Gießerei aus dem Stadtbild verschwunden

Vogel-Perspektiven: Auf über 6000 Ansichtskarten hat der Schwarzenberger Verlag Vogel von 1898 bis etwa 1955 Gebäude und Landschaft dokumentiert. Vieles ist längst Nostalgie, anderes fast unverändert. Heute: alter Produktionsstandort am Schwarzwasser in Schwarzenberg.

Schwarzenberg.

Mit der Bezeichnung Voigtmannbrücke hält der Volksmund die Erinnerung an einen Schwarzenberger Betrieb wach. Das Unternehmen hatte seinen Standort nahe dieser Schwarzwasserüberquerung und produzierte jahrzehntelang als Eisengießerei - quasi nur einen Steinwurf von den Wahrzeichen Schloss und Kirche entfernt.

Alte Ansichtskarten, so auch welche aus dem Verlag Vogel, vermitteln einen Eindruck von der Lage jenes innerstädtischen Produktionsstandorts, dessen Geschichte nicht erst mit den Gebrüdern Voigtmann begann. Neben dem einstigen Blech- und späteren Kugelhammer, der an der heutigen Obergasse stand und 1770 zu einem Drahthammer wurde, gab es an der Schwarzwasserschleife gegenüber dem Schloss den Güntherhammer. Er wurde laut Heimatforscher Hans Becher als Schaufel-, Waffen- und Zainhammer genutzt. An dessen Stelle trat später eine Eisengießerei, die 1868 durch Johann Friedrich Schettler übernommen wurde. Der legte den unrentablen Hammer still, die Wasserkraft diente der Gießerei und einem neu gebauten Sägewerk. Laut der städtischen Wirtschafts-Chronik kaufte 1874 Traugott Voigtmann beide Betriebsteile von der Schettler-Witwe, nachdem er seit 1871 schon Pächter des Sägewerks gewesen war. Als 1883 die Söhne den Besitzstand übernahmen, wurde die Firma unter dem Namen Gebrüder Voigtmann weitergeführt. In den folgenden Jahrzehnten gab's umfangreiche Erweiterungen und Umbauten, auch das große Wohnhaus entstand.

Eisengießerei, Säge- und Hobelwerk wurden am 1. Oktober 1923 zur Aktiengesellschaft. 1926 nennt das Adressbuch "Egmund und Guido Voigtmann in der Karlsbader Straße 27" als Fabrikbesitzer und Betreiber der einzigen Eisengießerei in Schwarzenberg. Die Auswirkungen von zwei Weltkriegen und mehreren Hochwassern überstand der Betrieb in privater Regie. In DDR-Zeit mussten die Inhaber staatliche Beteiligung aufnehmen. 1972 wurde die Kommanditgesellschaft volkseigener Betrieb, der in Hoch-Zeiten mehr als 100 Leuten Lohn und Brot gab. Verschiedenste Gussteile, zum Beispiel für Armaturen, prägten das Produktionsprogramm. Grauguss und Maschinenformguss, Konservieren und Wärmebehandeln von Gussstücken sowie Modellanfertigungen gehörten zum Angebot.

Nach der Privatisierung im wiedervereinten Deutschland war der Eisengießerei keine lange Existenz mehr beschieden: Im November 1993 wurde der Insolvenzantrag gestellt. Das Verfahren löste im Betrieb, in der Stadt und im Kreis heftige Diskussionen aus. Doch die Firma verschwand - erst als Arbeitgeber, dann aus dem Stadtbild. Das große Wohnhaus steht noch, die nahe Brücke erinnert mit ihrem Spitznamen an einstige Eigentümer der Gießerei. 2003 sorgte das Gelände nochmals für Schlagzeilen, weil eine Baufirma dort ein großes Büro- und Geschäftshaus errichten wollte. Inzwischen hat sich die Region sogar an die umstrittene Finanzamt-"Scheune" auf einer Teilfläche gewöhnt.

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