr geht.

  • 1
    0
    rosenhof
    12.08.2016

    @Suedbahnhof - Sie scheinen sich da halbwegs auszukennen, daher meine Frage ? würden Sie denn Chemnitz-Elsterwerda-Berlin oder Chemnitz-Falkenberg-Berlin vorziehen und aus welchen Gründen? Danke schon mal. Hab noch diesen Uralt-Artikel gefunden: http://www.freiepresse.de/NACHRICHTEN/TOP-THEMA/Erneuter-Vorstoss-fuer-Direktzug-nach-Berlin-artikel7476927.php

  • 3
    0
    Zeitungss
    12.08.2016

    Der Bundesverkehrswegeplan ein Buch voller Träume, müsste sich inzwischen herumgesprochen haben und zwar seit dessen Einfürung. Ein Brief an Dobrindt ist vertane Zeit, was auch für Dulig gilt. Bevor sich auf der Strecke C - L und D - N etwas positiv entwickelt, wird eher die A 72 nach Leipzig elektrifiziert. Die LKW-Lobby wartet nur darauf. Die Teststrecke der Fa. Siemens befindet sich nördlich von Berlin.
    In dieser Woche gab es im WDR und ZDF zwei Sendungen über den "Unglücksfall" Deutsche Bahn, der bekanntlich alle Bürger betrifft. Was Dobrindt nach einigen Fluchtversuchen doch noch von sich gab, spottet jeder Beschreibung und lässt die Richtung klar erkennen. In Karl-Marx-Stadt gab es noch vernünftigen Bahnverkehr, für Chemnitz ....... , aber das wissen Sie inzwischen selbst oder auch nicht.

    Allen Verkehrsteilnehmern, gleich welcher Art, ein schönes und unfallfreies Wochenende !

  • 5
    2
    alteregon
    12.08.2016

    Auch wenn man niemandem etwas Schlechtes wünschen sollte, aber ich wäre mal gespannt, ob gewisse Leute immernoch von "übertrieben[m] ... Gejammer" sprechen, wenn sie durch einen Unfall oder Erkrankung im Rollstuhl sitzen und nicht mehr mit den alten Waggons fahren können.
    Aber das sind bestimmt auch die, die Mütter mit Kinderwagen vor der Tür stehen lassen, ohne ihnen zu helfen.
    Wäre schön, wenn einige mal bisschen weiter denken würden, als nur bis zu gewissen Museumstanten.

  • 5
    6
    Deluxe
    12.08.2016

    Genau so übertrieben ist das Gejammer über die alten Waggons. Jahrzehnte lang ging es. Und jetzt bricht die große Empörung los, weil man mal eine Tür per Hand öffnen muss. Lächerlich!

  • 6
    1
    Suedbahnhof
    12.08.2016

    Bitte aufhören zu träumen.

    1) Warum sollte die DB für einen lästigen Konkurrenten auch noch die Strecke elektrifizieren?

    2) Die Strecke ist für den Fernverkehr irrelevant (0 Bedarf)

    3) Strecke war nie Bestandteil des Kernnetzes/wichtig

    Die Favorisierung der Relation ist rein politisch (me too -Effekt).

    Einfacher umzusetzen und auch mit Hinsicht auf den BER wichtiger (wird aus dem Stand _der_ internationale Airport Ostdtl.) ist die Direktverbindung nach Berlin. Es gibt drei Alternativen, alle sind elektrifiziert, alle Strecken sind zweigleisig und es gibt bereits Pläne der Wiederaufnahme des Interregioverkehrs (heisst dann IC). Die Dresdner Bahn wird derzeit erneuert, egal ob der Zug über Riesa, über DD-Nstd oder über Falkenberg nach Schönefeld/Berlin-Stadtbahn fährt, man wäre wieder schnell und ohne Umsteigen in der Hauptstadt. Das ist (imo) wesentlich wichtiger als leicht komfortabler nach L zu fahren.

    Der Aufwand von 300Millionen Euro für eine Strecke, die weder Dulig noch Ludwig in ihrer aktiven Laufbahn (wenn überhaupt) erleben werden (Fertigstellung bestenfalls ~2050) ist völlig übertrieben.



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