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Die Tafel am Fels. Angefertigt wurde sie in der DDR, restauriert im Vorjahr im Auftrag der Landestalsperrenverwaltung. Die Tafel war nur in den Anfangsjahren zugänglich. Da die Mauerkrone 60 Jahre für den Besucherverkehr gesperrt war, kannten sie zuletzt nur noch wenige Menschen. Heute ist sie manchem ein Dorn im Auge.

Foto: Mario Ulbrich

Josef Stalin sorgt für Ärger in Sosa

Mit der Öffnung der Talsperrenkrone vor einem Jahr wurde eine Tafel zugänglich, um die sich Jahrzehnte keiner geschert hatte. Nun keimt eine Debatte um Mörder, Demagogen und Bilderstürmer auf.

Von Mario Ulbrich
erschienen am 13.06.2018

Sosa. Der Stalin, sagt Joachim Hebenstreit (66), sei einer der größten Massenmörder der Geschichte gewesen. "Der Mann hat mehr Russen umgebracht als im Weltkrieg an der Front gefallen sind." Den einstigen SED-Chef Walter Ulbricht und den DDR-Ministerpräsidenten Otto Grotewohl nennt Hebenstreit Demagogen. Die Namen der drei Männer auf einer Ehrentafel lesen zu müssen, empfinde er als Beleidigung.

Die Tafel ist an einer Felswand neben der Staumauer der Trinkwassertalsperre Sosa festbetoniert. In bestem Propagandadeutsch ist auf ihr ein kurzer Abriss des Baus zu lesen, der als ungeheurer Kraftakt des frisch gegründeten Arbeiter- und Bauernstaates galt. Die Talsperre Sosa war das erste zentrale Jugendobjekt der FDJ. Wann immer später Jugendbrigaden in die Aufbauschlacht der jungen Republik geworfen wurden, erinnerten Ideologen an die erstaunliche Leistung von Sosa.

Am Ende des Tafel-Textes werden Ulbricht, Grotewohl und "der große Stalin" namentlich erwähnt. Die beiden DDR-Staatsmänner, weil sie bei der Grundsteinlegung beziehungsweise bei der Einweihung zugegen waren. Der Sowjetdiktator, weil sein Geburtstag das Zieldatum der Fertigstellung war. "Es ist unverschämt, Leute, die sich dort abgerackert haben, in einem Nebensatz zu erwähnen, solche Hampelmänner aber groß hervorzuheben", findet Hebenstreit. Er hat deshalb an das sächsische Kultusministerium geschrieben, jedoch nur die Antwort erhalten, man sei für Schulen zuständig. "Ja, aber wie erkläre ich diese Tafel einer Schulklasse, die wissen möchte, warum dieser Massenmörder hier geehrt wird?", sagt Hebenstreit. Er stammt aus Zwickau und lebt heute bei Würzburg in Bayern.

Zuständig ist die Landestalsperrenverwaltung (LTV) Sachsen. Vor einem Jahr, als die Öffnung der Mauerkrone für den Besucherverkehr bevorstand, hat man sich dort Gedanken über die Tafel gemacht. Es wurde entschieden, das historische Relikt nicht anzutasten. Stattdessen bekam die verwitterte Gussplatte einen neuen Anstrich. Die Behörde steht zu ihrer Entscheidung. Die Tafel sei ein Stück Geschichte und werde nicht entfernt, sagt LTV-Sprecher Ronny Wecke. "Ohne die damalige Regierung hätte es die Talsperre Sosa vermutlich nicht gegeben."

Joachim Hebenstreit würde die Tafel am liebsten einschmelzen, in den Augen von Sosas Ortsvorsteher Tobias Unger wäre das aber Bilderstürmerei. "Es handelt sich um ein historisches Dokument", sagt er. "Seine Meinung kann sich doch jeder selbst bilden. Zensur hatten wir lange genug." Unger fände eine Zusatz-Plakette gut, die den Kontext erläutert, also zum Beispiel, wann und warum die Tafel dort angebracht wurde. Aber die LTV hält das nicht für erforderlich. Die Geschichte rund um die DDR und die FDJ sollte doch bekannt sein, heißt es von dort.

Fraglich ist, ob der Disput damit ausgestanden ist. "Es gab auch schon andere Kritiken in dieser Richtung", sagt Tobias Unger. "Ich denke, damit werden wir uns wohl demnächst im Stadtrat noch ernsthaft auseinandersetzen müssen."

 
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Kommentare
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  • 16.06.2018
    13:31 Uhr

    Hankman: @Freigeist14: Genauso war es. Die Volkskammer zog damals fluchtartig um - wenn ich mich recht entsinne, in das frühere ZK-Gebäude, das im Übrigen viel stärker mit Asbest belastet war als der Palast. (Ein Fun-Fact am Rande, der natürlich heute weitgehend verdrängt wurde.) In den 90er-Jahren gab es im Palast der Republik eine jahrelange, gründliche Asbest-Sanierung. Denn ohne diese wäre der Abriss zu riskant gewesen. Aber nach der Sanierung war das Gebäude weitgehend "clean" - man hätte es also stehen lassen und einer neuen Nutzung zuführen können. Das war jedoch politisch nicht erwünscht. Daran muss ich immer denken, wenn an die unselige Sprengung der Leipziger Universitätskirche 1968 erinnert wird.

    1 1
     
  • 14.06.2018
    14:55 Uhr

    Freigeist14: acals@ ob Ihnen meine Polemik gefällt oder nicht ,kostet mich ein Lächeln. Asbest ist schädlich,wenn er mechanisch behandelt wird. Von Bauarbeiten im Palast im Sommer `90 ist mir bisher nichts bekannt. Die Flucht aus dem Plenum war politisch motiviert .Daran gibt es keinen Zweifel. Nach dem Platzen der SPD/Allianz f.DTL.-Koalition gab es moralisch eh´kaum ein Halten noch. Dieses unwürdige Verhalten heute schönzureden fällt eher unter relativierendes Gedöns der Kohl-Jünger.

    1 3
     
  • 14.06.2018
    08:49 Uhr

    acals: Herr Freigeist - Sie geben sich ja wirklich allergroesste Muehe als Populist wahrgenommen zu werden.
    Ich kann das nicht (wirklich) nachvollziehen.
    Bezeichnen Sie Verweise auf der hier diskutierten Tafel als propagandistisches Gedoens was dem Zeitgeist
    geschuldet war (ich gebe Ihnen ja Recht) - dann wollen Sie doch mit Ihren Anmerkungen zum Asbest nicht gleich wieder propagandistisch auftreten.
    Oder doch? Der Eindruck vertieft sich, dass die Geister die Sie riefen ihnen erheblich zusetzen.

    Sie haetten sich also 08/1990 vor die Volkskammer gestellt und gesagt: Meine Damen und Herren, ich versichere Ihnen und gebe Ihnen
    mein Ehrenwort das es sich bei der Asbestthematik um reinen Populismus handelt und das fuer Ihr Leib und Leben keine Gefahr ausgeht.
    Ich kann so sprechen weil .... (und hier bitte ein Grund angeben der ueber Pleonasmen erhaben ist).

    Es haette auch damals eine hervorragende Alternative gegeben: Ihre Kollegen der SED/SED-PDS/PDS haetten doch einfach weiter in diese Volkskammer
    gehen koennen. Haette man Zugang verweigert stand die Moeglichkeit offen sich den Schluessel einzuklagen - da dieser Ort der angestammte
    Regierungssitz ist. Wenn es u.U. keine Chance auf Schluesselherausgabe gegeben haette - so haette doch alleine dieser Versuch
    gezeigt aus welchem Holz welche Person geschnitzt ist - und das Ihre Kollegen tatsaechlich keine Gefahr gesehen haben.
    Aber ueber einen solchen Versuch liegen mir keine Daten vor. Ihnen?

    Was mich aber betroffen macht: Eine chemische Verbindung ist gut - eine andere kann boese sein? Oder eine chemische Verbindung ist mal gut, mal boese?
    Also: Fuer mich ist das populistisches Gedoens in Reinkultur!

    5 2
     
  • 13.06.2018
    23:19 Uhr

    Hankman: @Deluxe: Ich stimme Ihnen in vielen Punkten zu. Was die Sprengung der Leipziger Universitätskirche 1968 betrifft, bin ich mir aber nicht sicher. Musste die wirklich nur als Symbol weg? Ich glaube nicht. Es ging auch darum, Baufreiheit zu schaffen für den neuen Uni-Komplex. Die Kirche war einfach auch dem damaligen blinden "Fortschrittsglauben" im Weg. Man hatte damals einfach noch keine Ehrfurcht vor solchen historischen Gebäuden (die kam später zurück, noch in der DDR). Ich bin in den 80ern an der Uni ein- und ausgegangen. Wenn man wirklich hätte alles weghaben wollen: Wieso dann die schönen Epitaphe aus der Unikirche in den Schaufenstern am Seminargebäude? Wieso die Glocke im tristen Uni-Innenhof? Die Sprengung war ein Frevel, keine Frage. Aber die Motive waren vielschichtig.

    Die Nachwelt nahm Rache, indem Teile des Uni-Komplexes später abgerissen und andere bis zur Unkenntlichkeit modernisiert wurden. Es ist gut so, wie es dort heute aussieht. Aber natürlich erfolgte auch diese Umgestaltung teils aus ideologischen Gründen. Man wollte die "sozialistische Universität" unkenntlich machen. Das ist wohl einfach so, man tilgt die Zeugnisse einer Geschichte, die einem missfällt. Heute wie damals.

    Ach so, und im Übrigen: Auch heute werden Kirchen gesprengt oder abgerissen. Vor allem im Westen, wo es einfach zu viele gibt für die sinkende Zahl an Kirchengliedern. Manchmal fallen sie auch der Braunkohle zum Opfer - wie Anfang des Jahres der schöne Immerather Dom. Dabei ging es nicht um Ideologie, sondern ums Geldverdienen mit der Kohle. Aber darüber regt sich kaum einer auf. Was für eine Doppelmoral ...

    1 5
     
  • 13.06.2018
    18:20 Uhr

    Freigeist14: Die Asbest"verseuchung" des Palasts der Republik war ein willkommener Anlass,sich diesem Gebäude zu entledigen. Guten Asbest findet man nach wie vor im Westberliner IC-Center.Dort gab es auch keine unwürdige ,überstürzte Flucht ,wie im August 1990 die Abgeordneten der DDR-Volkskammer.

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