Den Wolken am nächsten

Ab 1889 beobachtete der Wirt vom Fichtelberg unregelmäßig das Wetter. Am 1. Januar vor 100 Jahren begannen Meteorologen ihren Dienst in einer neu erbauten Wetterwarte. Bis heute liefert sie wichtige Daten - doch die Jahre der Station sind gezählt.

Oberwiesenthal. Das Kalenderblatt zeigt den 31. Dezember 1978. Gerd Franze ist mit gerade einmal 22 Jahren beruflich am Ziel. Zwei Monate zuvor war er nach erfolgreicher Ausbildung zum Technischen Assistenten für Meteorologie beim Wetterdienst der DDR eingestellt und an seinen "Traumort" versetzt worden: in die 1215 Meter hoch gelegene Wetterstation auf dem Fichtelberg. Der aus Forchheim stammende Erzgebirger kannte die Bergwetterwarte längst, hatte hier Praktika absolviert und seine Abschlussarbeit geschrieben. "Auf den rauen Berg wollte keiner, deshalb klappte es so schnell mit der Stelle", erinnert sich der Wetterwart.

Dann kam besagtes Silvester. Gerd Franze, einer von sechs Mitarbeitern, hatte ab 19 Uhr allein Dienst. Das Fichtelberghaus nebenan war geschlossen. Die Schwebebahn fuhr nicht, weil Sturm der Stärke 11 blies. "Schnee lag kaum. Ich war ganz allein auf dem Berg und hatte mir schon überlegt, wie ich mit mir selbst anstoßen soll", erzählt Franze. Den ganzen Tag hatten Plusgrade geherrscht. Um 21 Uhr registrierte er plötzlich minus sieben Grad. "Der Wind hatte sich gelegt. Auf einmal wurde es stockdunkel im Haus. Der Strom war ausgefallen, und aus allen Ecken vernahm ich ein Knacken und Knistern. Es war unheimlich", erinnert sich Franze. Er habe sich eine Kerze angezündet und sei raus zur Wetterhütte gegangen. Innerhalb einer Stunde war das Thermometer auf minus 23 Grad gefallen. Am nächsten Morgen zeigte es minus 28 Grad an - die zweitkälteste Temperatur, die je auf dem Berg gemessen wurde. Da war klar, dass es durch den Temperatursturz in dem hölzernen Bau so gekracht hatte. Es war jene Silvesternacht, in der viele Menschen zwischen Ostsee und Erzgebirge den Jahreswechsel ohne Strom verbringen mussten.

"So eine Situation habe ich nie wieder erlebt. Sie war vergleichbar mit einem Blizzard, wie er in Nordamerika häufig, in hiesigen Breiten aber eigentlich nicht vorkommt", sagt Franze. Der heute 56-Jährige arbeitet, nachdem er ab 1984 noch ein Ingenieurstudium absolvierte, nach wie vor auf dem höchsten Berg Ostdeutschlands - so lange wie keiner der 18 Wetterwarte vor ihm. Seit 1981 leitet er die Station, die seit dem 1. Januar 1916 Daten zum Wetter erfasst.           

1913 hatte der Sächsische Landtag das Geld für den Bau bewilligt. Darauf gedrängt hatte Paul Schreiber, der Direktor des Meteorologischen Instituts Chemnitz. Er hielt "den Messstandort für die Fortschritte der Wissenschaft von höchstem Wert". Im August 1914 erfolgte die Grundsteinlegung. Die Reihe bestehender Bergobservatorien am Hohen Peißenberg (Bayern) seit 1781, auf dem Brocken seit 1895 sowie auf der Schneekoppe und der Zugspitze seit 1900 sollte durch eine repräsentative Station in der Nähe der Sächsischen Landeswetterwarte Dresden ergänzt werden. Seit 100 Jahren liegen nun lückenlos Beobachtungen der Fichtelbergwetterwarte vor - auch aus der Zeit beider Weltkriege.

Seit fast 35 Jahren wohnt Franze in der Station, in einer Dienstwohnung - wie alle Leiter vor ihm: mit seiner Frau Kerstin, die zugleich zu seinen fünf Mitarbeitern gehört. Jeder verrichtet am Stück zwölf Stunden Dienst. Alle Daten zum Wetter werden rund um die Uhr und sieben Tage die Woche erfasst, die meisten davon halbstündlich per Computer an die Zentrale des Deutschen Wetterdienstes (DWD) übermittelt.

Drei Kinder zogen die Franzes an dem ungewöhnlichen Ort auf, der seit ihrer Hochzeit 1987 auch ihr Lebensmittelpunkt ist. Allerdings hatte ihr Nachwuchs keine so beschwerliche Kindheit wie die drei Steppkes des vorherigen Leiters Horst Gäbler, der die Stadion von 1950 bis 1981 quasi als höchster Mann der DDR leitete.        

Eine seiner Töchter, Brigitte Roscher, Jahrgang 1951, wohnt noch in Oberwiesenthal. Sie denkt oft zurück an das Leben auf dem Berg. "Als meine Schwester im Juni 1956 geboren wurde, kam die Hebamme mit ihrem Moped nicht durch den Schnee", erzählt sie und bestätigt damit, was auch Gerd Franze erfahren musste: Auf dem Fichtelberg hat es in jedem Monat schon geschneit - selbst im Juli und August.   

Als Brigitte Roscher und ihre Geschwister die Schule unten in Oberwiesenthal besuchten, fuhr noch kein Schulbus. "Im Sommer rannten wir morgens zu Fuß ins Tal, im Winter nahmen wir die Skier." Der Rückweg über die mehr als 300 Höhenmeter war deutlich beschwerlicher - zumindest wenn die Schwebebahn nicht fuhr. "Wenn wir etwas vergessen hatten, wurden wir im Unterschied zu den Klassenkameraden nie nach Hause geschickt, um es zu holen. Und wenn wir zu spät kamen, hatten wir immer eine glaubwürdige Ausrede." Einmal habe sie im Winter ein Nebelmeer so fasziniert, dass sie und ihr Bruder zwei Unterrichtsstunden versäumten. "Der Nebel war wie mit dem Messer abgeschnitten, darüber lagen die klaren warmen Luftmassen. Mal ließen wir nur unsere Köpfe oben rausgucken, dann wieder den ganzen Oberkörper. Wir tummelten uns in der Nebelschicht wie in einem Gewässer. Es war ein irres Spektakel."    

Brigitte Roscher kann sich auch an einen Kugelblitz erinnern, der die Familie beim Essen schockte. Er war durch ein Loch für das Fernsehkabel im Fensterrahmen ins Zimmer gelangt und entlud sich an der Antenne. Zu jener Zeit war das denkmalgeschützte Gebäude der Wetterwarte längst nicht so gut gegen Blitzeinschläge geschützt wie heute. Immer wieder fielen deshalb Licht und Geräte aus. Speziell für die Technik gibt es erst seit reichlich zehn Jahren einen besonderen Blitzschutz.

Anfang der 1960er-Jahre, so erzählt Brigitte Roscher, sei ein Sturm so heftig gewesen, dass er zwei Drittel der Holzverkleidung der Station und deren Windmesser wegriss. Er habe sogar die Wohnzimmerfenster samt Rahmen nach innen gedrückt. Ein Ereignis, das Gerd Franze heute als Tornado einstuft. Als Brigitte Roschers Eltern 1981 nach 31 Dienstjahren ins milde Elbtal zogen und sie nach Neudorf heiratete, sei sie zehn Jahre lang nicht mehr auf dem Berg gewesen. "Es tat so weh und ich dachte immer: Jetzt lebt ein Fremder in unserer Wohnung. Dabei kannte ich Gerd Franze und hielt ihn immer auch für einen würdigen Nachfolger meines Vaters." Heute hilft sie ihm bei der Vorbereitung einer kleinen Ausstellung zum 100-jährigen Bestehen der Wetterwarte, das allerdings erst im Mai im Rahmen der internationalen Annaberger Klimatage begangen wird.            

Bis heute beobachtet Franzes Team rund um die Uhr das aktuelle Wettergeschehen und liefert so wichtige Daten nicht nur für Vorhersagen, sondern auch für Klimastatistiken. So profitiert auch die Forschung davon, die im Zuge des Klimawandels immer aufwendiger betrieben wird. Die meisten Daten werden automatisch von Messgeräten erfasst, einige aber noch durch Augenbeobachtungen der Meteorologen und Messungen per Hand ergänzt. Dazu gehört die Schneehöhe, für deren Erfassung 16 Schneestandpegel auf dem Bergplateau verteilt sind.   

Für Gerd Franze ist ein schneeloser Dezember wie dieser kein Novum. "Das gab es immer mal wieder." Der meiste Schnee würde ohnehin immer erst Ende Februar oder im März liegen. Allerdings, so räumt er ein, gingen die Winter eher zu Ende. Damit kommt auch der Frühling zeitiger - eine Jahreszeit, die sein Vorgänger Horst Gäbler auf dem Dach Sachsens schmerzlich vermisste. Erwärmt habe sich im Verlauf der Jahrzehnte der Herbst, "allerdings mit großen Ausschlägen nach oben und unten", stellt Franze fest. Seiner Wetterwarte kommen - bedingt durch die Lage auf dem Erzgebirgskamm an der Grenze zu Böhmen - noch weitere Aufgaben zu. So wird auf dem Fichtelberg auch das Wachstum der Pflanzen im Jahresverlauf beobachtet sowie die Umweltbelastung durch Schwefeldioxid und Ozon gemessen.        

Obwohl der Deutsche Wetterdienst bestätigt, dass "eine Kombination aus Mensch und Technik heute den hohen Qualitätsstandard des DWD sichert", und sich kaum ein Land so viel Personal zur Wetterbeobachtung leistet, sind die Jahre der bemannten Stationen gezählt. Nach jetzigen Planungen soll die Wetterwarte auf dem Fichteleberg ab 2019 vollautomatisch arbeiten. 2014 war ihr deshalb der erst fünf Jahre zuvor verliehene Status einer Klimareferenzstation aberkannt worden. Bis 2021/22 sollen alle DWD-Stationen in Deutschland in das dann vollständig automatisierte Messnetz inte-griert sein, das aber weiterhin aus 183 Stationen besteht.

Gerd Franze, der dann fast 60 Jahre alt sein wird, macht sich heute noch keine Gedanken über die Zeit danach: "Das Wetter war immer auch mein Hobby. Das wird es in jedem Fall bleiben."

 

Meteorologische Rekorde auf dem 1215 Meter hohen Gipfel

Der stärkste Sturm blies am 3. Januar 1976 mit Spitzen von 216 Kilometer pro Stunde um die Wetterwarte und brachte dabei auch den Turm ins Wanken. Kyrill am 18. Januar 2007 blies mit 183 Stundenkilometern.

Die kälteste Temperatur wurde am 9. Februar 1956 mit minus 30,4 Grad gemessen. Es gab seither nie wieder einen Monat, der so stark vom Monatsmittel abgewichen ist.

Die wärmste Temperatur wurde mit 30,8 Grad Celsius am 27. Juli 1983 erfasst. 1957 und 2012 gab es 30,6 Grad.

2015 wurde ein Rekord gebrochen: Erstmals gab es auf dem Fichtelberg 13 Sommertage mit Temperaturen von über 25 Grad. Bisher standen 9 Sommertage 1947 zu Buche.
Die meisten Nebeltage wurden 1951 erfasst: 315. Im Durchschnitt gibt es 280 Tage im Jahr auf dem Berg Nebel.

Die Jahresmitteltemperatur lag über Jahrzehnte hinweg bei 2,7 Grad Celsius. Im Mittel der letzten 30 Jahre hat sie sich auf 3,7 Grad erhöht.

Den frühesten Wintereinbruch gab es am 4. September 2007. Am längsten weiß war es am 18. Juni 1967.

Am höchsten lag der Schnee am 24. und 29. März 1944 mit 3,35 Meter. Insgesamt gibt es bei den Schneehöhen in allen Jahrzehnten starke Schwankungen. Weihnachten 2015 ist nicht das erste schneelose Jahr.

Das sonnenscheinreichste Jahr war 2003 mit 1970 Stunden. (gt)

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
2Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.

  • 0
    0
    aussaugerges
    29.12.2015

    Ein schöner Bericht.

  • 0
    0
    1212178
    28.12.2015

    Gibt es noch einen Hinweis auf die Ausstellung im Mai? Wäre interessiert.



Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
Mehr erfahren Sie hier...