Kartoffelsuppe mit reichlich Geschmack

Theatergeschichte(n) gibt es aus 125 Jahren Eduard-von-Winterstein-Theater viele zu erzählen. Die sind durchaus nicht immer lustig. Aber manchmal lässt sich auch der bitterste Ernst mit Humor besser ertragen.

Annaberg-Buchholz.

Sie gehören zur Gesellschaft, auch wenn sie in Zeiten ständig neuer Rekordmeldungen aus der Bundesagentur für Arbeit mehr und mehr aus dem öffentlichen Blickfeld verschwinden: Menschen, die das sogenannte Arbeitslosengeld II erhalten - besser bekannt unter dem Begriff Hartz-IV-Empfänger. Doch schon diese Begrifflichkeit ist es, die Schauspieler Marvin Thiede vom Eduard-von-Winterstein-Theater aus Annaberg-Buchholz sauer aufstößt. Um diesem Thema wieder mehr Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit zu verschaffen, hat er zusammen mit Schauspielmusikerin Peggy Einfeldt ein Musical zum Thema Hartz IV entwickelt. Morgen Abend feiert das Stück Premiere.

Entstanden ist aus der Idee ein satirisch humorvoller Abend, an dem ganz nebenbei auch noch eine köstliche Kartoffelsuppe gekocht wird. Schließlich hat sie dem Ganzen den Namen gegeben: "Kartoffelsuppe mit Band" haben die beiden ihr Ensemblestück genannt. In dem leben vier arbeitslose Menschen in einer Wohngemeinschaft zusammen - "eine Idee der Arbeitsagentur, um Wohngeld zu sparen", erläutert Marvin Thiede den fiktiven Hintergrund. Also versuchen sich vier völlig unterschiedliche Typen - vier gnadenlos überzeichnete Charaktere, die natürlich alle irgendein Klischee bedienen - für diese Zweckgemeinschaft zusammenzuraufen. Nebenbei suchen sie unter dem Motto des Abends "Zusammenleben macht stark" auch noch den fünften Bewohner. Da kommt das Publikum ins Spiel - hofft zumindest Marvin Thiede.

Ihn beschäftigt das Problem Hartz IV schon sehr lange. Und das nicht nur, weil er als Schauspieler selbst damit schon konfrontiert war. Unmittelbar vor seinem Engagement im heimischen Theater hat er zusammen mit Betroffenen eine Ausstellung mit Bildern und Texten erarbeitet. Ein Projekt, das ihn bis heute bewegt: "So etwas lässt sich nicht einfach abhaken. Da waren Schicksale dabei, die mich echt bewegt haben. Und es war ein kompletter Querschnitt der Gesellschaft", sagt er. Zu einigen der damaligen Beteiligten halte er bis heute Kontakt. Umso mehr ärgert es ihn, dass Hartz IV in der Gesellschaft immer weniger eine Rolle spielt, immer mehr verdrängt wird. Und, dass die Betroffenen "stigmatisiert" und als faul dargestellt werden. Eine große Aktie daran schreibt er dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder zu, der in seiner Amtszeit zusammen mit dem damaligen Volkswagen-Manager Peter Hartz die entsprechenden Reformen auf dem Arbeitsmarkt auf den Weg gebracht hat. Dabei sei vielfach das Opfer zum Täter gemacht worden. Mit ihrem Musical wollen er und Peggy Einfeldt deshalb nicht nur unterhalten. "Das Publikum soll seinen Spaß haben", sagt Marvin Thiede. Aber beide wollen auch zum Nachdenken anregen, zum Hinterfragen.


Unkonventionelle Auseinandersetzung mit ernstem Thema

Der Hintergrund: Die Zentrale der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg verkündet jeden Monat neue Erfolge auf dem Arbeitsmarkt: Die Arbeitslosigkeit in Deutschland ist so niedrig wie noch nie! Also, weiter so! Nur - am Rand der Gesellschaft gibt es sie dennoch: die Arbeitslosengeld-II-Bezieher, im Volksmund auch Hartz-IV-Empfänger genannt. Dass viele Menschen in der Bundesrepublik tatsächlich am Existenzminimum leben, ist aus den offiziellen Statistiken nicht zu erkennen.

Das Stück: "Kartoffelsuppe mit Band" ist ein selbst entwickelter musikalischer Comedy-Abend, der sich auf unkonventionelle Art mit diesem ernsten Thema auseinandersetzt. Satirisch, humorvoll, aber niemals karikierend erzählt er die Geschichte von einem fiktiven Projekt der Bundesagentur für Arbeit, bei dem fünf Arbeitslose in eine WG ziehen sollen, um die sozialen Kassen zu entlasten. Zum chaotischen Zusammenleben der gegensätzlichen Charaktere gehören aberwitzige Situationen, Musik und eine köstliche Kartoffelsuppe.

Die Premiere: Die erste Aufführung der Inszenierung unter der Leitung von Marvin Thiede erleben die Besucher des Eduard-von-Winterstein-Theaters in Annaberg-Buchholz am Freitag ab 20 Uhr auf der Studiobühne. Weitere Vorstellungen sind vorerst für den 4. Februar und für den 11. März vorgesehen - Beginn jeweils 20 Uhr. (af)

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
 Artikel versenden
Die mit * gekennzeichneten Felder sind Pflichtfelder.
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...