Erziehung mit Regenschirm und Haarschneidemaschine

Ein palästinensischer Vater stand am Dienstag vor dem Amtsgericht in Aue, weil er seinen Sohn geschlagen haben soll. Er wunderte sich.

Aue/Schwarzenberg.

Aue/Schwarzenberg. Als der junge Palästinenser (damals 16) eines Morgens mit geschorenem Kopf in seiner Schulklasse in Schwarzenberg-Sonnenleithe auftauchte, gab es natürlich Fragen. Er erzählte seinen Mitschülern von einem Streit mit seinem Vater, auch dass dieser ihn geschlagen habe. Die Schüler erzählten es der Klassenlehrerin, die erzählte es der Direktorin, und irgendwann saß der aus Syrien stammende palästinensische Flüchtlingsjunge im Polizeirevier Aue und erzählte seine Geschichte noch einmal.

Am Dienstag nun saß sein Vater (50) wegen Körperverletzung auf der Anklagebank im Amtsgericht Aue. Zusammen mit seiner Frau und seinen fünf Kindern wohnt der Mann inzwischen in Chemnitz, wo die Familie von Hartz IV lebt. Als der Prozess das erste Mal angesetzt war, blieb er der Verhandlung fern, weshalb wegen der Körperverletzung ein Strafbefehl über 1500 Euro gegen ihn erging. Wie sich herausstellte, wollte der Mann die deutsche Justiz nicht missachten; er war einfach bloß 105 Minuten zu spät dran gewesen. Aber er schien verstanden zu haben, wie das mit Terminen in Deutschland so läuft, und kam Dienstag 15 Minuten früher.

Als Richter Lutz Herrmann fragte, was es mit den Vorfällen auf sich habe, sagte der Vater: "Mein Sohn hat sich an seine Mitschüler gewandt, die haben sich an die Lehrerin gewandt und die sich an ihre Vorgesetzte." Er klang leicht vorwurfsvoll bei diesen Worten.

Der Richter wies ihn darauf hin, dass es um die Vorwürfe aus der Anklageschrift geht. In zwei Fällen soll der Vater seinen Sohn mit einem Regenschirm, in einem Fall auch mit der flachen Hand geschlagen haben. "Um erzieherisch auf ihn einzuwirken", wie es Thomas Zarm von der Staatsanwaltschaft formulierte. "Um ihn für Fehlverhalten zu maßregeln."

"Ich habe meinen Sohn nicht geschlagen", ließ der Vater den Dolmetscher übersetzen. "Wenn mein Sohn Fehler macht, rasiere ich ihm die Haare komplett ab." Das sei seine Erziehungsmaßnahme, und das habe er auch damals getan. Aber Hiebe mit einem Schirm? Ein entschiedenes Nein.
Sein Sohn, ein schlaksiger 17-Jähriger, der mit nackten Füßen in Turnschuhen und einer dünnen Jacke durch das novemberkalte Aue gestapft ist, bestätigte das. Sein Vater habe ihn nicht geschlagen. Der Junge trug eine mächtige Haartolle zur Schau, die darauf hindeutet, dass zwischen ihm und seinem Vater derzeit alles gut ist. Seine Aussage bei der Polizei? Habe er nie gemacht. Als der Staatsanwalt ihn davor warnte, zu lügen, weigerte er sich, weiter gegen seinen Vater auszusagen.

Obwohl der Staatsanwalt davon überzeugt blieb, dass es die Schläge gegeben hat, beantragte er Freispruch. Den gab es dann auch - aus Mangel an Beweisen.

"Vielen Dank", sagte der Vater. Und: "Ich habe noch eine Frage. Wie soll ich meinen Sohn erziehen?"

Richter Herrmann verwies ihn ans Jugendamt.

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