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Rudolf Kombosch aus Bayern zeigt im Depot Pohl-Ströher in Gelenau, wie er Eier mit blumigen Arrangements aus Frauenhaaren schmückt.

Foto: Wolfgang Thieme

Das Haar im Ei

Wer zu Ostern das Pohl-Ströher-Depot in Gelenau besucht, sollte seine Brille oder gleich eine Lupe dabei haben. Unter 1500 Eiern sind 30 Raritäten, die durch Haare zu Kunstwerken wurden.

Von Gabi Thieme
erschienen am 15.04.2017

Gelenau. Rudolf Kombosch kann mit Stricknadeln umgehen, ohne je ein Paar Socken gestrickt zu haben. Er gestaltet Blüten, ohne Blumenbinder zu sein. Seine Großeltern besaßen ein Frisörgeschaft, doch er entschied sich für eine kaufmännische Lehre. Zudem ist er Erfinder, ohne Techniker zu sein. Der 55-jährige AOK-Angestellte aus Günzburg in Bayern bereichert mit seiner "Erfindung" eine Osterschau im Erzgebirge, genauer im Pohl-Ströher-Depot in Gelenau. Unter den dort gezeigten 1500 mit unterschiedlichsten Techniken kunstvoll gestalteten Eiern aus der Sammlung der Wella-Erbin Erika Pohl sowie von Leihgebern aus Dresden, Gera und Chemnitz sind auch 80 aus der Sammlung beziehungsweise der Hobby-Werkstatt von Rudolf Kombosch.

Der ist nach eigenen Aussagen der einzige, der in Deutschland Ostereier mit menschlichen Haaren füllt und ausgestaltet. Dazu halbiert er die Eier senkrecht, macht sie mit winzigen Scharnieren zu einer Art Schmuckdose und platziert darin seine "Haararbeiten". Es sind zumeist Blumenranken, Blüten und Zweige, die er aus braunen und blonden Frauenhaaren zaubert. In feinsten Strähnen wickelt er das Haar über Stricknadeln und zieht die dabei entstehenden winzigen Locken dann auf ganz dünnen Blumenbindedraht. Die so gezauberten Blüten arrangiert er zu kleinen Blumengebinden und setzt sie in das Ei.

Dieses von der Schweizerin Irma Baumann kunstvoll mit Haaren umklöppelte und verzierte Ei stammt aus der Sammlung Kombosch.

Foto: Wolfgang Thieme

Unendlich viel Geduld, eine ruhige Hand und Fantasie brauche man, sagt Kombosch. Das Schwierigste aber sei, die Eier aufzuschneiden. Hühnereier aus Stallhaltung würden sich wegen der dünnen Schale nicht eignen, höchstens die von Freilandhühnern. Am besten zersägen ließen sich Enten- und Straußeneier. Kombosch spannt dazu auf seine Bohrmaschine einen mit einem Diamanten besetzten Aufsatz, wie ihn Zahnärzte verwenden. Am vergangenen Wochenende führte er drei Tage in Gelenau vor, wie dann die Eier "gefüllt" werden.

Ins Erzgebirge war er zum ersten mal vor drei Jahren gekommen. Er hatte von der "Manufaktur der Träume" in Annaberg-Buchholz gehört, die für die Volkskunstsammlung von Erika Pohl-Ströher gebaut worden war. Jene kleine unscheinbare Frau, die vor reichlich zehn Jahren auf einem Ostereiermarkt in der Schweiz an seinem Stand aufkreuzte. "Es war einer der ganz exklusiven Eiermärkte, für die man nur per Jury-Entscheid zugelassen wurde, wenn man etwas ganz Besonderes anzubieten hatte", erzählt Kombosch. Sammlerin Pohl habe bei ihm gleich mehrere Eier gekauft, "und es waren nicht die Billigsten". Erst hinterher habe ihm jemand gesagt, wer die ältere Dame war.

In der Manufaktur der Träume, "die mich wirklich fasziniert hat", habe er dann einen Flyer entdeckt, der ihn auf das Depot in Gelenau aufmerksam machte. "Das war aber schon wieder zu, weil Ostern vorbei war. Ich rief trotzdem an, und Depotleiter Michael Schuster lud mich ein, vorbei zu kommen. Ich wollte eigentlich nur sehen, ob Eier von mir zu den Pohlschen Beständen dort gehörten." Kombosch fand tatsächlich ein Exemplar wieder.

Der Besuch wurde zum Beginn einer Partnerschaft. 2016 steuerte Rudolf Kombosch erstmals Eier seiner eigenen, etwa 1500 Stücke umfassenden Sammlung als Leihgaben bei. Diesmal nun gab er "Haararbeiten" ins Erzgebirge. "Einfach, um auch ein bisschen über diese Volkskunst aufzuklären, die einst fast so verbreitet wie Häkeln, Stricken und Klöppeln war", sagt der Bayer.

Ein Ansinnen, das auch vom Museum für Sächsische Volkskunst in Dresden unterstützt wird, das ein Haarbild als Leihgabe nach Gelenau gab. Direktor Igor Jenzen weiß, dass Haararbeiten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sehr verbreitet waren und sowohl von Laien als auch von professionellen Heimarbeiterinnen angefertigt wurden. Die in ganz Europa verbreitete Mode, Haare eines geliebten Menschen zum Beispiel als Hals-, Arm- oder Uhrenband bei sich zu tragen oder als gestaltetes Bild aufzustellen, sei erst mit dem Aufkommen der Fotografie abgeebbt. "Mitte des 19. Jahrhunderts arbeitete in Dresden eine Fotografin, die zuvor Haararbeiten angefertigt hatte", erzählt Jenzen. Für ihn sind Haararbeiten "exotisch, weil nur noch relativ selten zu sehen" - erst recht im oder auf dem Ei.

Rudolf Kombosch, der anfangs nur Eier sammelte, ließ sich die Haararbeiten-Technik von einer inzwischen verstorbenen alten Dame in seinem bayrischen Landkreis Günzburg beibringen - zu einer Zeit, als die Frau schon fast erblindet war und deshalb gern ihr Wissen weitergab. Erst nach vielen Fehlschlägen und zerbrochenen Schalen habe er sich dann in die Öffentlichkeit gewagt, bereiste als Aussteller und Sammler ausgewählte Ostermärkte zwischen Genfer See und Frankfurt am Main, die es inzwischen aber kaum noch gibt. Dort traf er auch auf die Schweizerin Irma Baumann, "eine Meisterin der Haarklöppeltechnik", wie er sagt. Ein von ihr mit Haaren umklöppeltes Ei, das Kombosch erwarb, gehört zu den kostbarsten in der Gelenauer Osterschau. Der Günzburger bedauert, dass es kaum noch einen Markt für solche filigranen Kostbarkeiten gibt. "Die Wertigkeit wird nicht mehr gesehen, und die alten Sammler sterben weg. Leben kann man von so einem Hobby ohnehin nicht."

Die Osterschau in Gelenau ist noch bis 30. April immer Freitag bis Sonntag sowie am Ostermontag von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

 
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