Gelber Engel fährt in den Ruhestand

Er war 27 Jahre lang Mister ADAC im Altkreis Annaberg: Joachim Martin. In dieser Zeit hat er auf den Straßen der Region schlimme, aber auch lustige Dinge erlebt, die er nie vergessen wird. Ebenso wenig wie den 1. Februar 1998.

Annaberg-Buchholz.

Die Erfindung des Handys war für ihn ein Segen, sagt Joachim Martin. "Aber nicht diese neumodischen Dinger, auf denen man herumwischen muss." Nein: Für den Frohnauer musste das mobile Telefon Tasten haben. "Hinter jeder dieser Tasten war eine andere Nummer abgespeichert, sodass ich nur einmal drücken musste, um entweder den Mitarbeiter für den Pannendienst oder den Kollegen für den Abschleppdienst zu benachrichtigen", sagt Martin. 365 Tage im Jahr, 24 Stunden täglich - das Handy durfte auch auf der Toilette nicht fehlen. Seit Neujahr, 0 Uhr, schweigt das Telefon - erstmals nach 27 Jahren. Für ihn völlig ungewohnt. "Ich dachte zuerst, ich bin im falschen Film", sagt der Frohnauer. Nein. Er ist "nur" im Ruhestand.

Diese vergangenen 27 Jahre des Frohnauers waren bestimmt von seiner Arbeit und die wiederum vom Allgemeinen Deutschen Automobil-Club, besser bekannt als ADAC. Schon im August 1990 - also noch vor der Wiedervereinigung - unterschrieb Martin einen Vertrag mit Europas größtem Verkehrsclub. Das sei damals alles relativ unspektakulär verlaufen. "Vielleicht, weil ich einen guten Fürsprecher hatte", erinnert sich Martin. Damit meint er den einstigen Chef des Automobil- und Motorradclubs (AMC) der Annaberg-Buchholzer Partnerstadt Weiden. "Er war auch ADAC-Partner. Kennengelernt haben wir uns über den Motorsport, da ich wiederum Vorsitzender des Annaberg-Buchholzer AMC war und noch bin. Er hat mir jedenfalls die Türen geöffnet", glaubt Martin, der eigentlich studierter Textilingenieur ist. Weil diese Branche hierzulande aber zur Wende den Bach runter zu gehen schien, wollte er sich verändern. Und so machte er sich 1990 mit einer Abschlepp-Firma in Frohnau selbstständig. "Dazu passte der ADAC-Vertrag natürlich perfekt", sagt er. Ebenso wie die alte Taxi-Werkstatt des Kraftverkehrs an der Wilischstraße in Annaberg-Buchholz, die er schon zwei Jahre später kaufte und damit seine Firma vergrößerte. Diese bis heute freie Werkstatt sei nötig gewesen, um die zu Spitzenzeiten sieben Mitarbeiter auch dann beschäftigten zu können, wenn es gerade einmal keine Einsätze für den ADAC zu fahren gab.

Drohen konnten solche natürlich zu jeder Zeit. Deshalb sei es die Forderung der Münchener gewesen, das Martin bzw. seine Kollegen rund um die Uhr erreichbar sind. "Um das realisieren zu können, habe ich mit CB-Funk begonnen. Doch aufgrund der hiesigen Topografie musste ich unterwegs immer auf eine Anhöhe fahren, um Verbindung zu bekommen. Zudem bin ich unterwegs immer wieder zu Münzfernsprechern gefahren und habe zu Hause angerufen, ob schon ein nächster Auftrag vorliegt. Insofern war es für mich eine Erlösung, als das Handy auf den Markt kam, wenngleich es auch damit zunächst Schwierigkeiten gab", erzählt Martin, dessen Einsatzgebiet sich auch ins Tschechische erstreckte, teilweise bis Prag.

Und gerade bei den Nachbarn hat er im Lauf der Zeit mit die verrücktesten Einsätze erlebt. "Ich weiß nicht, wie oft wir im Winter mit unserem Allrad-LO Leute aus irgendwelchen Wäldern holen mussten, nur weil sie stur dem Navi gefolgt sind und sich dann festgefahren haben. Schilder am Wegesrand, die darauf hinwiesen, dass auf jenen Wegen kein Winterdienst erfolgt, wurden einfach ignoriert", sagt der Frohnauer. Aber auch rund um Annaberg habe es Einsätze zum Schmunzeln gegeben. So sei an einem Männertag ein Mann betrunken mit seinem Fiat in den Pöhlbach gefahren. Damit nicht genug. Dort angekommen, fuhr er im Bach rückwärts weiter bis er an einem Wehr hinten abkippte und die Vorderräder in der Luft hingen. Und dann war da noch der Einsatz im Geyerischen Wald. Weil ein Mercedes-Fahrer ein Schäferstündchen mit seiner Beifahrerin plante, fuhr er tief in den Wald hinein, erzählt Martin. Dabei habe sich der Mann allerdings den Spurstangenkopf am Auto abgerissen. "Um die beiden sowie ihr Auto zu bergen, haben wir sogar unseren Allrader gebraucht", sagt der Frohnauer.

Die meisten Notrufe in den 27 Jahren aber seien wegen "abgestürzter" Batterien eingegangen. Die Winter seien deshalb immer sehr einsatzintensiv gewesen. "Der verrückteste Tag war der 1. Februar 1998. Damals hatten wir eine Temperatur von unter minus 15 Grad. Für uns bedeutete das 42 Einsätze in den 24 Stunden. Das war absoluter Rekord."

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