Zwei Brüder lüften Geheimnisse um alte Fahrrad-Firma

Licht ins Dunkel um einen fast vergessenen Chemnitzer Betrieb wollen zwei Jugendliche bringen. Doch sie schmökern nicht nur in historischen Dokumenten.

Einer der größten Hersteller von Fahrrädern ist die Firma Speiermann, Weigel & Co. an der Uferstraße gewesen. Hunderttausende Räder, so vermuten Niklas und Lukas Fröhlich, müssen vor allem in den 1920er- und 1930er-Jahren in einer Halle im Hinterhof produziert worden sein. Neben Diamant, Wanderer und Presto gehörte der Betrieb mit dem Kurznamen Esweco damit zu den bedeutendsten vier Fahrradproduzenten der Stadt, haben die Brüder recherchiert. Sie sammeln nicht nur Räder des ehemaligen Unternehmens, sondern wollen auch dessen Geschichte beleuchten.

Doch es sei schwer, an Informationen über die Firma, die 1910 gegründet wurde, zu kommen, haben die Hartmannsdorfer festgestellt. 1942 musste das Unternehmen die Produktion der Räder wegen des Zweiten Weltkrieges einstellen. Nachdem der Firmensitz durch Bomben zerstört worden war, versuchte der Besitzer nach dem Krieg, zumindest das Geschäft mit Ersatzteilen in seiner Villa in Adelsberg wieder anlaufen zu lassen. Doch das ging nicht lange gut. "Er wurde 1949 enteignet, der Betrieb stillgelegt", so die Brüder. 1950 löschte die DDR die Firma aus dem Handelsregister.

mark gekostet. "Und das war schon ein teures. Ein Rad von Wanderer gab es nicht unter 80 Reichsmark", erläutert der 22-jährige Niklas.

Doch auch wenn die Hartmannsdorfer Brüder viele Details über die Firma wissen, die nicht nur unter dem Namen Esweco produzierte, sondern auch unter Bezeichnungen wie Escona oder Esco - Fragen haben sie viele. "Uns interessiert etwa, wie es mit der Herstellung von Rädern begann, was nach 1942 produziert wurde und weshalb sich zwei der drei Firmeninhaber vor 1920 wieder aus dem Unternehmen zurückzogen", sagt Niklas Fröhlich. Auch wie viele Räder insgesamt die Halle im Hinterhof der Uferstraße 14 bis 16, wo sich heute ein Autohandel befindet, verließen, ist ein Rätsel - trotz Besuchs im Stadt- archiv. "Vielleicht gibt es Nachfahren der Firmenchefs, von Mitarbeitern oder Händlern, die die Räder verkauften und Informationen haben", hoffen die Brüder. Was sie bereits wissen, haben sie auf der Internetseite www.esweco-chemnitz.de zusammengetragen.

Doch wie kommen die Fröhlichs zu ihrem ungewöhnlichen Hobby? Angefangen hat alles 2010, erzählen sie. Von ihren älteren Geschwistern hatten sie Diamant-Fahrräder bekommen. "Die waren irgendwann kaputt und wir kamen auf die Idee, bei einem Antik-Händler im Ort günstig ein Rad zu kaufen", erinnert sich Lukas Fröhlich. Dort hörten sie erstmals von Sammlern Chemnitzer Räder. 2012 erhielten die Brüder das erste Rad der Firma unter dem Namen "Escona". "Da ist unsere Suche losgegangen. Wir wollten mehr wissen über die Firma und haben im Internet nachgeschaut. Das war wie eine Sucht, je mehr wir in Erfahrung bringen konnten, desto mehr wollten wir wissen", sagt Niklas Fröhlich. Bald kam das zweite und dritte Rad dazu, dann der erste Katalog. Auch bei Händlern und Sammlern fragten sie. "Jeder kannte den Namen der Firma, aber sie wussten nichts darüber. Nur, dass sie groß in Chemnitz gewesen sein muss", berichtet Niklas Fröhlich.


Industriemuseum zeigt historisches Damenrad

In der Sonderausstellung "Das Fahrrad - Kultur, Technik, Mobilität" des Industriemuseums ist ein Damenrad der Firma Esweco (unter der Bezeichnung Escona) zu sehen. Es wurde um 1930 hergestellt und besitzt laut Museum Seltenheitswert.

Das Museum will Rechercheergebnisse von Niklas und Lukas Fröhlich zu der Chemnitzer Rad-Firma jenen Mitarbeitern zur Verfügung stellen, die während der Ausstellungsrundgänge Erläuterungen geben. "Bei Führungen ist immer gern noch eine Info zusätzlich gefragt", sagt Sammlungsleiter Achim Dresler. Er will auf die Internetseite der beiden jungen Hartmannsdorfer verweisen.

Seit Mitte Mai haben sich 14.500 Besucher die Schau angesehen. Der Sammlungsleiter ist damit zufrieden: "Das läuft ganz gut." Zu sehen ist die Exposition bis 29. Januar 2017.

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5Kommentare
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  • 0
    0
    EswecoChemnitz
    19.09.2016

    Eine kleine Notiz am Rande:
    Ja, wir sammeln ?erst? seit 2010, und ja, wir haben anfangs im Internet recherchiert. Aber was ?WolfgangPetry? dabei vergisst ist, dass wir die einzigen sind, die diese Marke in solch einem Rahmen sammeln. Zudem haben wir bisher alle Informationen, die bekannt sind, zusammengeführt und recherchieren weiterhin, um die Geschichte zu vervollständigen. Um auf die Aussage zu kommen ? wäre es sicherlich sinnvoller über das Fahrzeugmuseum Chemnitz den Kontakt zu den Leuten herzustellen, die sich ein paar Jahre länger damit beschäftigen?. Wir sind in Kooperation mit dem Fahrzeugmuseum, und waren bisher die einzigen, die zu jedem Fahrzeug im Museum eine klare Information geben konnten. Anders gesagt, kommt das Museum auf uns zu! Zudem sind wir der erste Ansprechpartner zur Marke, da sich niemand sonst dafür interessiert.
    Ich hoffe ich konnte hier einiges klarstellen ;)
    Und ich möchte ?WolfgangPetry? bitten, solche in meinen Augen abwertenden Kommentare zu unterlassen. Für sinnvolle und hilfreiche Informationen haben wir eine Webseite, mit einem Kontaktformular.

    Viele Grüße
    Niklas Fröhlich

  • 2
    4
    WolfgangPetry
    10.08.2016

    Sage ja, nichts gegen Neueinsteiger. Kann man alles machen. Finde ich toll. Es gibt nur auch Sammler die sich mit solchen Rädern und Firmen seit Jahrzehnten befassen, Archive von Dachböden gerettet und Informationen zusammengetragen haben. Wenn man die fragt könnte so ein Artikel doch deutlich spannenderer werden.

  • 2
    0
    Blackadder
    10.08.2016

    @Wolfgang: Soweit ich weiß, besteht durchaus Kontakt zum Fahrzeugmuseum ;-)

  • 5
    0
    bicicleta
    10.08.2016

    Erst lesen, dann meckern. Es geht den Jungs nicht nur um Fahrräder, sondern um die Firma insgesamt.
    Was stört Sie an der Recherche im Stadtarchiv?

  • 2
    5
    WolfgangPetry
    10.08.2016

    Schon seit 2010 sind sie dabei, im Internet zu suchen was andere über eine seit fast 70 Jahren tote Marke aus alten Papieren recherchiert und veröffentlicht haben, mit der Stange im Nebel... Nichts gegen Neueinsteiger, aber falls mal wieder über Presto oder Diamant geschrieben werden soll wäre es sicherlich sinnvoller über das Fahrzeugmuseum Chemnitz den Kontakt zu den Leuten herzustellen, die sich ein paar Jahre länger damit beschäftigen, teilweise länger als es das Internet gibt ;)



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