Liebenswürdiges Märchenflair

Annaberg zeigt sich als Themenpark und will mit dem Filmfestival "Fabulix" die Sehnsucht nach dem Wunderbaren erfüllen. Setzt dabei auf ein Schaulaufen der Stars, darunter auch Märchenkönig Rolf Hoppe. Wirkt der Zauber?

Annaberg-Buchholz.

Klotzen statt kleckern, heißt es aktuell in Annaberg-Buchholz. Dort wird seit Mittwoch das erste Internationale Märchenfilmfestival Fabulix gefeiert. Ein Fest, aus dem Boden gestampft im filmischen Niemandsland. Zelebriert wird es mit Herz und handgemachtem Pomp - und die Menschen lassen sich darauf ein. Schon zur Eröffnungsfeier am Mittwochabend strömten 800 Frauen, Männer und Kinder auf den Annaberger Markt. Der tschechische Märchenfilm "Der Kronprinz" wurde erstmals in seiner deutschen Synchronfassung gezeigt. Neugierig bezahlten sie ganze 20 Euro Eintritt, um die Startfanfare zu hören und den ersten Festivalfilm und die Eröffnungszeremonie zu sehen.Und warum? Weil Fabulix ein Bedürfnis nach dem Wunderbaren befriedigt und das auf eine sehr liebenswerte Art und Weise. Moderiert wurde die Veranstaltung beispielsweise von einer Prinzessin. Und zwar keine in rosatülliger Disneymanier verkleidete Schauspielerin, sondern eine echte Prinzessin. Alexandra Prinzessin zur Lippe ist keine sechzehn mehr, hat kurze Haare, steht fest im Leben und trägt ein fesches Kostüm. Und doch bekommt auch diese moderne Frau in der Fabulix-Märchenkulisse eine zauberhafte Aura. Sie schlägt die Brücke zwischen dem Sagenhaften und der Realität, durch ihren Titel lebt die Frau in beiden Welten, macht dadurch auch beide möglich. Die Prinzessin spielte mit diesem Umstand, plauderte auf der Bühne quasi als Kollegin mit Schauspielerin Christel Bodenstein über deren Rolle als Prinzessin Tausendschön in der Defa-Verfilmung von "Das singende klingende Bäumchen", der es seit dieser Rolle ganz ähnlich geht.

Und das Publikum hängt an ihrer beider Lippen, den Film kennen viele von Kindheit an, in Annaberg wird er in die Realität geholt. Ein ebensolcher Aha-Moment entstand zur Eröffnung des Festivals auch durch den Auftritt von Pavel Trávnièek, dem Prinzen aus "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel". Der hatte einen Schwank vom Dreh in Petto: Kurz vor der Abblende reitet er im Film mit seinem Aschenbrödel in die winterliche Landschaft hinein. Doch was danach geschah blieb der Öffentlichkeit bislang verborgen. Am Ende des Weges war plötzlich das Pferd weg. Der Prinz hatte es tatsächlich geschafft, sein Pferd im tiefen Schnee zu versenken. Wer das weiß, wird den Film in der Vorweihnachtszeit nun wohl mit anderen Augen sehen, Happy End sieht anders aus.

Genau solche Geschichten verwandeln Gäste in Mitwisser, machen sie zum Teil einer Welt des Films, der Geschichten, des Wunderbaren. Das Festival lässt Vertrautheit entstehen mit seinen ganzen kleinen Lesungen, Stücken und Veranstaltungen. Künstler und Gäste stehen nah beieinander.

Die Annaberger Altstadt ist dafür die perfekte Kulisse. Durch die geschmückten Gassen und die auf mehrere Orte verteilte Kleinteiligkeit der Schauplätze wird die Innenstadt zum Gesamtkunstwerk, zum Themenpark. Und alle machen mit, selbst in den Bäckereien am Markt tragen die Angestellten mittelalterliche Kostüme - und das mit Stolz. Am Rathaus ranken sich Papierrosen, vom Kirchturm baumelt ein Rapunzelzopf - durch liebevolle Detailvielfalt verwehrt sich Fabulix dem Abrutsch in den Kitsch, die Kulisse wirkt authentisch. Die am Programm beteiligte Prominenz befeuert das. Nur allzu gern ist Christel Bodenstein als Fabulix-Ehrenpräsidentin bereit, aus dem Nähkästchen zu Plaudern, schon zur Eröffnungsfeier, später in einer Lesung. In ihr, in den Beteiligten und Machern des Festivals steckt die Lust am Neuanfang, am Unfertigen, der Spaß am ersten europäischen Filmfestival mitten im Erzgebirge.

Dieses Gefühl geben sie auch an die Gäste weiter. Zum Beispiel in dem das angekündigte Staraufgebot nicht gleich am Anfang verheizt wurde. Michael Schanze und der Kinderkanal-Moderator Ben kamen als Ehrengäste zur Eröffnung, präsentierten sich auf dem roten Teppich und folgten dann der Show. Sie komplettierten damit das Gesamtbild und die Gäste konnten sich auf die kommenden Veranstaltungen freuen, die die Prominenten im Festivalrahmen bestreiten.

Heute Abend winkt gleich der nächste größere Festivalhöhepunkt Unter dem Titel "Märchenhafte Sommernachtsmelodien" die Erzgebirgische Philharmonie Aue, die Schlagersängerinnen Helena Vondráèková und Ella Endlich spielen bekannte Filmmelodien.

Gekrönt wird der Galaabend mit einer Preisverleihung. Ausgezeichnet wird der Schauspieler Rolf Hoppe, der für sein Lebenswerk geehrt werden soll. Ein kluger Schachzug, denn die Veranstaltung schmückt nicht nur den 86-jährigen Mimen mit einem zusätzlichen Preis, sondern adelt sich selbst mit diesem prominenten Gast. Und das ist Rolf Hoppe nun wahrlich - und das Generationenübergreifend. Durch seine Rollen in Filmen wie "Mephisto" an der Seite von Klaus Maria Brandauer, als Alt-Nazi in "Schtonk" und unzähligen TV-Produktionen ist er einem breiten Publikum bekannt geworden. Seine Spezialität waren stets mehrdeutige Charaktere, vor allem als Bösewicht konnte er brillieren. Ein anderes Gesicht zeigte er in diversen Märchenverfilmungen. Dort schlägt er als gewiefter Puppenspieler Hans Röckle dem Teufel ein Schnippchen und als König im Kultfilm "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" tritt er jährlich um die Weihnachtszeit wieder ins kollektive Gedächtnis der Märchenfans sämtlicher Generationen.

Mit der Galanacht ist das Märchenfilmfestival noch lange nicht vorbei. Gerade am Wochenende liegt der Schwerpunkt auf einem bunten Familienprogramm, mit zahlreichen Filmen, Veranstaltungen und einer Ausstellung mit originalen Märchenkostümen aus den tschechischen Barrandov-Studios.

Dabei befindet sich das Festival in stetem Spagat zwischen einem Familienfest mit regionalem Touch und einem internationalen Filmfestival mit Staraufgebot und Symposium. Langfristig wird sich Fabulix für eine der beiden Seiten entscheiden müssen, da die Zielgruppen doch sehr verschieden sind.

Bis dahin gilt es ein seltenes, wildes Potpourri zu bewundern. Veranstaltungen, Theater, Kulinarisches, Filmstars, Glamour und Gemütlichkeit - all das ist Fabulix. Professionalität und Lokalkolorit liegen dabei stets nah beieinander.

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