Zirkus "Krone": Mit Charme und Paragrafen gegen Pauschalkritik

Europas größter Zirkus gastiert mit Löwen und einem Nashorn in Chemnitz - einer Stadt, die Auftritte mit Wildtieren eigentlich verbieten wollte.

Chemnitz.

Der Zirkus "Krone" aus München ist bei seinem Gastspiel in Chemnitz mit Boykottaufrufen von Tierrechtlern empfangen worden. Demonstrationen sind angekündigt, nach Angaben von Zirkusleuten gab es auch Flaschenwürfe und Übergriffe auf Plakate. "Wir würden gern unser tolles Programm voller Sensationen vorstellen", sagte gestern Zirkussprecherin Susanne Matzenau. Stattdessen musste der Tierschutzbeauftragte Frank Keller viele Fragen zum Tierwohl beantworten.

Einen Anlass hatte der Stadtrat von Chemnitz mit dem Beschluss geliefert, Wildtiervorführungen auf öffentlichen Plätzen zu verbieten. Das Regierungspräsidium hob den Beschluss zwar wieder auf - für "Krone" noch rechtzeitig vor dem Gastspiel. "Es sind aber nicht viele Städte, die uns solche Schwierigkeiten machen", sagte Frank Keller. Anderswo sei man glücklich, ein Unternehmen vom Rang wie "Krone" zu Gast zu haben. Europas größter Zirkus ist jetzt, nach dem Ende von Ringling, Barnum and Bailey in den USA, womöglich Primus der Welt. In jedem Fall verfügt "Krone" über das weltgrößte reisende Zirkuszelt, sagte Sprecherin Matzenau. Das Zelt fasst 3400 Zuschauer und steht bis Dienstag auf dem Chemnitzer Hartmannplatz. Die Wohnstadt der Artisten wurde an anderer Stelle, am Chemnitzer Küchwald, aufgebaut.

"Krone" ist nicht irgendein Zirkus, sondern das Flaggschiff der Branche. Deshalb steht er in der Auseinandersetzung um die Tierhaltung im Zirkus an vorderster Front. Seit den 1980er-Jahren, ausgehend von England und den USA, werden tatsächliche und vermeintliche Tierquälereien in Zirkussen immer wieder kritisiert. Der Ton ist kompromisslos: "Tiere sind keine Clowns zu unserer Belustigung, sondern Lebewesen mit Gefühlen und Bedürfnissen, die im Zirkus niemals auch nur annähernd erfüllt werden können", schreibt etwa Animals United zum aktuellen Chemnitzer "Krone"-Auftritt. Es gibt Argumente für diese Ansicht - aber auch Tierverhaltensforscher, die das ganz anders sehen. Für seriöse Tierlehrer, die sich intensiv mit Tieren beschäftigen und von deren Wohlergehen abhängig sind, ist der Vorwurf ohnehin ehrverletzend.

Zirkusse gelten in Deutschland nicht als Kulturgut, sondern als Gewerbebetriebe. Sie unterliegen dem allgemeinen Tierschutzrecht. Die einschlägigen Leitlinien berücksichtigen aber die "besonderen Umstände", die in Zirkusbetrieben vorliegen. Ein Zirkus wie "Krone" wird jede Woche vom Veterinäramt kon-trolliert, das Verstöße jederzeit ahnden kann. Ein Zirkuszentralregister listet alle Befunde auf, als Handhabe für künftige Gastspielorte.

Für jede Tierart gelten gesetzliche Standards, also etwa für das 40-jährige Nashorn, das Jahrzehnte im Zirkus "Barum" lebte und von "Krone" übernommen wurde, als "Barum" den Betrieb einstellte. "Krone" öffnet sich Interessenten auf vielfältige Weise, weil der Zirkus zeigen möchte, dass alles seine Ordnung hat. Der Tierlehrer Martin Lacey jr., Gewinner des "Goldenen Clowns" von Monte Carlo, bietet Info-Shows für Schulklassen an. Gestern öffnete der "Krone"-Zoo mehrere Stunden kostenlos. Die einstige "Tierschau" ist ein Beispiel für die Modernisierung des Zirkus: Es werden keine Tiere mitgeführt, die nicht auch im Programm gezeigt werden. Die Zur-Schau-Stellung als Selbstzweck gilt als unzeitgemäß. Damit noch während eines Gastspiels am nächsten Tourneeort aufgebaut werden kann und die Tiere kürzer im Transportwagen sind, unterhält der Zirkus eine zweite Garnitur an Stallungen.

Für die Münchner Zirkusfamilie um die im Sommer mit 80 Jahren verstorbene Patriarchin Christel Sembach-Krone stand ein Abschied von der Tiervorführung nie zur Debatte. Drei Bundesratsinitiativen zum "Wildtierverbot" sind bisher gescheitert. Den Versuch mancher Städte, auf öffentlichen Plätzen zu verbieten, was das Tierschutzrecht erlaubt, hält Frank Keller für einen blamablen Irrweg. "Zirkusleute, die eine Erlaubnis zur Tierhaltung haben, würden gehindert, ihren Beruf auszuüben. Und hilft es auch nur einem Tier, wenn ein schlechter Zirkus auf private Plätze ausweicht?"

Der Zirkus "Krone" gastiert bis Dienstag in Chemnitz und kehrt für ein Gastspiel in Zwickau vom 13. bis 18. September in die Region zurück.

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