Balanceakt über dem Kurpark

Fünf-Mann-Pyramide, Rückradfahren und eine 72-Jährige die sich übers Hochseil tragen lässt: Die Geschwister Weisheit haben dem Publikum in Thermalbad Wiesenbad jede Menge geboten.

Thermalbad Wiesenbad.

Den gestrigen Sonntag wird Renate Richter aus Dörfel so schnell nicht vergessen. Als sie das Kurparkfest in Thermalbad Wiesenbad besuchte, hörte sie, dass die Geschwister Weisheit gern zwei Zuschauer über das Hochseil tragen würden. Freiwillige vor - hieß es. "Ich bin für so etwas Verrücktes immer zu haben", gibt Richter zu, die noch in diesem Monat ihren 73. Geburtstag feiert. Also sprach sie die Weisheits an und stieg zum Abschluss der gut 45-minütigen Vorstellung mit Absatzschuhen das Gerüst nach oben - in diesem Moment durch ein Seil gesichert. Sie benötigte etwas länger als die deutlich jüngere Annegret Matschke aus Falkenbach - die zweite Freiwillige.

"Wir sind generell sehr sportlich, halten uns fit", sagte Renate Richter nachdem sie wieder festen Boden unter ihren Füßen hatte. "Ich fahre Ski, gehe ins Fitnessstudio und fahre Fahrrad - alles mit meinem Lebensgefährten." Weil am Hochseil alles so schnell gegangen sei, kam auch gar nicht erst Lampenfieber auf. "Ich habe mich die ganze Zeit sehr sicher gefühlt", sagt die 72-Jährige, die nach ihrem Auftritt stolz und überglücklich ihren Besuch im Kurpark fortsetzte.

Viele andere Gäste gingen zunächst auf Autogrammjagd. Denn die Show der Geschwister Weisheit hatte zuvor für Gänsehaut und Begeisterung gesorgt. Es war allerdings keine euphorische Begeisterung. Steve Weisheit, der zuvor Glanzleistungen unter freiem Himmel zeigte, fand das nicht weiter schlimm: "Das liegt am etwas höheren Durchschnittsalter des Publikums. Kommen viele Junge wird laut und lang anhaltend applaudiert. Die Älteren schauen eher interessiert zu und kommen gar nicht so zum Klatschen." Trotzdem sei das Publikum super gewesen, die gespannte Atmosphäre wunderbar. Über weite Strecken war es mucksmäuschenstill im Park. Es schien fast so, als hätten die Gäste Angst, dass schon zu lautes Atmen, die Pyramiden in schwindelerregender Höhe zum Einsturz bringen. Zu den grandiosen Momenten gehörte etwa eine Fünf-Mann-Pyramide, die die beiden Oberfrauen mit einem Spagat krönten.

Eine andere schwierige Darbietung war das sogenannte Steigerrad. Dabei fährt einer der Artisten auf dem Hinterrad eines Fahrrades über das Hochseil und sitzt dabei auf dem Lenker.

Los allerdings ging es mit den Jüngsten der Weisheits. Der erst vierjährige Charly tanzte gemeinsam mit seinem Opa Peter Mario über das Seil. In der Mitte krabbelte er bei ihm sogar durch die Beine. Der zehnjährige Friedrich bewies, dass er ebenfalls Artistenblut in sich trägt und lief allein über das Seil.

Eine angenehme Moderation erklärte die Besonderheiten und stimmte die mehreren hundert Besucher, die bei Sonnenschein und leichtem Wind das Programm genossen, auf die nächsten Showteile ein. Apropos Wind: "Der stellt, wenn er gleichmäßig ist, kein Problem dar", sagt Steve Weisheit: "Schwierig wird es, wenn es Windböen sind, denn die sind unberechenbar."


Für den Freund entschieden

Katrin Weisheit hat vor zehn Jahren dem Hochseil und dem Artistenleben ade gesagt. Das war nicht einfach, erzählt sie Katja Lippmann-Wagner.

Freie Presse: Wenn Sie sich die Show ansehen, haben Sie da Angst?

Katrin Weisheit: Angst vielleicht nicht, aber ich gebe schon zu, dass es für mich als Zuschauer aufregender ist, als selbst mitzumachen. Schwere Unfälle kommen glücklicherweise nicht vor, aber es kann schon passieren, dass mal einer ins Netz fällt.

Warum haben Sie vor zehn Jahren aufgehört?

Ich musste mich damals zwischen meinen zwei großen Lieben entscheiden. Für meinen Freund, mit dem ich auch heute noch glücklich zusammen bin, war diese Art des Lebens nichts.

Der Abschied vom Artistenleben ist Ihnen also nicht schwer gefallen...

Oh doch. Die ersten beiden Jahre waren hart. Da konnte ich mir auch keine Show anschauen. Es ist dann aber wieder besser geworden. In Thermalbad Wiesenbad haben wir sogar unseren Urlaub verbracht, weil die Familie gesagt hat, dass es hier so schön ist. Also sind wir mit unserem Wohnwagen hergefahren.

Womit verdienen Sie heute ihren Lebensunterhalt?

Ich arbeite als Betreuerin in einer Werkstatt für Behinderte. Gelernt habe ich Maßschneiderin. Unser Vater wollte, dass wir alle neben der artistischen Tätigkeit einen "bürgerlichen" Beruf lernen, damit keiner nach seiner Artistenkarriere mit leeren Händen und ohne Zukunft da steht.

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