Einmal Schloss knacken für 1027,43 Euro

Fast 8000 Beratungsgespräche haben die Mitarbeiterinnen der Verbraucherzentrale in Aue im vergangenen Jahr geführt. Dabei zeigte sich: Häufig lauern die Betrüger online.

Aue.

Der Trick ist fast so alt wie das Telefonbuch. Aber wer schaut heute eigentlich noch ins Telefonbuch? Als einem Ehepaar aus Aue die Wohnungstür zufiel, googelten die Leute nach einem Schlüsseldienst. Eile tat Not, denn das Kleinkind der Familie war in der Wohnung zurückgeblieben - und der Küchenherd war an.

"Die Leute riefen den Schlüsseldienst an, den sie im Internet als Erstes fanden. Der Klempner öffnete die Tür und stellte ihnen 1027,43 Euro in Rechnung", sagt Simone Woldt, die Leiterin der Beratungsstelle Aue der Verbraucherzentrale Sachsen. Statt an einen einheimischen Schlüsseldienst mit moderaten Preisen war die Familie an einen Dienstleister geraten, der in den alten Bundesländern sitzt, ein Netzwerk aus Subunternehmern beschäftigt und völlig überzogene Preise verlangt.

Es war ein alter Trick in modernem Gewand: Früher inserierten solche Anbieter in den örtlichen Telefonbüchern, um sich den Anstrich von Regionalität zu geben. Vor den Firmennamen wurde die Buchstabenkombination "AAA" gesetzt. Das sorgte dafür, dass die Firma im Telefonbuch ganz oben erschien. Heute zahlen solche Anbieter einen Obolus an den Suchmaschinenbetreiber, um bei der Stichwortsuche im Internet oben zu stehen. Das Ergebnis für den Verbraucher ist oft das Gleiche: eine längere Wartezeit als versprochen und ein gepfefferter Preis.

Der Abzocker, an den das Auer Ehepaar geriet, war ein Unternehmer aus Essen, der den Verbraucherschützern bundesweit aufgefallen ist. "Wir haben mehrfach gegen ihn geklagt und gewonnen, weil er zu keinem Gerichtstermin erschien", sagt Woldt. Als der Mann die Rückzahlungen schuldig blieb, stellte die Verbraucherzentrale Haftantrag - aber da saß der Essener bereits wegen anderer Delikte im Gefängnis.

7996 Beratungskontakte hatten die drei Mitarbeiterinnen der Verbraucherzentrale Aue im vergangenen Jahr. Das geht aus der jetzt veröffentlichten Jahresbilanz der Beratungsstelle hervor. Neben Telefonaten, Vorträgen und Hausbesuchen gehörten dazu 1405 Gespräche in der Geschäftsstelle. Eine Steigerung um 39 Prozent zum Vorjahr.

"Es reicht oft nicht mehr, Betroffenen Hilfe zur Selbsthilfe zu geben", sagt Simone Woldt. "Immer häufiger müssen wir im Namen des Verbrauchers mit dem Anbieter verhandeln." Das sei besonders oft bei ungünstigen Handy-, Strom- oder Versicherungsverträgen der Fall. So mancher Handyshop verweise unzufriedene Kunden inzwischen schon an die Verbraucherzentrale.


Drei dreiste Abzockmaschen

Zum Einzugsgebiet der Auer Beratungsstelle gehören die Altkreise Aue-Schwarzenberg, Stollberg und Annaberg. Zu den Fallschwerpunkten in dieser Region zählten 2017:

Unberechtigte Geldforderungen. Zahlreiche Bürger erhielten Post von Inkassobüros. Angeblich hatten sie Schulden bei Lotterien, Serviceanbietern oder Telefonsexdiensten. Meist waren die Schulden frei erfunden.

Fakeshops. Beim Einkauf im Internet waren viele Verbraucher an Verkäufer geraten, die zwar das Geld kassierten, aber keine Ware schickten. Die Verbraucherzentrale rät: Vorsicht bei Onlineshops, die zwar mehrere Bezahlvarianten anbieten, am Ende aber bloß Vorkasse akzeptieren. Den Betroffenen blieb der Gang zur Polizei. Das Geld war in der Regel fort.

Angebliche Urheberrechtsverletzungen. Etliche Bürger erhielten per E-Mail Forderungen über 4000 Euro, weil sie Urheberrechte verletzt haben sollten. Angeblich hatten sie die Software "Adobe Photoshop Cs6 Master Collection" illegal im Internet verbreitet. Die Betroffenen waren sich keiner Schuld bewusst, und die namhaften Rechtsanwaltskanzleien im Anschreiben waren auch nicht die Absender. Es ging darum, die Empfänger zu verleiten, den Button "Dokument abrufen" anzuklicken. "Dahinter verbarg sich vermutlich eine Schadsoftware, mit der Passwörter oder gar Kontodaten abgefischt werden können", teilte die Verbraucherzentrale mit. (mu)

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