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Foto: Revo Sax

Erhoffte Hilfe nach Todesfall bleibt aus

Nachdem seine Mutter verstorben war, musste Axel Spindler Formalitäten regeln. Er brauchte einen Arzt, der einen Totenschein ausstellt. Er dachte, dass ihm die Rettungsleitstelle helfen kann, wie das bisher möglich war. Doch seit einem Wechsel nach Chemnitz ist das in solchen Fällen vorbei.

Von Annett Honscha
erschienen am 15.05.2018

Annaberg-Buchholz/Wiesa. Gefasst spricht Axel Spindler über den 4. April 2018. Ein Datum, das für ihn immer bedeutsam sein wird. An jenem Tag ist in den frühen Morgenstunden seine Mutter verstorben. "Meine Schwester war bei ihr in Wiesa", erzählt er. Als sie ihn benachrichtigte, sagte er, dass er gleich hinkommen wird. "Meine Mutti wäre eigentlich mit auf meiner Tour gewesen", erzählt der Mitarbeiter eines Pflegedienstes. Doch dann sollte alles anders sein. Eine Ausnahmesituation, in der trotzdem viele Formalitäten zu regeln sind. Aber das führte zu Hindernissen, mit denen Axel Spindler nicht gerechnet hatte. Die Suche nach einem Arzt, der einen Totenschein ausstellt, erwies sich als schwierig. Die erhoffte Hilfe von der Rettungsleitstelle in Chemnitz, die seit März mit für die Region Annaberg zuständig ist, blieb aus.

Jener 4. April 2018 war der Mittwoch nach Ostern. Der Hausarzt von Axel Spindlers Mutter hatte Urlaub, wie er sagt. Die Vertretung konnte er nicht erreichen, da die Praxis erst später öffnete. Auch eine weitere Ärztin, die er kannte, sei im Urlaub gewesen. Unter der Rufnummer 116117 für den ärztlichen Bereitschaftsdienst kam nur eine Ansage, weil er außerhalb der Bereitschaftszeiten anrief. Hilfe versprach sich der Annaberger daher von der Rufnummer 19222, um die Rettungsleitstelle zu erreichen. Er kannte das durch seine Arbeit beim Pflegedienst. "Früher in der Annaberger Rettungsleitstelle wurde in solchen Fällen ein Arzt, der infrage kommt, herausgesucht und der Kontakt hergestellt", schildert er. Dann habe der Disponent oder der Mediziner selbst zurückgerufen, sodass man etwas ausmachen konnte.

Am 4. April ging es Axel Spindler nicht um Eile. Er wollte nur klären, welcher Arzt wann kommen kann, um den Totenschein auszustellen. Das sei auch für den Bestatter wichtig. Doch weitergeholfen wurde ihm in der Integrierten Regionalleitstelle für Feuerwehr und Rettungsdienst (IRLS) in Chemnitz nicht. Es habe ein Hin und Her am Telefon gegeben - ohne Ergebnis. Es wurde kein Kontakt vermittelt. "Der Disponent rief mich sogar noch mal an und wies darauf hin, dass ich nun als Pflegedienstmitarbeiter verantwortlich sei, die Ärzte abzutelefonieren", schildert er. Er findet das pietätlos - auch wenn er aufgewühlt gewesen und mal lauter geworden sei. "Aber meine Mutter war gestorben." Im Übrigen regelt ein Gesetz, wer in solchen Fällen die Formalitäten regeln muss: die Angehörigen.

Hilfe, wie sie Axel Spindler sich erhofft hatte, kann es mit dem Wechsel der Leitstelle indes nicht mehr geben. In der Chemnitzer Einrichtung liegen keine Dienstpläne des kassenärztlichen Bereitschaftsdienstes vor. Mit der Übernahme des Bereiches Annaberg in die IRLS Chemnitz habe sich die Kassenärztliche Vereinigung entschieden, ihren Bereitschaftsdienst über eine eigene Vermittlungsstelle zu disponieren, erklärt Boris Altrichter, Geschäftsführer vom Rettungszweckverband Chemnitz-Erzgebirge, nach Rücksprache mit Verantwortlichen. Das sei schon im Bereich Chemnitz üblich, soll künftig in ganz Sachsen so sein. Die Mitarbeiter der an die Berufsfeuerwehr Chemnitz angegliederten Leitstelle könnten sich daher auch nur über allgemein zugängliche Quellen informieren. Doch auf der Internetseite der Kassenärztlichen Vereinigung stößt man bei der Bereitschaftsdienstsuche von Allgemeinmedizinern in der Region nur auf die zentrale Nummer 116117.

Generell könnte die Chemnitzer Leitstelle Vermittlungsdienste, die nicht zu ihren Pflichtaufgaben gehören, nach Einschätzung von Altrichter aber auch gar nicht leisten. Das ließe die ihr "zugestandene personelle Besetzung" nicht zu, ohne die Annahme von Notrufen zu gefährden - so sehr es wünschenswert wäre, dass Bürgern in solch schwierigen Lebenssituationen Hilfestellung gegeben wird. "Insgesamt ist der Vorgang bedauerlich", erklärt er. Und weiter: "Der geschilderte Fall ist leider kein Einzelfall." Doch weder Rettungsdienst noch Rettungsleitstelle hätten die Macht, daran etwas zu ändern. "Ein gravierendes Problem ist, dass sich die Dienstzeit des Bereitschaftsdienstes auf die sprechstundenfreien Zeiten beschränkt", so Altrichter. Wer tagsüber seinen Hausarzt nicht erreiche, für den gebe es keine Anlaufstelle. Wohl ein Grund, weshalb Notaufnahmen und Rettungsdienste von Patienten überflutet würden, die diese Einrichtungen eigentlich gar nicht benötigen.

Und was hat Axel Spindler gemacht? Er erreichte durch Kontakte den mit über 90 Jahren ältesten frei niedergelassenen Arzt in der Region. "Wir haben ihn abgeholt - und er hat den Totenschein für meine Mutti ausgefüllt", schildert er. Es sei aber ein Unding, dass in der Rettungsleitstelle keine Liste mit Bereitschaftsdiensten mehr vorliegt. Nicht nur Privatleute, sondern auch Pflegedienstmitarbeiter würden in solche Situationen kommen. "Und dann?"

Die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen sieht keinen Änderungsbedarf. Der Bereitschaftsdienst, zu erreichen unter Ruf 116117, sichere die ambulante medizinische Versorgung außerhalb der üblichen Praxissprechzeiten ab. Im Allgemeinen von 19 bis 7, mittwochs ab 14 Uhr sowie an Sonn- und Feiertagen. Geht es danach, hätte Axel Spindler nach dem Tod seiner Mutter Stunden mit einem Anruf warten oder Arzt für Arzt abtelefonieren müssen.

 
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