Im Schlafanzug zu Patricia Kelly

Stella und Fanny, für die bei "Leser helfen" viele Menschen gespendet hatten, sind große Musikfans. Doch ein Konzertbesuch ist für die Mädchen ein aufwendiges Unterfangen. "Freie Presse" begleitete sie in den Bürgergarten.

Ehrenfriedersdorf/Stollberg.

Es ist am Montagnachmittag kurz nach 17 Uhr. Im Erdgeschoss des Hauses von Familie Dittrich-Schulz in Ehrenfriedersdorf herrscht schon seit über einer Stunde emsiges Treiben. Die Zwillinge Stella und Fanny liegen in ihren Betten. Sie werden für ihren großen Ausflug vorbereitet. "Wir ziehen den Schlafanzug schon an, damit es nach dem Konzert dann schnell geht", erklärt Mutter Stephanie Dittrich-Schulz. Die Haare der Mädchen hat sie bereits hübsch geflochten. Fanny hat blaue Gummis im Haar, Stella orange.

"Natürlich merken die beiden, dass heute etwas anders ist", sagt Pflegeassistentin Heike Wagner. "Wir haben heute schon 16.30 Uhr Abendbrot gegessen." Hähnchenfleisch, Nudeln und Tomatensoße - fein püriert - hat es für die Mädchen gegeben. "Das hat geschmeckt, Fanny", sagt Heike Wagner zu ihrem Schützling und streichelt ihr dabei liebevoll übers Gesicht. Fanny reagiert darauf. Es wirkt, als hat sie plötzlich ein Lächeln im Gesicht.

Fanny ist die kräftigere von den beiden, sie bringt es auf mehr als 40 Kilogramm. Dadurch ist das Anziehen mit einem ordentlichen Kraftaufwand verbunden. Liebevoll und mit vielen Worten, die die Dinge erklären, die als nächstes anstehen, werden Stella und Fanny für ihren großen Ausflug in den Bürgergarten nach Stollberg fertig gemacht. Dort wollen sie ab 19 Uhr das Weihnachts-Konzert von Patricia Kelly besuchen. Dass die Musik der Kelly Family den beiden Mädchen in Fleisch und Blut übergegangen ist, liegt an Mama Stephanies Begeisterung für selbige.

Ein Konzertbesuch mit den schwerbehinderten Zwillingen, für die vor einigen Jahren viele Menschen bei der "Freie Presse"-Aktion "Leser helfen" gespendet hatten, ist allerdings ein Vorhaben, das gut vorbereitet und von der ersten bis zur letzten Minute durchdacht sein will. Das zeigt sich unter anderem am Gepäck. Zwei große Rucksäcke stehen schon lange parat. "Wir haben Wechselkleidung für beide mit. Zwei Wolldecken, Windeln, Notfall-Medikamente und Trinknahrung", zählt Heike Wagner auf, die die Mädchen nicht nur für das Konzert vorbereitet, sondern die beiden auch nach Stollberg begleiten wird. Der Ausflug wird eine Art "Frauen-Abend", denn neben Mama Stephanie und Heike Wagner kommen auch Betreuerin Diana Ewald, eine Freundin und die Tante von Stella und Fanny mit.

Schon kurz vor 18 Uhr steht der Fahrdienst des DRK Marienberg vor der Tür. "Na ja bei diesem Wetter wäre ich auch ein bisschen früher los", kommentiert Mama Stephanie diese Tatsache, lässt sich aber bei den Vorbereitungen, die mittlerweile im Rollstuhl fortgesetzt werden, nicht aus der Ruhe bringen. Weil die Mädchen keinen Rolli-geeigneten Mantel haben, wird die Jacke einfach falsch herum angezogen, also von vorn übergestreift.

Innerhalb weniger Minuten stehen - dank eines Liftes - die beiden Rollstühle im Auto. Jacqueline Weigelt, Fahrdienstleiterin beim DRK Marienberg, schnallt die Rollis richtig an und schon kann es losgehen. Vorm Bürgergarten in Stollberg sucht sie einen geeigneten Platz, an dem es möglich ist, ganz in Ruhe auszusteigen. "Solche Fahrten machen wir eher selten", sagt sie und bedauert: "Viele sehen die Möglichkeiten gar nicht, die wir bieten." Schließlich sei es so möglich, Menschen mit Handicap auch den Wunsch nach einem Konzertbesuch zu erfüllen. Die Fahrt nach Stollberg ist entspannt. "Die Mädels waren ganz ruhig", sagt Jacqueline Weigelt bei der Ankunft. Sie wird mit ihrem Auto in der Nähe bleiben. "Damit ich schnell wieder hier bin, falls etwas sein sollte."

Die Entscheidung sollte sich leider als richtig herausstellen. Im Bürgergarten wollen die Verantwortlichen den Zwillingen etwas Gutes tun und bieten ihnen Plätze direkt vor der Bühne an. "Das ist leider nicht so ideal", sagt Mutter Stephanie Dittrich-Schulz. "Ich befürchte, dass es zu laut ist. Außerdem wollen wir ja alle beieinander sitzen." Das Problem wird schnell geklärt. Das gesamte Team des Bürgergartens ist freundlich und verhilft zu Plätzen im hinteren Teil des Saals.

Doch der Konzertbesuch wird nicht so entspannt wie erhofft. Bei den ersten Titeln ist noch alles in Ordnung, die Mädchen scheinen die Atmosphäre zu mögen. Doch dann wird Fanny unruhig, beginnt schließlich zu weinen. Schnell fährt Heike Wagner mit ihr ins Foyer. Kurz vor der Pause kommen Stella die Tränen, die noch bis kurz zuvor entspannt mit ihrer Mama das Konzert verfolgt hat. "Wir gehen erst einmal raus", sagt die Mutter und fährt über eine Rampe mit dem Rollstuhl nach draußen.

Die Enttäuschung ist zu spüren - auch wenn sich die Mädchen längst wieder entspannt haben. "Das ist schade, aber mit so etwas müssen wir immer rechnen", sagt Stephanie Dittrich-Schulz. Trotz der Enttäuschung entscheiden sie und Heike Wagner, nach Hause zu fahren. "Das ist besser für die Mädchen", sagt die Pflegeassistentin. Die Fahrt zurück nach Ehrenfriedersdorf verläuft ohne Probleme.

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