Defa-Film bringt Geyersche ins Kino

"Die Squaw Tschapajews" entstand teils in der Stadt und mit hiesigen Laiendarstellern. Für das Stadtfest wurde der Streifen wieder ausgegraben.

Geyer.

Die Bingestadt Geyer und ihre Einwohner zieren so manches Foto. Auf ungezählten Schnappschüssen dürften sie in zurückliegenden Jahrzehnten abgelichtet sein, auch Filmmaterial ist sicher jede Menge entstanden. Doch ein Projekt ragt heraus und soll deshalb anlässlich des großen Stadtfests, das heute beginnt, eine besondere Rolle spielen. "Anfang der 1970er Jahre drehte das Defa-Spielfilm-Studio Potsdam-Babelsberg in unserer Bergstadt einen Großteil der Außenaufnahmen für einen Kinderfilm. Er trug den Titel ,Die Squaw Tschapajews' und wurde vom DDR-Lichtspielbetrieb Progress in die Filmtheater gebracht", erzählt Organisationschef Andreas Fischer. Am Montag wird der Streifen bei einem Programm unter dem Motto "Geyer fotogen und filmreif" zu sehen sein.

"Seinerzeit war eine größere Gruppe Einheimischer als Komparsen dabei. Daher erwachte bei uns der Ehrgeiz, diesen Film als ein besonderes Schmankerl aufzuführen", sagt Fischer. Es dürfte Jung und Alt Freude bereiten, diese 45 Jahre alten Aufnahmen zu sehen. Nicht nur den Film hat Andreas Fischer aufgestöbert, sondern auch so manchen seinerzeit engagierten Einheimischen.

Mit dabei wird etwa Beate Dabel sein. "Ich gehörte zur Gruppe der Indianer", erinnert sich die heutige Zahnärztin. Dass die Geyerschen überhaupt zum Film kamen, sei Regisseur Gunter Meyer zu verdanken. Dieser stamme aus dem Erzgebirge und habe den Entschluss gefasst, beim Film zu arbeiten und auch seine Heimat in Szene zu setzen. Und so wählte er für diesen Streifen Geyer und Umgebung als Schauplatz aus.

Anfang 1972 wurde der Schulspeisesaal der damaligen Polytechnischen Oberschule zum Casting-Raum. "Ich ging in die 5. Klasse. Unser gesamter Jahrgang musste dort auf- und an ihm vorbeilaufen, bestimmte Tätigkeiten nachspielen", erinnert sich Beate Dabel. Für sie unvergessen: "Ich hatte damals eine West-Jeans bekommen, die hatte ich in der Schule an. Und die gefiel den Filmleuten. So verlangten sie, dass ich sie auch gleich zum Dreh in der Binge anbehalte, eben westernmäßig. Ausgerechnet so ein für den DDR-Bürger wertvolles Kleidungsstück zum Rumtoben nutzen? Das wollte ich nicht. Jetzt verpassten mir die Kostümbildner ein gelbes Kleid mit Punkten. Ausgerechnet mir, die ich nie einen Rock trug und mit den Jungs herumtobte."

Dass sie als Indianerin verpflichtet worden ist, verdankte sie aber ihrer langen Haarpracht. Beate Dabel erzählt, dass im Bingegelände Geländespielaufnahmen gedreht wurden. "Die jugendlichen Hauptrollen übernahmen eine Handvoll Schüler, die vorher in Berlin ausgewählt worden waren. Wir Geyerschen übernahmen keine Sprechrollen, durften allenfalls mal einen Satz sagen. Wir schnitzten beispielsweise Pfeil und Bogen, bewarfen uns mit Grasbüscheln", berichtet sie. Später seien acht Kinder aus Geyer auch zu Innenaufnahmen nach Babelsberg ins Studio eingeladen worden. Dort wurden etwa Klassen- und Familienszenen gedreht. Beate Dabel war dabei und erinnert sich: "Das Größte: Wir sind Gojko Mitic begegnet."

In einem Ordner hat sie Fotos und Zeitdokumente von damals aufgehoben, zum Beispiel die Einladung der Defa nach Babelsberg. Lachend gibt sie auch ihre Gage preis: "5 Mark der DDR gab es pro Aufnahmetag, und so brachte mir der Dreh 305 Ostmark ein. Für eine Schülerin ein schönes Sümmchen."

Für das Kino-Projekt haben die Organisatoren des Stadtfests, das unter anderem 550 Jahre Stadtrecht zum Anlass hat, unzählige Telefonate geführt, viele E-Mails und Briefe geschrieben. Vor-Ort-Termine gehörten auch dazu. "Eine Videokopie vorzuführen, wäre am einfachsten gewesen. Doch wir wollten das Kinoerlebnis bieten", sagt Andreas Fischer. Und so wird der Streifen auf einer 35-Millimeter-Farbfilmkopie mit Vorführapparaten jener Jahre zur Aufführung gebracht.

Der DEFA-Film "Die Squaw Tschapajews" wird am Montag zweimal im Haus des Gastes Geyer gezeigt. 9.30 Uhr für Kinder und ab 19 Uhr für Erwachsene. Nach der Abendvorstellung gibt es eine Gesprächsrunde mit Laiendarstellern und Machern. Zur Handlung: Im Mittelpunkt stehen zwei DDR-Schülergruppen, die ihre Talente messen. Wer ist geschickter beim Geländespiel? Doch wer versteht es auch, die Matheaufgaben zu lösen? Sowohl die Truppe der Indianer als auch Tschapajews Reiterarmee müssen Bewährungsproben bestehen. Im Ergebnis wird klar, dass die Schüler nicht nur beim Spielen zusammenhalten, sondern auch im schulischen Alltag gemeinsam um gute Leistungen ringen sollten.

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